USA in der Krise Amerikas Reiche - und der große Rest

99 Hundertstel gegen das eine reiche Prozent: Nur noch ein sehr kleiner Teil der US-Bevölkerung profitiert von Wachstum und wirtschaftlichen Wohltaten. Jetzt wächst die Wut im Land.

Von Christian Wernicke, Washington

Der Protest sprüht Funken. Was in Süd-Manhattan begann, zündet inzwischen anderswo: In San Francisco, der alten Hochburg von Amerikas Linken, marschieren sie, auch im sonst eher schläfrigen Atlanta blockierten Demonstranten am Wochenende Plätze in der Innenstadt. Bis auf die weite Mall in Washington ist die Occupy Wall Street, also die Besetzt-Wall-Street-Bewegung, inzwischen vorgedrungen.

Es ist keine landesweite, gar flächendeckende Bewegung: Der Anti-Kriegs- und Anti-Gier-Protest flackert nur in Großstädten auf, und selten reihen sich mehr als ein paar hundert Aktivisten ein. Aber immer dabei ist ein Pappschild, auf dem sie reklamieren, in der Mehrheit zu sein: "Wir sind die 99 Prozent!"

99 Hundertstel gegen das eine, das reichste Prozent - das ist die Konfliktlinie. Oder genauer: der Graben. Die rasant wachsende Kluft zwischen Arm und Reich in Amerika, das immer steilere Einkommensgefälle zwischen den wenigen Vielverdienern und Millionen Habenichtsen treibt sie auf die Straße.

Der Trend begann in den siebziger Jahren. Von 1970 bis heute haben sich die Gehälter von Amerikas Top-Managern real mehr als vervierfacht; derweil stieg der durchschnittliche Lohn inflationsbereinigt um nur karge 26 Prozent. Wer oben war, bekam immer schneller immer mehr: Das Einkommen des bestverdienenden Tausendstels der US-Gesellschaft stieg von 1970 bis 2008 um 385 Prozent auf 5,6 Millionen Dollar pro Jahr; die zweitbeste Schicht (die Top 0,1 bis 0,5 Prozent) legte um 141 Prozent auf 878.139 Dollar zu. Und die dritte Cremeschicht (die Top 0,5 bis 1,0 Prozent) verbesserte sich um 90 Prozent auf exakt 443.102 Dollar. Jene 137 Millionen Amerikaner, die die unteren 90 Prozent in der Einkommenspyramide ausmachen, haben von 1970 bis 2008 mit einem Realeinkommen von 31.244 Dollar nicht einen Cent dazugewonnen.

Das ist die neue Wirklichkeit: Amerika zerfällt in zwei Teile - in die Reichen und den Rest. Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat die soziale Not verschärft und Millionen Mittelschichts-Amerikaner um den Job und ihr Eigenheim gebracht. Aber die sozio-ökonomischen Triebkräfte, die Amerika zerreißen, wirken sehr viel länger.

Bis zu den späten siebziger Jahren galt ein ungeschriebener Kontrakt, der Amerikas Arbeitnehmer am Wohlstandszuwachs teilhaben ließ: Von 1947 bis 1979 stiegen Produktivität, mittleres Einkommen und durchschnittlicher Lohn weitgehend parallel. Das war der "fair deal", und der zerbrach Anfang der achtziger Jahre. Im Jahr 2007 strich das oberste Hundertstel 23,5 Prozent des Volkseinkommens ein. 1976 hatte ihr Anteil noch bei 8,9 Prozent gelegen.

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