Jemen im Umbruch Rückkehr auf verbrannten Boden

Jemens umstrittener Machthaber Salih ist zurück in seiner Heimat und ruft zu einem Waffenstillstand auf. Die Lösung liege nicht in Gewehr- und Pistolenläufen, wird der Autokrat zitiert, dessen Truppen seit Monaten mit Gewalt gegen Demonstranten vorgehen. Im Ausland wächst die Angst vor einem Bürgerkrieg - und vor Extremisten.

Nach seiner Rückkehr in den Jemen hat Staatschef Ali Abdullah Salih zu einer Waffenruhe aufgerufen. Alle politischen und militärischen Parteien sollten sich daran halten, sagte ein Vertreter des Präsidentenpalastes in der Hauptstadt Sanaa. Die Lösung für den Konflikt liege nicht in Gewehr- und Pistolenläufen, sondern im Dialog und einem Ende des Blutvergießens, zitierte das Verteidigungsministerium den autokratischen Machthaber.

Salih kehrt in Heimatland zurück

Der jemenitische Präsident Ali Abdullah Salih ist einem Fernsehbericht zufolge nach dreimonatigem Aufenthalt in Saudi-Arabien in sein Heimatland zurückgekehrt. mehr ...

Laut der Nachrichtenagentur Saba will Salih binnen weniger Tage eine Rede an die Bevölkerung des Landes halten. Dies werde aus Anlass des 49. Jahrestages des Militärputsches vom 26. September 1962 geschehen, bei dem die absolutistische Herrschaft des letzten Imams beendet worden war. Möglicherweise werde Salih die Rede bereits am Sonntag halten, also am Vortag des Jahrestages.

Die Bundesregierung forderte Salih auf, nach seiner Rückkehr den Weg für einen "friedlichen und geordneten Übergang" freizumachen. Er müsse mit allen Parteien unverzüglich Verhandlungen aufnehmen, damit eine Übergangsregierung gebildet und Wahlen vorbereitet werde könnten, sagte ein Sprecher des Auswärtigen Amtes. Die Bundesregierung wolle das Land dabei unterstützen.

Salihs Rückkehr erfolge "zu einem Zeitpunkt, in dem sich das Land in einer extrem fragilen Lage befindet", sagte der Sprecher. Es müsse nun darum gehen, dass die Lage nicht weiter eskaliere. "Es steht letztlich zu befürchten, dass der Jemen zunehmend in Chaos und Unregierbarkeit abgeleitet." Auch andere Länder befürchten, dass im Jemen in ein Bürgerkrieg ausbrechen könnte.

Salih war am Freitagmorgen nach fast vier Monaten in Saudi-Arabien in einem Privatflugzeug in seine Heimat zurückgekehrt. Bewohner von Sanaa berichteten, Soldaten der loyal zu Salih stehenden Einheiten hätten eineinhalb Stunden lang Freudenschüsse abgegeben, nachdem sich die Nachricht von seiner Ankunft herumgesprochen hatte.

Nach einem Angriff auf seinen Palast war Salih Anfang Juni in das Nachbarland geflogen worden. In Saudi-Arabien wurde der 69-Jährige wegen Brandverletzungen behandelt, die er sich bei dem Bombenanschlag zugezogen hatte. Das Krankenhaus verließ er bereits Anfang August, seitdem hielt er sich offiziellen Angaben zufolge zur weiteren Genesung in Saudi-Arabien auf.

Extremisten könnten das Machtvakuum nutzen

Doch in welch ein Land wird der seit mehr als 30 Jahren regierende Machthaber zurückkehren? Die USA, Saudi-Arabien und andere Länder fürchten, dass Extremisten das Machtvakuum nutzen könnten. Seit Anfang des Jahres hat es im Jemen heftige Proteste gegen das Regime gegeben. Mehrmals nahmen weit mehr als hunderttausend Anhänger der Opposition an den Protesten teil.

Die Protestbewegung wirft Salih unter anderem vor, er versuche, einen Bürgerkrieg anzuzetteln, um sich anschließend als Retter zu präsentieren. Dass Salih jetzt zurückgekommen sei, deute darauf hin, dass er die Machtfrage mit Gewalt lösen wolle, sagte der politische Analyst und Mitbegründer der Bewegung "Demokratisches Erwachen", Abdul-Ghani al-Iryani, der Nachrichtenagentur Reuters. "Seine Leute werden denken, sie seien nun in einer stärkeren Position, und deswegen Kompromisse ablehnen." Der politische Prozess sei durch die Rückkehr tot.

Die Sicherheitskräfte gehen brutal gegen Demonstranten vor, unter anderem werden Scharfschützen eingesetzt. Seit dem Wiederaufflammen der Kämpfe am Sonntag hat die Gewalt einen vorläufigen Höhepunkt erreicht, mehr als hundert Menschen wurden getötet. Eine am Dienstag von Vizepräsident Abdrabuh Mansur Hadi ausgerufene Waffenruhe war bereits am Mittwochmorgen missachtet worden. Insgesamt sollen seit Beginn der Proteste mehr als 450 Menschen ums Leben gekommen sein.

Auch am Freitagmorgen hielten die Gefechte im Stadtteil Hasaba im Norden Sanaas weiter an, wie Anwohner berichteten. Nach Angaben eines Arztes wurden auf dem Platz des Wandels, dem Zentrum der Proteste, in der Nacht zum Freitag zwei Menschen beim Einschlag von Granaten getötet.