Eine Maßnahme zur Budgetsanierung hat ausländische Firmen und auch deren Regierungen besonders befremdet: Im Oktober wurde eine vorerst auf drei Jahre befristete Krisensteuer beschlossen, die auch und vor allem ausländische Firmen trifft. Große Investoren würden dadurch mit 2,5 Prozent ihres Netto-Umsatzes zusätzlich belastet, wie der Deutsche Einzelhandelsverband HDE laut der Zeitung Welt gegenüber Wirtschaftsminister Rainer Brüderle klagte, und Telekom-Chef René Obermann ließ wissen, die "abrupten Entscheidungen der Regierung Orbán" würden dem Wirtschaftsstandort Ungarn, insbesondere was die Investitionsbereitschaft betrifft, nicht dienen.
Anzeige
Orbán macht sich im westlichen Ausland, wo ein großer Teil eben dieser Investoren sitzt, keine Freunde. Gleichwohl ist aus Budapest mit einiger Süffisanz zu hören, dass es seit langem keine so stabile Regierung mehr gegeben habe, welche die Ratspräsidentschaft übernimmt - bei 263 von 386 Mandaten im Budapester Parlament ist dieses Selbstbewusstsein durchaus nachvollziehbar.
Die Agenda, die sich Budapest für die nächsten sechs Monate vorgenommen hat, enthält nicht nur das Krisenmanagement in Finanzfragen, sondern auch eine Reihe eigener Prioritäten. Auf die Energiepolitik will man sich konzentrieren, eine Donauraum-Strategie entwickeln und die "Gewährleistung der kulturellen Vielfalt" sichern - womit vor allem eine gemeinsame Strategie für die Minderheit der Roma gemeint ist. Sieben Prozent der etwa zehn Millionen Ungarn sind Roma, ein Großteil von ihnen ist arm und arbeitslos, viele sind Analphabeten. Schon während der Rückführungsaktionen rumänischer Roma durch die französische Regierung hatte die ungarische Regierung vorgeschlagen, mit einer gemeinsamen Strategie die Integrationsbestrebungen in den Heimatländern zu verstärken, was auch mit Mitteln aus der EU geschehen solle.Bislang kein Wahlversprechen gebrochen
In Ungarn selbst hat die Fidesz-Regierung nach wie vor viele Freunde; in Umfragen liegt sie bei einer Zustimmungsrate von 60 Prozent. Auch das wird im Westen mit Ratlosigkeit quittiert, schneidet sich doch die Regierung seit Monaten die Verfassung in kleinen Stücken mundgerecht zurecht, außerdem hat sie das stark umstrittene Mediengesetz mit weitreichenden Kontrollrechten der Politik beschlossen und mit der Rentenreform viele Rentenzahler vor den Kopf gestoßen. Andererseits wurde versprochen, den Staatsapparat zu verkleinern. Und es wurden Steuerentlastungen für Familien und Zuschüsse zum Nahverkehr zugesagt.
Fachleute wie der Politikwissenschaftler Ágoston Mráz führen die hohe Unterstützung für die Regierung Orbán durch die Wähler darauf zurück, dass die Sparmaßnahmen der vergangenen Monate weniger die einfachen Leute getroffen hätten als Gutverdiener und Staatsdiener. Die Regierung habe bislang keines ihrer Wahlversprechen gebrochen. Orbán agiere pragmatisch, er vermeide in letzter Zeit eine Ideologisierung seiner Politik - und seine Landsleute sehnten sich nach den Irrungen und Wirrungen unter den Sozialisten nach einer starken Hand.
Nun, stark führen - das kann und will Viktor Orbán. Und selbiges hat er auch für Brüssel angekündigt. Allerdings dürfte das Konzert der Großen und Mächtigen, der Platzhirsche Frankreich und Deutschland, dem Regierungschef des kleinen Ungarn nicht viel Raum lassen.
Sie sind jetzt auf Seite 2 von 2
(SZ vom 23.12.2010/dmo)
"Undercover" bei Paketzusteller GLS
Die EU droht zu zerbrechen an Mitgliedsländern, die auf Kosten anderer Länder besser leben wollen als es ihrer Leistungsfähigkeit entspricht. Daraufhin wird in Politik und Presse gejammert, dass die EU-Misere darauf beruhe, dass die politische Angleichung nicht parallel stattgefunden habe.
Gerade deshalb muss Ungarn wegen Einschränkung der Pressefreiheit sein Stimmrecht (und damit die Übernahme der EU-Ratspräsidentschaft ab 01.01.2011) verlieren. Es wurde von den europäischen Staaten in der Hitler-Ära zu lange weggeschaut und auf Läuterung des Despoten vertraut. Aus der Geschichte lernen, den Anfängen wehren. Sofortiger Stimmrechtsverlust für Ungarn.
Mit Art. 7 (1) des Vertrages - eingeführt in den EU-Vertraf im Zusammenhang mit den Haider-Vorgängen in Österreich - hat man das notwendige Instrumentarium. Nicht beobachten, sondern sofort handeln. Das ungarische Mediengesetz aktiviert bereits jetzt die Schere im Kopf von Journalisten und Medienleuten. Bitte Art 7 (1) sofort anwenden, sonst ist die EU, auch politisch gesehen, nicht mehr zu retten. Selbstverständlich herrscht in der BRD auch keine Pressefreiheit - allerdings nicht abgesegnet per Gesetz, sondern gründet nur auf der Schere im Kopf der Medienleute, aus welch fraglichen Motiven auch immer. Ein ähnliches Gesetz wie in Ungarn in Deutschland wäre fatal.
Ein ungarischer Freund schrieb mir, ich zitiere auszugsweise:
"Selbst die Fidesz-Votanten beginnen es einzusehen, aber ist schon spät. Ich als Ungar schäme mich auch im Namen der beiden Drittel vor ganzem Europa, und was
unsere Regierung betrifft, na ja, sie hat die rasche Antwort auf alle
möglichen Vorwände. Jetzt lese ich zum Beispiel, dass der Sprecher von unser
König, Viktor Orbán eben verkündigt hat, dass die Vorwürfe vom Außenminister
der Luxemburg verständlich seien, weil er auch ein Sozialist ist...
Doch gibt es noch Demokraten in Ungarn, und hoffe ich herzlich, dass sie
nicht niederhalten werden. Aber wer weiß es? Wir können demonstrieren, Posts
auf dem Facebook setzen, und Protestieren mit der Teilnahme von Außländern
(z. B. das:
http://www.petitions24.com/hands_off_culture_and_media_in_hungary), doch,
wie man sagt, "Die Hunde bellen, die Karawane zieht weiter": Orbán weiss
genau, dass ihm nichts passieren kann."
Der Mann wird nicht zum Problem, er ist schon ein Problem, bzw. die Politik, die er macht, ist ein Problem. Peinlich ist nur, wie lange die EU und ihre Mitgliedstaaten gebraucht haben, um das zu merken. Das neue Gesetz ist in Ungarn doch schon seit Wochen in der Diskussion.
...durch die Löschung meines letzten, satirisch angehauchten, Kommentar haben sie sich als selbsternannte Kämpfer für die Sache der Presse- und Meinungsfreiheit quasi selbst entzaubert.
Freie Meinungsäusserung JA, aber NUR wenn...
Nun SZ, Pressefreiheit schön und gut, nur wozu eigentlich braucht man eine freie Presse die so lammfromm, so unkritisch und alles von Regierungsseite so gerne aufsaugt und weiterverbreitet, dass man den Eindruck hat, es handelt sich um ein Ressort der Regierung?
Was ist von einer freien Presse zu Halten, die oft im Besitz einzelner Personen/Familien ist?
Und was ist mit dem Problem, dass eine Zeitung auch Gewinn machen muss auf Teufel komm raus was zu weiterne Problemen führt?
Die Probleme/Fehler der hiesigen Presse sind nur schwer mit dem Mediengesetz Ungarns zu vergleichen, Kritik an der eigenen Arbeit ist jedoch auch bei Euch tabu.
Allein das Label "freie Presse" macht diese doch noch nicht unabhängig oder gar seriös, dass müsstet ihr doch von den Kollegen von z.B. Bunte, um ein Beispiel zu nennen, kennen.
Wenn die Mehrheit der Presse sich fast ausnahmslos mit Boulevard und Klatsch&Tratsch beschäftigt ist sie zwar immer noch frei, aber ob sie dann noch eines demokratischen Staates würdig ist, bzw. im demokratischen Staat als 4te Gewalt dient, ist sehr unwahrscheinlich.
Paging