Ungarn übernimmt 2011 die EU-Ratspräsidentschaft - und Premier Viktor Orbán muss diplomatisches Geschick beweisen. Doch das neue Mediengesetz wirft die Frage auf: Darf so ein Mann Europa führen?
Viktor Orbán präsentiert sich derzeit als ganzer Europäer. Während der im Januar beginnenden EU-Ratspräsidentschaft würden nicht etwa jene Fragen im Mittelpunkt der Arbeit stehen, die insbesondere sein eigenes Land beträfen, sagte Ungarns Premier kürzlich nach dem EU-Gipfel in Brüssel - es seien vielmehr große europäische Sachfragen wie die von den Vorgängern "geerbten wirtschaftlichen Probleme", um die sich Budapest nun mit ganzer Kraft kümmern werde.
Bild vergrößern
Ungarns Regierungschef Viktor Orbán präsentiert sich gerne als politisches und rhetorisches Schwergewicht. (© dpa)
Anzeige
Bis zum Frühjahr müsse der Lissabon-Vertrag modifiziert und bis zum Juni ein Finanzstabilisierungsmechanismus geschaffen werden. Die Ungarische politische Rundschau des Budapester Think-Tanks Nezöpont zitiert Orbán mit dem Satz, im Interesse des Euro müssten historische Entscheidungen getroffen werden. Sein Land übernehme die Ratspräsidentschaft "zur vielleicht schwersten Zeit in der Geschichte der Union".Politisches und rhetorisches Schwergewicht
Historisch, große Sachfragen, schwerste Zeit - Ungarns Regierungschef präsentiert sich als politisches und rhetorisches Schwergewicht. Und das muss er auch, denn nicht nur in Brüssel, sondern auch in zahlreichen Hauptstädten Europas schaut man mit wachsender Skepsis auf die Führungsrolle, die Ungarn in der EU in nächster Zeit einnehmen soll.
Die Berichte über den Umgang mit der Zweidrittelmehrheit, die Orbáns Partei Fidesz in den April-Wahlen errungen hatte, haben in der EU einige Besorgnis darüber ausgelöst, dass sich da eine Regierung durch den Umbau der Verfassung und den Abbau von Freiheitsrechten auf Dauer an der Macht einrichten will.
Das neue Mediengesetz hat nun alle Bedenken bestätigt und einen Sturm der Kritik entfacht. Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) erklärte am Mittwoch, das Gesetz sei eine Gefahr für kritische Medien und die öffentliche Debatte in dem Land. Die deutsche Bundesregierung ließ mitteilen, als künftige EU-Ratspräsidentschaft trage Ungarn "besondere Verantwortung für das Bild der gesamten Europäischen Union in der Welt", und das Land müsse die Kritik der OSZE ernst nehmen.
Orbán allerdings scheint sich unantastbar zu fühlen, obwohl Ungarn durch die Finanzkrise schwer gebeutelt ist. Ungarn musste im Herbst 2008 als erstes EU-Land von Brüssel und dem Internationalen Währungsfonds durch Milliardenkredite vor dem Bankrott gerettet werden, derzeit werden Ungarns Staatsanleihen von Ratingagenturen nur knapp über Ramschniveau bewertet. Analysten fordern seitdem von der Regierung Orbán eine grundlegende Sanierung der Staatsfinanzen. Mit ihrer Politik setzt Orbáns Regierung auf Steuersenkungen und auf ein rasches Anspringen der Konjunktur; sollte die Rechnung nicht aufgehen, könnte sich Ungarn schnell wieder in einer Lage wie Irland oder Spanien befinden.
Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite
Die EU droht zu zerbrechen an Mitgliedsländern, die auf Kosten anderer Länder besser leben wollen als es ihrer Leistungsfähigkeit entspricht. Daraufhin wird in Politik und Presse gejammert, dass die EU-Misere darauf beruhe, dass die politische Angleichung nicht parallel stattgefunden habe.
Gerade deshalb muss Ungarn wegen Einschränkung der Pressefreiheit sein Stimmrecht (und damit die Übernahme der EU-Ratspräsidentschaft ab 01.01.2011) verlieren. Es wurde von den europäischen Staaten in der Hitler-Ära zu lange weggeschaut und auf Läuterung des Despoten vertraut. Aus der Geschichte lernen, den Anfängen wehren. Sofortiger Stimmrechtsverlust für Ungarn.
Mit Art. 7 (1) des Vertrages - eingeführt in den EU-Vertraf im Zusammenhang mit den Haider-Vorgängen in Österreich - hat man das notwendige Instrumentarium. Nicht beobachten, sondern sofort handeln. Das ungarische Mediengesetz aktiviert bereits jetzt die Schere im Kopf von Journalisten und Medienleuten. Bitte Art 7 (1) sofort anwenden, sonst ist die EU, auch politisch gesehen, nicht mehr zu retten. Selbstverständlich herrscht in der BRD auch keine Pressefreiheit - allerdings nicht abgesegnet per Gesetz, sondern gründet nur auf der Schere im Kopf der Medienleute, aus welch fraglichen Motiven auch immer. Ein ähnliches Gesetz wie in Ungarn in Deutschland wäre fatal.
Ein ungarischer Freund schrieb mir, ich zitiere auszugsweise:
"Selbst die Fidesz-Votanten beginnen es einzusehen, aber ist schon spät. Ich als Ungar schäme mich auch im Namen der beiden Drittel vor ganzem Europa, und was
unsere Regierung betrifft, na ja, sie hat die rasche Antwort auf alle
möglichen Vorwände. Jetzt lese ich zum Beispiel, dass der Sprecher von unser
König, Viktor Orbán eben verkündigt hat, dass die Vorwürfe vom Außenminister
der Luxemburg verständlich seien, weil er auch ein Sozialist ist...
Doch gibt es noch Demokraten in Ungarn, und hoffe ich herzlich, dass sie
nicht niederhalten werden. Aber wer weiß es? Wir können demonstrieren, Posts
auf dem Facebook setzen, und Protestieren mit der Teilnahme von Außländern
(z. B. das:
http://www.petitions24.com/hands_off_culture_and_media_in_hungary), doch,
wie man sagt, "Die Hunde bellen, die Karawane zieht weiter": Orbán weiss
genau, dass ihm nichts passieren kann."
Der Mann wird nicht zum Problem, er ist schon ein Problem, bzw. die Politik, die er macht, ist ein Problem. Peinlich ist nur, wie lange die EU und ihre Mitgliedstaaten gebraucht haben, um das zu merken. Das neue Gesetz ist in Ungarn doch schon seit Wochen in der Diskussion.
...durch die Löschung meines letzten, satirisch angehauchten, Kommentar haben sie sich als selbsternannte Kämpfer für die Sache der Presse- und Meinungsfreiheit quasi selbst entzaubert.
Freie Meinungsäusserung JA, aber NUR wenn...
Nun SZ, Pressefreiheit schön und gut, nur wozu eigentlich braucht man eine freie Presse die so lammfromm, so unkritisch und alles von Regierungsseite so gerne aufsaugt und weiterverbreitet, dass man den Eindruck hat, es handelt sich um ein Ressort der Regierung?
Was ist von einer freien Presse zu Halten, die oft im Besitz einzelner Personen/Familien ist?
Und was ist mit dem Problem, dass eine Zeitung auch Gewinn machen muss auf Teufel komm raus was zu weiterne Problemen führt?
Die Probleme/Fehler der hiesigen Presse sind nur schwer mit dem Mediengesetz Ungarns zu vergleichen, Kritik an der eigenen Arbeit ist jedoch auch bei Euch tabu.
Allein das Label "freie Presse" macht diese doch noch nicht unabhängig oder gar seriös, dass müsstet ihr doch von den Kollegen von z.B. Bunte, um ein Beispiel zu nennen, kennen.
Wenn die Mehrheit der Presse sich fast ausnahmslos mit Boulevard und Klatsch&Tratsch beschäftigt ist sie zwar immer noch frei, aber ob sie dann noch eines demokratischen Staates würdig ist, bzw. im demokratischen Staat als 4te Gewalt dient, ist sehr unwahrscheinlich.
Paging