Ultraorthodoxe Juden in Israel Wo Frauen ihr Gesicht verlieren

Schöne Frauen in der Werbung sind andernorts ein Blickfang, in Jerusalem eine Seltenheit. Mitglieder der ultraorthodoxen Minderheit in Israel reißen Plakate ab, schüchtern Werbeagenturen ein und gehen gegen tanzende Mädchen vor. Die Zahl ihrer Anhänger steigt. Immer mehr Frauen fühlen sich unterdrückt. Jetzt wehren sich mutige Mütter und Töchter.

Von Anja Rillcke

Drei Jahre haben sie im Verborgenen getanzt. Hinter blickdichten Vorhängen, um die ultraorthodoxen Juden in der Nachbarschaft nicht zu provozieren. Bis die Tanzschulleiterin Tzaphira Stern Assal vor einigen Tagen genug hatte. Vor der Premiere einer zeitgenössischen Performance ließ sie die Vorhänge der Kolben Dance Company im Jerusalemer Stadtteil Nahlaot entfernen. Der Blick von der Straße auf die Tänzer war frei. Es sollte ein Zeichen sein, ein Zeichen für mehr Toleranz.

Wie Assal stellen sich immer mehr liberale Israelis gegen eine Entwicklung in der israelischen Hauptstadt, die Frauen aus dem öffentlichen Raum verbannt. Der wachsende Einfluss ultraorthodoxer Juden bedeutet für sie eine zunehmende Sittenstrenge in Jerusalem.

Die Zahl der Haredim, der "Gottesfürchtigen", wächst und wächst. Sie gelten als die konservativste Gruppe innerhalb des Judentums. Die Mitglieder leben nach einem strengen Religionskodex. Tanzende und singende Frauen sind mit dem Keuschheitsgebot unvereinbar, Geschlechtertrennung wird vorgeschrieben. Die Glaubensgemeinschaft schirmt sich vor allem in Jerusalem zunehmend von der modernen Gesellschaft ab. "Beinahe wie im Ghetto", formuliert es der liberale Rabbiner Uri Ayalon.

Im Gespräch mit sueddeutsche.de sagt er: "Es sind vor allem ultraorthodoxe Rabbiner, die den Wandel der Lebensgewohnheiten im modernen Israel missbilligen. Aus Angst, an den Rand einer zunehmend westlich orientierten Gesellschaft gedrängt zu werden, radikalisieren sie sich mehr und mehr."

Am sichtbarsten wird das auf den Reklameflächen in den Straßen. "Unsere Poster wurden immer wieder abgerissen oder entstellt. Aus Angst vor weiterer Zerstörung haben wir uns letzten Endes auf einen Ballettschuh beschränkt", erzählt die Tanzschulleiterin Stern Assal.

Beinahe jeden Tag wurden die Tänzer bisher bei den Proben gestört. Unbekannte schlugen gegen die Scheiben und schüchterten Ensemblemitglieder ein, erzählt Stern Assal. Die couragierte Tanzschulleiterin hat Angst: "Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie wieder auftauchen oder die Scheiben einwerfen." Seitdem die Vorhänge geöffnet wurden, kommen deshalb jeden Abend vier bis fünf Freiwillige, um sicherzugehen, dass nichts passiert.

Geschlechtertrennung in Schulen nimmt zu

Einige Werbeagenturen gaben dem Druck der ultraorthodoxen Juden bereits nach und verbannten weibliche Models von den Reklametafeln der Hauptstadt. Auf den Postern, die in Jerusalem die aktuelle Winterkollektion anpreisen, trennte das israelische Modehaus Honigman seinem Model Sandy Bar kurzerhand den Kopf ab. Was vom Bildausschnit blieb, waren kaum mehr als ein Arm und eine daran baumelnde Handtasche. Im übrigen Land zeigte das Label hingegen die unzensierte Version.

Unternehmen, die sich den ultraorthodoxen Anschauungen nicht derart bereitwillig unterordnen wollen, laufen Gefahr, ins Visier der religiösen Fanatiker zu geraten. Über die ganze Stadt verteilt finden sich demolierte Werbebanner mit schwarz angesprühten oder halb abgerissenen Frauenköpfen. Schriftzüge brandmarken sie als "illegal", schildert die britische Tageszeitung The Guardian.

Jerusalems Bürgermeister Nir Barkat appellierte in einem offenen Brief an die lokalen Polizeibehörden, die Ausgrenzung von Frauen im öffentlichen Raum zu stoppen. Wie die israelische Tageszeitung Haaretz berichtet, mahnte er: "Wir müssen sicherstellen, dass diejenigen, die mit den Gesichtern von Frauen in der Stadt werben wollen, das auch tun können - ohne Angst haben zu müssen, dass Reklametafeln oder Busse Ziele von Vandalismus und Entstellung werden."