TV: "Tatort Internet" Frau zu Guttenberg am Pranger

Eine Fernsehfirma geht ohne Rücksicht auf rechtsstaatliche Prinzipien auf Verbrecherjagd - und entfacht eine Debatte, die Differenzierungen unmöglich macht.

Ein Kommentar von Andrian Kreye

Nun ist auch diese Debatte aus dem Ruder gelaufen. Seit die Ministergattin Stephanie zu Guttenberg die Fernsehsendung "Tatort Internet" co-moderiert, wird weniger über Kindesmissbrauch, als über das Boulevardfernsehen und seine Methoden gestritten. Darf eine Fernsehsendung Verbrecher in die Falle locken? So nämlich verfährt die Sendung mit potenziellen Kinderschändern. Moralisch ist die Frage leicht zu beantworten: Im Angesicht des Verbrechens erscheint so manches Mittel als legitim.

Rechtlich ist das nicht ganz so einfach. Anstiftung zum Missbrauch wäre eine Straftat. Nach der gängigen Auslegung deutscher Strafgesetze reicht schon die bloße Herbeiführung einer verlockenden Situation, um sich strafbar zu machen. Das ist auch der Vorwurf, der gegen "Tatort Internet" laut wird. Da posiert eine erwachsene Journalistin in Internet-Chatrooms als Teenager, verabredet sich mit Pädophilen, die dann zunächst auf eine sehr jung wirkende Schauspielerin und dann auf ein Fernsehteam treffen

Nun muss ein Lockspitzel oder ein verdeckter Ermittler eine Anklage wegen Anstiftung nicht fürchten - wenn er für die Ermittlungsbehörden tätig ist. Doch eine Fernsehproduktionsfirma ist nicht die Polizei. "Tatort Internet" ist auch keineswegs ein zeitgemäßer Nachfolger von "Aktenzeichen XY", denn die Verbrechen, nach deren Tätern da gefahndet wird, sind ja noch gar nicht passiert, sie werden von den Sendungsmachern erst provoziert, um dann im letzten Moment abgebrochen zu werden. Das erinnert an Steven Spielbergs Science-Fiction-Film "Minority Report", in dem Tom Cruise nach Menschen fahndet, die in Zukunft ein Verbrechen begehen werden, um sie noch vor der Tat zu verhaften. Allerdings war selbst Tom Cruises Filmfigur eine Art Polizist.

Einer der Verdächtigen, der 61-jährige Leiter eines Kinderdorfes, ist nun verschwunden. Befürchtungen werden laut, dass er den selben Ausweg aus der Strafverfolgung gewählt hat, wie der texanische Staatsanwalt während eines Drehs für "To Catch a Predator", dem amerikanischen Vorbild für "Tatort Internet". Als Kamerateam und Polizei zur Hausdurchsuchung erschienen, erschoss sich der Verdächtige. Die amerikanische Sendung wurde inzwischen abgesetzt.

Stephanie zu Guttenberg hatte eigentlich den richtigen Weg eingeschlagen - egal, ob sie sich nur als potenzielle Kanzlergattin ins Gespräch bringen wollte, oder ob sie ein ernsthaftes Anliegen hat. Sie engagiert sich seit Jahren für den Kinderschutz. Sie steht als Präsidentin der deutschen Abteilung von "Innocence in Danger" vor, einer privaten Organisation, die aus einem Kinderschutz-Programm der Unesco hervorgegangen ist. Die kümmert sich unter anderem darum, pädophilen Waisenhausbetreibern im Flutkatastrophengebiet von Sri Lanka und internationalen Kinderhändlern das Handwerk zu legen. Hauptanliegen der Organisation ist die Prävention von Kindsmissbrauch und die Verfolgung von Kinderpornografie im Internet.

Es gibt kaum Anliegen, das politisch, moralisch und publizistisch so unangreifbar ist, wie der Kampf gegen Kindesmissbrauch. Dass die Debatte so falsch läuft, sagt deswegen wenig über das Thema an sich und auch nur wenig über Anliegen und Ambitionen von Frau Guttenberg aus. Sie zeigt vielmehr, dass sich Deutschland in einem hochgradig nervösen Zustand befindet, in dem jede Debatte zu einer umgehenden Polarisierung führt, die Differenzierungen unmöglich macht - egal ob es um neue Technologien geht, islamische Einwanderer oder eben Kindesmissbrauch.

Im Falle "Tatort Internet" ist das Problem, dass im Kern der Debatte nun nicht mehr steht, dass Pädophile im Internet nach minderjährigen Opfern suchen. Im Kern stehen nun die Methoden der Fernsehproduktionsfirma, die ähnlich wie eine Bürgerwehr auf eigene Faust und ohne Rücksicht auf rechtsstaatliche Prinzipien auf Verbrecherjagd geht. Eine Debatte darf nicht so geführt werden, dass sie einen zwingt, für oder gegen die Verfolgung von Verbrechen einzutreten.

Es geht um den Unterschied zwischen Polarisierung und Aufklärung.

Nicht einmal der Satz, dass der Zweck die Mittel heilige, lässt sich zur Verteidigung von "Tatort Internet" ins Feld führen. Im Gegensatz zu ihren US-Kollegen, die stets mit Polizei und Behörden kooperierten und die Verdächtigen verhaften ließen, haben die Sendungsmacher in Deutschland die in die Falle getappten potenziellen Kinderschänder nämlich wieder laufen lassen. Zwischen Drehtermin und Sendung lagen oft Monate. Der nun abgetauchte Kinderdorf-Leiter wurde beispielsweise schon im Mai abgefangen. Die Sendung lief aber erst im Oktober. Das sind fünf lange Monate - in denen ein mutmaßlich Pädophiler eine Einrichtung für Kinder geleitet hat.

Zumindest diesen Fehler hat der Sender nun eingeräumt. RTL2 ließ vermelden, Zukunft wolle man Arbeitgeber von Verdächtigen informieren, falls diese in ihrem Berufsleben mit Kindern zu tun hätten. Der Schaden ist jedoch schon angerichtet. Stephanie zu Guttenberg wird viel Arbeit damit haben, den guten Ruf ihrer Organisation aus der Debatte zu retten. Denn eines ist in diesem Getöse nicht verhandelbar: der Schutz der Kinder.