Syrien "Wenn es Assad nicht gäbe, gäbe es den IS nicht"

Das Konterfei des syrischen Machthabers Bascher al-Assad ist in Damaskus allgegenwärtig.

(Foto: AFP)

Salem al-Meslet verhandelt als Sprecher der syrischen Opposition in Genf. Er fordert, dass der syrische Diktator vor Gericht kommt.

Von Charlotte Theile, Genf

Das Hotel, in dem sich die Vertreter der syrischen Opposition versammelt haben, ist nicht schwer zu erkennen. Vor der Tür ein großes Polizeiaufgebot - und eine Schlange von Hotelgästen, die sich ihren Aufenthalt in Genf vermutlich anders vorgestellt hatten. Jeder, der hinein will, muss an Kamerateams und Maschinengewehren vorbei. Auf einem gepolsterten Sofa, ganz am Ende der langgezogenen Lobby, sitzt Salem al-Meslet. Als Sprecher des Hohen Verhandlungskomitees der syrischen Opposition führt er stundenlange Verhandlungen - mit den Delegierten, aber auch mit Staffan de Mistura, dem Sondergesandten der Vereinten Nationen.

SZ: Herr al-Meslet, eine Frage steht im Mittelpunkt der Gespräche: Wie lange kann Baschar al-Assad noch Machthaber in Syrien bleiben?

Al-Meslet: Wir sind überzeugt, dass er gehen muss. Das syrische Volk kann ihn nicht länger akzeptieren. Es ist Zeit für Veränderungen, es ist Zeit für politische Verhandlungen.

Ist der Rücktritt Assads für Sie eine Bedingung, um überhaupt verhandeln zu können?

Salem al-Meslet, Sprecher der syrischen Opposition, fordert einen Rücktritt des Machthabers Baschar Al-Assad.

(Foto: AP)

Ich möchte mich nicht auf Bedingungen festlegen oder ein zeitliches Ultimatum stellen. Fest steht: Wir müssen sehen, dass sich etwas bewegt, wir brauchen Zeichen, dass Assad geht. Aber ob das jetzt in zwei Tagen oder in zehn Wochen ist: Wir bleiben so lange hier, wie es notwendig ist. Sicher ist nur: Assad kann nicht Teil des Neuanfangs sein.

Was soll mit ihm passieren?

In Ihrem Land wird jemand ins Gefängnis geworfen, der eine Person umgebracht hat. Assad hat Hunderttausende umgebracht. Er gehört vor Gericht. Wir werden unser Volk fragen, ob sie Assad die Hand reichen möchten. Ich glaube nicht daran, nicht nach allem, was er unserem Volk angetan hat. Wir wollen jemanden, der kein Blut an seinen Händen hat.

Die Gewalt in Syrien geht nicht nur von seinem Regime aus.

Ich bin überzeugt: Wenn es Assad nicht gäbe, gäbe es den Islamischen Staat nicht, es gäbe die al-Nusra-Front nicht. Alles hängt an ihm.

Der Sondergesandte hat gesagt, er hätte als Erstes mit den syrischen Frauen gesprochen. In Ihren Reihen gibt es einige Kräfte, die nicht eben für Gleichberechtigung bekannt sind. Wie haben Sie das aufgenommen?

Wir sind absolut einer Meinung mit dem Sondergesandten. Alle Gruppen sollen einbezogen werden. Wir sind bereit, Frauen im Parlament zu sehen. Oder eine Präsidentin. Das ist keine Frage.

Wie laufen aus Ihrer Sicht die Verhandlungen?

Wenn das Regime nicht alles hinauszögern würde, wären wir jetzt schon in direkten Gesprächen. Wir sehen keine Ernsthaftigkeit auf der anderen Seite, wir sehen Hinhalte-Taktik. Das Regime verhindert direkte Verhandlungen, lehnt alles ab, was die Opposition vorschlägt. Diese Opposition kommt nicht von außerhalb, sie repräsentiert keine anderen Mächte, sondern nur das syrische Volk. Wir hoffen, dass der Sondergesandte einen Weg finden wird, die Hinhalte-Taktik des Regimes zu beenden.

Glauben Sie, dass die Flüchtlinge nach Syrien zurückkehren können?

Sie werden zurückkehren, wenn es keine Bomben mehr gibt. Wenn das Regime aufhört, chemische Waffen gegen das eigene Volk einzusetzen. Das syrische Volk wartet auf diesen Moment und sie warten auf das Ergebnis dieser Verhandlungen. Wenn sie erfolgreich sein sollten, würde jeder seine Sachen packen und nach Syrien zurückkehren. Das syrische Volk verdient es, nach Hause zu kommen.

Wann wird das sein?

Wir hoffen bald. Alle versuchen ernsthaft ihr Bestes - bis auf das Regime. Sobald es eine Lösung gibt, werden die Syrer so schnell es geht zurückkehren. Sie sind es, die wollen, dass wir uns beeilen.

Welche Rolle hat Russland dabei?

Wir wollen Russland als Verbündeten des syrischen Volkes sehen. Wir hoffen, dass Putin sich entscheidet, seinen Platz an der Seite des syrischen Volkes einzunehmen, so wie es auch die Europäer, die Amerikaner und viele unserer Nachbarländer getan haben. Es ist an der Zeit, dass das syrische Volk und Russland ihre guten Beziehungen wieder aufnehmen können.

Auch andere Delegationen hier in Genf sehen sich als Vertreter der syrischen Opposition. Warum schließen Sie sich nicht zusammen?

Bei allem Respekt für den Sondergesandten Staffan de Mistura und die Menschen, die er eingeladen hat: Die meisten dieser Gruppen sind vom Regime gesandt worden. Wir kennen diese Leute. Sie verteidigen das Regime, das in Syrien Verbrechen begeht. Das ist nicht akzeptabel für das syrische Volk. Die Syrer wollen eine Vertretung, die tatsächlich um ihr Wohlergehen besorgt ist. Das sind wir - und ich glaube, dass wir das gesamte Volk vertreten, alle Syrer. Und wir werden sie verteidigen bis zum Schluss.

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