Ost-Ghouta Mehr als 1000 Tote in knapp drei Wochen

Eine Ärztin behandelt einen syrischen Jungen, der bei Luftangriffen verletzt wurde.

(Foto: Ammar Suleiman/AFP)
  • Die Lage im syrischen Ost-Ghouta ist verzweifelt, in den vergangenen knapp drei Wochen sind mehr als 1000 Menschen ums Leben gekommen.
  • Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) versucht zu helfen, doch der Krieg in Syrien stellt Hilfsorganisationen vor Schwierigkeiten wie kaum eine andere Krise.
  • Der Umgang mit öffentlicher Aufmerksamkeit ist ein Balanceakt und der Konflikt in seiner Komplexität kaum zu verstehen, sagt IKRK-Präsident Peter Maurer.
Von Moritz Baumstieger und Paul-Anton Krüger, Kairo

Zu gefährlich, keine Genehmigung, offiziell aus Sicherheitsgründen - kein Durchkommen in die belagerte syrische Rebellen-Enklave Ost-Ghouta. Am Donnerstag musste das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) den geplanten Einsatz eines Hilfskonvois abermals verschieben. Am Freitag erreichte der Organisation zufolge ein Konvoi mit 13 Lastwagen und Lebensmittelpaketen für 12 000 Menschen das umkämpfte Gebiet, in dem sich etwa 400 000 Menschen aufhalten.

Die Situation ist dramatisch. Innerhalb von knapp drei Wochen sind in Ost-Ghouta mehr als 1000 Menschen ums Leben gekommen, etwa 4800 wurden der Organisation Ärzte ohne Grenzen zufolge verletzt.

Assad - mal Freund, mal Feind

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In der Nacht zu Donnerstag hatte es die bislang wohl schwersten Angriffe auf das Gebiet östlich der Hauptstadt Damaskus gegeben. Staatliche Medien berichten, Einheiten des Regimes von Präsident Baschar al-Assad hätten die Hälfte des Gebietes eingenommen. Ärzte aus Ghouta berichten von 90 Toten alleine in der Nacht zum Donnerstag sowie von Hunderten Verletzten. Sie sprechen von Streubomben, die viele Menschen verletzen, von Angriffen mit Chlorgas und Brandbomben.

Am Montag hatten erstmals seit Beginn der Offensive am 18. Februar 46 Lastwagen von UN-Organisationen und des IKRK Duma erreicht, die größte Stadt in der Ghouta, nach mehreren gescheiterten Versuchen in den vergangenen Wochen, wie IKRK-Präsident Peter Maurer der Süddeutschen Zeitung sagte. Nicht alle konnten entladen werden, bevor der Beschuss wieder einsetzte. Ein guter Teil der medizinischen Hilfsgüter durfte jedoch erst gar nicht nach Ghouta gebracht werden, die syrische Regierung verweigerte die Genehmigung. Was durchgelassen wurde, habe es aber Verwundeten erlaubt, eine Chance auf Behandlung zu bekommen - und dass ihre Leben gerettet werden, sagte Maurer. Aber das reiche nicht: die Situation sei entsetzlich, wiederholter und dauerhafter Zugang für Helfer lebenswichtig.

Der Krieg in Syrien stellt Hilfsorganisationen wie das IKRK vor Schwierigkeiten wie kaum ein anderer Konflikt - nicht zuletzt sie sind abhängig vom syrischen Regime. Auch nach sieben Jahren Krieg "kann ich nicht mit Sicherheit sagen, wann bürokratische Schwerfälligkeit dafür verantwortlich ist, dass wir die nötigen Bewilligungen nicht kriegen, und wann das klare militärtaktische Strategie ist", sagt Maurer. Oftmals hätten konkurrierende Geheimdienste, die Armee, Milizen und beteiligte Ministerien widersprüchlich Interessen. Teilweise hätten aber Soldaten und Geheimdienstler an den Checkpoints auch "wirklich Angst um unsere Leute und fühlten sich verantwortlich für alles, was ihnen auf der anderen Seite passieren könnte".

Der Umgang mit der internationalen Aufmerksamkeit ist oft ein Balanceakt

Zwar wird das IKRK weithin als neutrale Instanz anerkannt, aber das erspart nicht hartnäckige Gespräche mit allen Konfliktparteien, um gemäß den Grundsätzen der Organisation Hilfe leisten zu können und auf die Einhaltung des humanitären Völkerrechts zu dringen.

Maurer, der Geschichte und internationales Recht in Bern studierte, bringt dafür 25 Jahre Erfahrung aus dem diplomatischen Dienst der Schweiz mit, für die er als Botschafter bei den Vereinten Nationen in New York arbeitete, bevor er 2010 zum Staatssekretär ernannt wurde. Aber auch seine unaufgeregte Art dürfte ihm für den Job an der Spitze des IKRK zu Pass kommen, den der heute 61-Jährige 2012 übernahm. Zurückhaltung zumindest in der Öffentlichkeit ist für das IKRK oft zielführender als frontale Kritik an den Machthabern.

Der Umgang mit Medien und der internationalen Aufmerksamkeit ist oft ein Balanceakt: Wenn eine Region in den Fokus gerate, wie derzeit die Ost-Ghouta, dann steige für Konfliktparteien "einerseits der Druck, Hilfe zuzulassen", sagt Maurer. "Gleichzeitig wird es für uns aber oft schwieriger, Zugänge auszuhandeln." Das hört sich paradox an, fordert das IKRK doch nichts, was nicht im humanitären Völkerrecht vorgeschrieben wäre und im Falle Syriens auch in den wenigen Resolutionen des UN-Sicherheitsrates verlangt wird, denen Assads Verbündeter Russland zustimmt. Manche Akteure innerhalb der Armee oder des Regimes fürchten aber, sagt Maurer, "die falschen Signale an die eigenen Leute zu senden, nämlich dass sie große Konzessionen machen". Dazu kämen jedoch kühle militärstrategische Überlegungen - "sie wollen den Feind nicht durch humanitäre Hilfe stärken".

In der kommenden Woche will Maurer erneut nach Syrien reisen, verhandeln, Druck machen, dass die Lastwagen rollen können. "Aber selbst wenn wir nach langem Prozedere doch einmal von der Regierung eine Bewilligung zu Hilfslieferungen bekommen, heißt das nicht automatisch, dass wir sofort fahren können", sagt er. Die Situation in der Ost-Ghouta, die er zuletzt vor neun Monaten selbst besucht hat, vergleicht er "mit diesen russischen Puppen: In fast jeder Konfliktsituation steckt noch ein weiterer kleinerer Konflikt drin, der schon alleine ausreicht, um humanitäre Zugänge unmöglich zu machen." Fast jeder Straßenzug sei von einer anderen Gruppe beherrscht, Allianzen zwischen den Rebellen können zudem täglich wechseln.

Syrien ist laut dem IKRK-Präsidenten in mehrerlei Hinsicht typisch für Konflikte im 21. Jahrhundert und die Probleme, die sich daraus für Hilfsorganisationen und die humanitäre Arbeit ergeben. Strategische militärische Entscheidungen, die Einfluss auf Zivilbevölkerungen haben, würden kaum mehr nur auf lokaler Ebene getroffen, internationale Mächte reden meist mit: "Wir haben mindestens drei, vier Entscheidungsebenen, wir haben fragmentierte Akteure, zunehmend fragmentierte Akteure", sagt Maurer. Blicke er auf die Entwicklung seit seinem Amtsantritt 2012, gebe es "durchgehend mehr bewaffnete Akteure, welche kleinere Stücke von Territorium kontrollieren". Und je komplexer die Situationen, desto schwieriger sei die schon an und für sich sehr schwierig Arbeit.

Immer mehr Notlagen "in relativ wohlhabenden Ländern"

Das IKRK ist in mehr als 80 Ländern tätig, aber 80 Prozent der Arbeit konzentriert sich laut Maurer "auf 20 bis 25 Konfliktherde, vor allem in Afrika und im Nahen Osten". Sie alle zeichneten sich durch einen relativ hohen Komplexitätsgrad aus, seien in unterschiedlichem Maße internationalisiert, Syrien natürlich am meisten. Aber "jeder lokale Konflikt ist mit regionalen und globalen Macht- und Einflussträgern verknüpft. Und das hat konkrete Auswirkungen darauf, ob es wesentliche Fortschritte vor Ort gibt, etwa ob wir Zugang zu Menschen erhalten".

Syrien sei wie Libyen auch einer der Fälle, in denen ein Land mit einem nach OECD-Kriterien mittleren Durchschnittseinkommen in eine humanitäre Notlage gerät. Früher sei das Muster eher so gewesen, dass solche Katastrophen in der Kombination von Krieg, Gewalt und Armut entstanden, so Maurer. "Jetzt haben wir es zunehmend mit humanitären Notlagen zu tun in relativ wohlhabenden Ländern - mit eigentlich gut ausgebildeten Bevölkerungen."

In Libyen, das Maurer wie Irak jüngst besucht hat, ist das Gesundheitssystem weitgehend zusammengebrochen: Manche Einrichtungen seien durch Kämpfe zerstört, sagt der IKRK-Präsident, in anderen fehle Personal oder es gebe keinen Strom. Dem stünden viele Kriegsversehrte gegenüber, die Versorgung brauchen, und zunehmend auch Minenopfer, die durch Sprengsätze oder Munitionsreste verletzt werden, wenn sie in ihre Häuser zurückkehren. Überdies habe Libyen im Verhältnis zur Bevölkerung von etwa 6,5 Millionen Menschen mit 1,1 bis 1,3 Millionen die meisten Menschen, die vor Gewalt, Konflikt und Armut fliehen.

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