Militäraktivitäten Russlands geheimnisvolle Pläne für Syrien

Zerstörte Hauptstadt: Damaskus hat unter dem Krieg in Syrien schwer gelitten. Die Menschen auch. Etwa 240 000 Syrer kamen seit März 2011 ums Leben.

(Foto: Abd Doumany/AFP)
  • Russland verlegt offenbar Truppen und Material nach Syrien. Der Kreml bestätigt die Unterstützung für die Regierung von Machthaber Assad.
  • Offen ist jedoch, ob die Russen tatsächlich auch mit Luftangriffen und Bodentruppen in den Bürgerkrieg eingreifen.
  • Auch von einem russisch-iranischen Friedensplan für Syrien ist die Rede.
Von Paul-Anton Krüger, Kairo

Der Hafen der syrischen Stadt Latakia war unlängst das Ziel mehrerer Schiffe der russischen Marine. Das Landungsschiff Nikolai Filchenkov legte dort an, bis zum Deck vollgepackt mit militärischer Ausrüstung und Panzerfahrzeugen. Die kaum kleinere Azov machte dort fest, die Cäsar Kunikov ist auf dem Weg. Neben Material soll sie auch 300 Soldaten der 810. Marineinfanterie-Brigade an Bord haben, die sonst in Sewastopol stationiert sind, der Heimat der Schwarzmeerflotte auf der annektierten Krim. In den vergangenen Tagen landeten überdies drei russische Antonow-124Frachtmaschinen und ein Passagierjet auf dem Flughafen der Stadt. Die liegt im Herzen des Siedlungsgebiets der Alawiten, der schiitischen Sekte, der auch Syriens Präsident Baschar al-Assad entstammt.

Die Verlegung von Truppen und Material ist nicht verborgen geblieben, russische Blogger stöberten im Internet Bilder von Soldaten auf, die von einem Einsatz in Syrien schreiben. Moskau stellte Überfluganfragen an Bulgarien und Griechenland. Die syrische Armee selbst veröffentlichte Bilder von neuen Schützenpanzerwagen des Typs BTR-82A, noch im Tarnmuster der russischen Armee lackiert. Und die US-Regierung zeigte sich ungewöhnlich besorgt über die Verlegung von Wohncontainern für etwa 1000 Mann, ein System zur Kontrolle des Luftraums und ein militärisches Vorauskommando auf den Flughafen der Stadt.

Die offene Frage ist, wie weit die Russen ihr Engagement ausbauen

Dass Russland seine Präsenz in Syrien verstärkt, ist weithin unstrittig; die Sprecherin des Außenministeriums in Moskau zeigte sich verwundert über die Kritik der Amerikaner. "Wir unterstützen sie, wir haben sie unterstützt, und wir werden sie unterstützen", sagte sie der New York Times mit Blick auf die syrische Regierung. Präsident Wladimir Putin sagte, Waffenlieferungen und die Entsendung von Militärberatern seien Teil von Verträgen, die schon vor Jahren geschlossen worden seien.

Die offene Frage ist, wie weit die Russen ihr Engagement ausbauen - ob sie tatsächlich planen, an der Seite des Assad-Regimes mit Luftangriffen oder gar Bodentruppen in den Krieg einzugreifen. Und ob sich ihre Operationen dann allein gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) richten würden oder auch gegen die bewaffnete Opposition, die gegen Assad kämpft. Die Amerikaner sagen, sie hätten noch kein klares Bild von den Intentionen des Kreml.

Das Regime ist deutlich unter Druck geraten. Das Territorium unter Kontrolle der syrischen Regierung ist seit Beginn des Jahres um 18 Prozent geschrumpft, und die Verluste haben sich in den vergangenen drei Monaten beschleunigt. Das geht aus Daten des IHS Conflict Monitor hervor, der den Krieg in Syrien beobachtet. "Manche der bewaffneten Gruppen könnten den Eindruck gewonnen haben, dass sie das Assad-Regime mit militärischen Mitteln stürzen können", sagt IHS-Analyst Columb Strack.

Auffällig viele arabische Staatschefs waren zuletzt in Moskau zu Besuch

Eine Koalition aus zumeist islamistischen Rebellen und der auch im Westen als Terror-Organisation eingestuften Nusra-Front hat die Regierungstruppen weitgehend aus dem Gouvernement Idlib herausgedrängt. Damit ist die Küstenregion um Latakia und Tartus bedroht. In Tartus unterhält Russland einen kleinen Marine-Stützpunkt, seinen einzigen im gesamten Mittelmeerraum. Die Freie Syrische Armee und verbündete Gruppen setzen dem Regime im Süden des Landes zu. Der IS versucht, auf die wichtigste Verbindungsstraße zwischen Homs und Damaskus vorzustoßen. Assad räumte jüngst ein, dass die Armee Gebiete aufgeben müsse, um andere, bedeutendere halten zu können.

Jede Verlegung von russischen Waffen und möglicherweise Truppen ziele darauf, die von der Regierung gehaltenen Kerngebiete zu stützen, die von strategischer Bedeutung sind, sagt Strack. "Damit verbunden ist ein klares Signal an die andere Seite, dass sie nicht in der Lage sein wird, Assad mit Gewalt zu stürzen." Das Kalkül Russlands sei vermutlich, die Aufständischen zu Verhandlungen zu drängen und zugleich die Ausgangsposition der Regierung dafür zu verbessern.

Dann aber dürften sich etwaige Luftschläge kaum auf den IS beschränken. Eine Allianz gegen die Terrormiliz zu schmieden ist das erklärte Ziel Putins. Zugleich ist von einem russisch-iranischen Friedensplan die Rede. Auffällig viele arabische Spitzenpolitiker waren jüngst zu Gast im Kreml: Jordaniens König Abdallah, Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sisi, der Kronprinz der Vereinigten Arabischen Emirate, Mohammed bin Zayed al-Nahyan, und nicht zuletzt Adel al-Jubair, Außenminister Saudi-Arabiens. Auch Vertreter der syrischen Exil-Opposition wurden empfangen.

In früheren Gesprächen gab es immer ein entscheidendes Hindernis: die politische Zukunft Assads. Und da ist keine Annäherung zu erkennen. Laut der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte in London hat das Regime mit seinen Luftangriffen und Fassbomben in der ersten Jahreshälfte fast 8000 Menschen getötet, die Terroristen des IS etwas mehr als 1100. Für die Regimegegner in Syrien und ihre Unterstützer am Golf und in der Türkei Grund genug, an ihrer Forderung festzuhalten, dass Assad weg muss.

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