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Flüchtlinge:Syrien braucht Einmischung

Ein syrischer Vater mit seinem Kind während einer Ausschreitung in Damaskus.

(Foto: AFP)

Die wichtigste Erfahrung des Fluchtsommers: Die Europäer können Konflikte wie in Syrien nicht einfach auf Abstand halten.

Nach einem Jahrzehnt der Interventionen haben die westliche Welt und die USA an ihrer Spitze beschlossen, zu den Krisen und Kriegen auf dem Globus einen Sicherheitsabstand einzuhalten. Die Erfahrung in Afghanistan und das selbst verschuldete Chaos im Irak haben Ernüchterung und Demut zur Folge. Der radikal-totalitäre Islamismus sog Kraft aus der Präsenz der westlichen Soldaten. Die Fanatiker verhöhnten die vermeintlich Ungläubigen in ihren Propagandabotschaften und lähmten sie mit ihren Gräueln.

Syrien steht im Zentrum dieser gemiedenen Konflikte. Viereinhalb Jahre nach den ersten zaghaften Freiheitsprotesten in Daraa hat sich der Bürgerkrieg zu einem schier unbezwingbaren Monster entwickelt. Der selbsternannte Islamische Staat ist aus seinem Schoß gekrochen. 220 000 Menschen sind tot, fast die Hälfte aller Syrer wurde von der Gewalt vertrieben. Unvorstellbare 7,6 Millionen Menschen befinden sich auf der Flucht, mehr als vier Millionen von ihnen werden bis zum Jahresende in Lagern vor allem in der Türkei, Libanon und Jordanien erwartet. Ein paar Zehntausend haben es auch nach Europa geschafft. Ein paar Dutzend nach Heidenau in Sachsen.

Konflikte haben sich wie ein Vulkanring um Europa gelegt

Die Statistik der UN-Flüchtlingshelfer ist unbestechlich, ihr Blick auf den Globus von kalter Präzision. Wer sich eine Karte nimmt, der wird schnell verstehen, warum Europa das Ziel dieser Menschen ist, die vor Kriegen und Gewalt fliehen. Wie ein Vulkanring haben sich die Konfliktherde um Europa gelegt - von Mali im Südwesten über den Sudan und Eritrea bis Syrien im Südosten. Ein Flüchtlingsszenario aus der Ukraine mag sich niemand ausmalen.

Syrien aber ist das Epizentrum der globalen Gewalt. Warum gerade jetzt, viereinhalb Jahre nach Ausbruch des Bürgerkriegs, die Menschen in immer größeren Scharen nach Europa drängen, ist kein Geheimnis. Vor allem sind es die Gewaltwellen des vergangenen und des laufenden Jahres, deren Ausläufer nun in Europa anbranden.

In kalter Professionalität

Zweitens ist es die Türkei, der dieser Konflikt über den Kopf wächst - humanitär, aber auch politisch; Flüchtlinge werden also nicht mehr aufgehalten, im Gegenteil. Und drittens sind es Schleuserringe, die in kalter Professionalität Geschäfte mit Menschen machen, so als wären es getrocknete Datteln.

Am Anfang aber stehen die Gewalt und die Erkenntnis, dass niemand in Deutschland, niemand in Europa diesen Krisen und Kriegen ausweichen kann. Dies ist die wichtigste Erfahrung aus dem Fluchtsommer, der noch viele Jahre dauern kann: Die Europäer können diese Konflikte nicht auf Abstand halten, sie können nicht vor ihnen davonlaufen. Wenn sich der Westen dieser Konflikte nicht annimmt, dann eben nehmen sich die Konflikte des Westens an.

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