Syphilisversuche in Guatemala vor mehr als 60 Jahren Menschen als Versuchskaninchen der USA

In den 1940er Jahren missbrauchten amerikanische Ärzte 1300 Guatemalteken in einer Testreihe: Im Auftrag der US-Gesundheitsbehörden infizierten sie wehrlose Menschen mit Syphilis- und Trippererregern. Erst jetzt werden die Verbrechen bekannt - und die zynisch-nüchternen Notizen der Mediziner.

Von Peter Burghardt

Berta zum Beispiel, nur ihr Vorname ist geblieben. Berta war Patientin einer psychiatrischen Klinik in Guatemala, Berta starb als Versuchskaninchen der USA. Der Horrorarzt aus den Vereinigten Staaten spritzte ihr Syphilisbakterien und behandelte sie erst nach Monaten. "Es sieht so aus, als sterbe sie", notierte Doktor John Cutler, der diese menschenverachtende Testreihe leitete. Er rieb ihr den eitrigen Ausfluss von Tripperkranken auf Augen und Harnröhre, "zwei Tage danach ist sie gestorben".

Berta, deren Nachname nicht erwähnt wird, überlebte wie 82 andere diese schauderhaften Experimente nicht. Denn in Guatemala prüfte ein US-Mediziner, wie Geschlechtskrankheiten auf wehrlose Menschen wirken.

Mehr als 60 Jahre ist das jetzt her, bis vor kurzem war der Skandal nur Insidern bekannt gewesen. Dann entschuldigte sich US-Präsident Barack Obama im vergangenen Oktober, nachdem Dokumente über US-Menschenversuche in dem mittelamerikanischen Land zufällig in einem Archiv entdeckt worden waren.

Mindestens 1300 Guatemalteken wurden zwischen 1946 und 1948 von einer nordamerikanischen Delegation mit Syphilis und Tripper infiziert, viele von ihnen Häftlinge und psychisch Kranke. Finanziert wurde die makabre Studie von US-Gesundheitsbehörden.

Die Erkenntnisse sollten vor allem dabei helfen, Soldaten der US Army kurz nach dem Zweiten Weltkrieg besser pflegen zu können. "Ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit", sagte Guatemalas Präsident Álvaro Colom. Obama drückte seinem Kollegen sein "tiefstes Bedauern" aus, die Tragödie hatte sich in der Regierungszeit von Harry S. Truman ereignet. Jetzt nahm sich eine Kommission des makabren Falles an und stieß dabei auf 83 Tote wie Berta und viele Geschädigte, auf grausige Geschichten.

Spätes Entsetzen und Schadenersatzklagen

Guatemala hatte bereits ohne dieses Drama eine ausreichend schlimme Vergangenheit, mit einem US-gestützten Putsch, einem Bürgerkrieg mit Todesschwadronen und 200.000 Morden der schrecklichsten Art, die meisten an Ureinwohnern. Heutzutage wüten Drogenkartelle und gewöhnliche Kriminelle, die Mafia hat Teile der Nation im Griff. Die US-Episode sorgt nun für spätes Entsetzen - und Schadenersatzklagen.

"Das sollte das Gewissen nicht trotz, sondern wegen seiner medizinischen Komponente schockieren", findet die Kommissionsvorsitzende Amy Gutmann von der Universität von Pennsylvania. "Eine historische Ungerechtigkeit" sei dies gewesen - und "kein Unfall". Die Täter hätten "nicht den geringsten Respekt für Menschenrechte und Moral" gezeigt.

Syphilis-Experimente auch in den USA

Auch in den USA wurde in Gefängnissen mit Syphilis und anderen Plagen experimentiert. Penizillin war neu und wurde ausprobiert. In Guatemala indes wüteten vermeintliche US-Wissenschaftler wie Karikaturen von Frankenstein, und die Testpersonen hatten keine Ahnung. Offenbar wurden erst Prostituierte mit Syphilis angesteckt und ermuntert, ungeschützten Sex mit Gefangenen zu haben. Weil die meisten Männer nicht gleich Symptome zeigten, wurden viele von ihnen direkt infiziert. Antibiotika bekamen nur 700 Erkrankte. Überlebende leiden bis heute unter den Folgen.

Doktor Cutler war damals 31 Jahre alt. Später soll er auch am sogenannten "Tuskegee-Experiment" mitgewirkt haben, in der Stadt in Alabama wurden schwarze Amerikaner noch bis 1972 mit Syphilis malträtiert. "Sie dachten, das ist ein Krieg gegen Krankheiten, und im Krieg sterben Soldaten", sagt die Forscherin Susan Reverby, die auf die Affäre gestoßen war. John Cutler verschied unbestraft 2003. Berta war da schon lange tot.