Studie zum Wohlergehen von Kindern Bildungsniveau der Eltern ist wichtiger als Einkommen

Geld ist selten ausschlaggebend: Eine neue Studie zeigt, unter welchen Bedingungen es Kindern gutgeht. Im Interview erläutert Entwicklungspsychologe Axel Schölmerich, wodurch schlechte ökonomische Bedingungen ausgeglichen werden - und wie Eltern und Politiker zum Wohlergehen von Kindern beitragen sollten.

Von Barbara Galaktionow

Wann geht es Kindern gut - und mit welchen Mitteln kann die Politik dazu beitragen? Diesen Fragen ist das Interdisziplinäre Zentrum für Familienforschung der Ruhr-Universität Bochum (ICFR) in einer vom Familienministerium in Auftrag gegebenen Studie nachgegangen, die diese Woche veröffentlicht wurde. Ihr Titel: "Wohlergehen von Kindern". Der Entwicklungspsychologe Axel Schölmerich hat die Untersuchung geleitet. Im Gespräch erläutert er, welche Rolle Geld, Eltern und Kindertagesstätten für das kindliche Wohlbefinden spielen. Und er sagt, warum weniger manchmal mehr helfen kann - auch in der Familienpolitik.

SZ.de: Herr Schölmerich, was ist denn überhaupt "Wohlergehen"? Auf den ersten Blick scheint das ein etwas unbestimmter, schwer fassbarer Zustand.

Axel Schölmerich: Der Begriff ist eigentlich eine etwas holprige Übersetzung aus dem englischen "Well-being". Den nutzt unter anderem das UN-Kinderhilfswerk Unicef für seine Untersuchungen zur Situation von Kindern. Dabei werden unterschiedliche Kriterien berücksichtigt, von der materiellen Lebenssituation, über Gesundheit, Bildung bis hin zum subjektiven Wohlbefinden. Die Unicef betrachtet dabei allerdings vor allem die Lebensrisiken, also beispielsweise, wie viele Kinder in welchem Alter rauchen oder wie hoch die Quote von Teenagerschwangerschaften ist. Wir haben darüber hinaus versucht, bei Kindern Kompetenzen zu erfassen, also zu sehen, wie steht es um die Entwicklung von Selbstvertrauen, Alltagsfertigkeiten, die sprachlichen und motorischen Fähigkeiten oder auch dem sogenannten Caring, also dem Kümmern um andere.

Geld, Zeit und Infrastruktur - das sind Ihrem Bericht zufolge die drei großen Bereiche, die für das Wohlergehen von Kindern wichtig sind. Welche Rolle spielen sie im Einzelnen?

Fangen wir mit dem Geld an. Wir haben in der Gruppe der Fünf- bis Sechsjährigen untersucht, welchen Einfluss das Haushaltseinkommen auf ihr Wohlergehen hat. Dabei zeigte sich, dass das Finanzielle bei Familien, die oberhalb der Armutsgrenze leben, keine besonderen Auswirkungen hat: Mehr Geld führt nicht zu mehr Wohlbefinden von Kindern. In Familien mit Armutsgefährdungsrisiko, die also 60 Prozent oder weniger des sogenannten Medianeinkommens oder auch mittleren Einkommens zur Verfügung haben, zeigen sich hingegen sehr wohl negative Auswirkungen, beispielsweise in den Bereichen Selbstvertrauen, Kompetenzen oder Gesundheit. Der Punkt ist aber, dass negative Folgen der schlechteren ökonomischen Situation durch andere Faktoren stark relativiert oder sogar ausgeglichen werden können.

Durch welche?

Bei der Frage ökonomischer Belastungen geht es ja nicht nur um das Haushaltseinkommen an sich, sondern auch darum, wie Mütter und Väter es bewerten. Kommt zu einem geringen Einkommen die Angst vor Arbeitslosigkeit hinzu, verstärkt sich die Belastung. Junge Eltern, die noch in Ausbildung sind oder studieren, können hingegen im Moment arm sein, nehmen dies jedoch aufgrund ihrer Zukunftsaussichten nicht als großes Problem wahr. Der Bildungsstand der Eltern sagt mehr aus über das Wohlergehen der Kinder als der aktuelle Haushaltsstatus. Auch die generelle Lebenszufriedenheit von Müttern und Vätern wirkt sich unmittelbar auf die Kinder aus.

Sie stellen in Ihrer Studie die große Rolle der Mütter heraus. Demnach reicht es allerdings nicht, dass diese bloß einfach "da" sind, sondern es ist auch wichtig, in welcher Form sie die Zeit mit ihren Kindern verbringen.

Ja, hier muss man deutlich unterscheiden zwischen kindbezogenen Aktivitäten, also gemeinsamem Lesen, Singen oder Basteln, oder anderen Beschäftigungen der Mutter, bei denen das Kind einfach mit dabei ist, wie zum Beispiel einkaufen oder gemeinsam fernsehen. Wir haben festgestellt, dass es Kindern - unabhängig von der ökonomischen Belastung - in den Familien am besten geht, in denen es eine Vielzahl dieser kindbezogenen Aktivitäten gibt. Vor allem aber zeigt sich, dass die negativen Effekte ökonomischer Belastung in Familien, die solche Aktivitäten wenigstens mehrmals pro Woche ausüben, sich verringern oder sogar ganz verschwinden.

Und die Väter?

Ich möchte die Bedeutung der Väter sicher nicht herunterspielen oder gar ignorieren - immerhin habe ich selber Kinder. Die Datenbasis ist einfach so, dass wir diese Aussage vor allem für die Mütter treffen können. Aber für das Wohlergehen von Kindern ist das Geschlecht der Betreuungsperson sicherlich nicht ausschlaggebend. Das Einführung des Elterngeldes hat sich im Übrigen positiv auf die Zeit ausgewirkt, die Väter mit ihren Kindern verbringen - und damit auch auf das Wohlergehen der Kinder. Auch, wenn der Mittelwert sich vielleicht nicht besonders beeindruckend anhört: Danach verbringen Väter nun im Schnitt zwei Stunden mehr pro Woche mit ihren Kindern.