Stasi Die Debatte um Holm zeigt, wie desaströs die Stasi-Aufarbeitung läuft

Studenten der Humboldt-Universität protestieren gegen die Entlassung Holms als wissentschaftlicher Mitarbeiter.

(Foto: dpa)

Andrej Holm ist als Staatssekretär in Berlin zurückgetreten und hat seine Stelle als Hochschullehrer verloren. Doch ein Anlass für Genugtuung kann das nicht sein.

Kommentar von Jens Schneider

Zurück bleibt ein Scherbenhaufen. Fünf Wochen wogte in der Berliner Politik der Streit um den Soziologen Andrej Holm, der 1989 auf dem Weg zum Stasi-Offizier war. Er verlor seinen Posten als Staatssekretär und die Anstellung als Hochschullehrer. Es mag sein, dass manche Opfer der Stasi Genugtuung empfinden. Aber auch sie können kaum froh sein über diese Wochen, in denen sich zeigte, wie wenig das Land im Umgang mit der DDR-Vergangenheit gelernt hat. Und wie wenig es weiß und wissen will.

Holm sagt, er wäre vielleicht besser gefahren, wenn er Anfragen nur über einen Anwalt und mit vorbereiteten Worthülsen beantwortet hätte. Das beschreibt das Drama der Debatte, in der Aufklärung nicht mal eine Nebensache war. Es ging um die Frage, wer gewinnt: die oft selbstgerechten Jäger oder jene, die Holm halten wollten. Berlin erlebte einen Rückfall in die Muster der Jahre nach dem Ende der DDR, als alleine das Etikett Stasi schnell eine Laufbahn beenden konnte.

Auch diesmal genügte das Etikett. Dass Holm später in einem Fragebogen falsche Angaben machte, reichte für das endgültige Urteil, verbunden mit einem kruden Menschenbild. Es billigte Holm keine Chance auf Entwicklung zu: Wer mal bei der Stasi war, kann demnach Jahre später keine demokratische Gesinnung haben.

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Der öffentliche Dialog über die DDR steht noch weitgehend aus

Warum läuft die Aufarbeitung so desaströs? Schädlich ist zunächst, dass stets nur über die Stasi geredet wird, wenn eine Politiker-Karriere auf dem Spiel steht. Dann ist die Chance zum differenzierten Umgang kaum noch gegeben. Man muss in diesem Zusammenhang fragen, wie die Sache verlaufen wäre, wenn Holm nicht von der kritischen Linken käme, sondern im bürgerlichen Lager Karriere gemacht hätte.

Der Fall hat gezeigt, dass man die Sache nicht Politikern von jenem Kleinformat überlassen darf, wie es Berlins Landespolitik überwiegend zu bieten hat. Das betrifft nicht nur den Regierenden Bürgermeister Michael Müller oder die Opposition. Gehörige Schuld trifft die Linkspartei, die seit Jahren zu wenig getan hat für die Aufklärung, Holm jetzt durchwinken wollte und ihn dann alleine ließ. Sie schuldet dem Land eine Aufarbeitung, die über die Verteidigung des eigenen Lagers hinausgeht. Ihr Versagen ist Teil eines großen Versäumnisses.

Nach der Wende wollten viele Menschen im Osten unter den neuen Verhältnissen erst einmal bestehen. Das Thema Stasi störte. So steht der öffentliche Dialog über die DDR noch weitgehend aus. Im Westen betrachtet man derweil die Stasi oft als düstere Folklore aus der unappetitlichen DDR, begnügt sich mit Schlagwörtern. So gab es über die Jahre oft Aufregung um Stasi-Fälle, aber es fehlt an Wissen und Interesse, gerade bei Jüngeren. Es war schon irritierend, mit welch Leichtigkeit manch junge Unterstützer von Holm die Sache als nichtig abtaten.

Wer sich aber um die eigene Geschichte nicht gekümmert hat, dem fehlen die Kategorien, wenn es zu unterscheiden gilt zwischen üblen Schergen und all den anderen mit ihren unterschiedlichen Lebensläufen.

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