SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück Kuscheln mit Peer

"Die SPD ist und beibt die Wir-Partei", ruft Steinbrück in den Saal. Dann folgt demonstratives Händchenhalten der SPD-Führungs-Troika.

(Foto: dpa)

Peer Steinbrück hat in Hannover eine herzerwärmende Rede gehalten. Seine Partei hat sie dankbar aufgenommen. Die SPD möchte endlich wieder kuscheln - und sei es mit Peer Steinbrück. Ob nun aber ein genügend großer Anteil der Deutschen das auch will, ist fraglich.

Ein Kommentar von Kurt Kister

Die SPD kann aufatmen. Peer Steinbrück hat mit seiner Rede in Hannover den Delegierten die Unsicherheit genommen, die Partei hätte vielleicht doch den Falschen aufgestellt. Gewiss, die Ansprache war zu lang und Steinbrück brauchte gut 20 Minuten, um in jenen Rhythmus zu kommen, jenen Ton zu treffen, mit dem er den Parteitag dann doch noch in seinen Bann schlug. Und ja, die Genossen waren nach Hannover gekommen, um in Einigkeit zu fast jedem Preis zu jubeln. Das Stimmergebnis von 93 Prozent für Steinbrück zeigt dies.

Aber es wäre falsch, Steinbrücks Kür nur unter diesem Aspekt zu sehen. Er hat eine Rede gehalten, die, um ein altes Klischee zu benutzen, das Herz der Partei erwärmt hat. Und dies war in der Messehalle durchaus zu spüren.

Herzerwärmend? Ausgerechnet Peer Steinbrück? Jener Mann, der in einem nahezu heimlichen, ja verhuschten Selektionsprozess als jener aus der SPD-Troika hervorging, der eben für mehr steht als nur für die SPD und deren Sympathisanten? Die Skepsis vieler Genossen schien sich in den ersten Wochen nach der Ausrufung Steinbrücks zu bestätigen: Sein Start als Kanzlerkandidat war wegen der Honorar-Affäre verkorkst. Nicht nur jene irgendwie Linken, die in ihm Mitt Romney light sahen, protestierten - so wie das noch auf dem SPD-Parteitag ein paar Leute von Greenpeace taten, die sich allerdings benahmen, als seien sie die Fünfte Kolonne der CSU.

Agenda-2010-Knecht und trojanisches Pferd

Die Nummer mit den Vortragshonoraren jedenfalls entsprach sowohl den Vorurteilen der Linken innerhalb und außerhalb der SPD als auch denen der konservativen oder liberalen Gegner der Sozialdemokraten. Für die Linken war Steinbrück schon immer ein Agenda-2010-Knecht, dem sein eigener Vorteil wichtiger ist als jener SPD-Stall, in dem sich Kandidaten gefälligst den so oft zitierten "Stallgeruch" holen sollen.

Die anderen, die Merkel-Leute und Rot-Grün-Ablehner, wiederum halten Steinbrück für ein trojanisches Pferd, mit dessen Hilfe Gabriel, Trittin und ähnliche Gesellen die bürgerliche Bastion schleifen wollen. "Ehrlich" wäre es gewesen, so heißt es immer wieder in CDU-Kreisen, aber auch bei solchen, die sich für undogmatische Linke halten, wenn gleich Gabriel angetreten wäre.

Gut für die SPD, dass Gabriel nicht angetreten ist. Er hat sich zu einem beachtlichen Parteichef gemausert, aber ihm fehlt immer noch das Format, Deutschland zu regieren. Das weiß er, und das fühlen sehr viele Wähler. Auch Gabriels Rede in Hannover war in erster Linie laut und in zweiter Linie ein durchschnittlicher Wahlkampfauftritt. Sicher hatte er auf dem Parteitag eine Rolle, nämlich die, Steinbrück kämpferisch einzuleiten, aber ihn nicht zu überstrahlen. Ersteres ist Gabriel gelungen, Letzteres hat er nicht versucht. Hätte er es denn versucht, er wäre gescheitert.

Steinbrück darf nicht den Gabriel machen, aber auch nicht Anti-Merkel

Steinbrück, der Mann, der mit Worten Millionen verdiente, muss nun mit Worten Millionen davon überzeugen, dass er weder Schröder redivivus ist noch eine Art standpunktloser, aber effizienter Angelus Merkel. Die Rede in Hannover war ein guter Beginn dafür. Er hat sich in manchen formalen, für viele Wähler wichtigen Punkten festgelegt: Rot-Grün und keine große Koalition mit ihm; Steuererhöhungen für Wohlhabende; mehr Anstrengung für die Gleichstellung der Geschlechter; Veränderung des Arbeitsrechtes in etlichen Punkten. Dies ist, zumindest für eine Nominierungsrede, relativ konkret.

Ein weiterer Vorteil: Alle möglichen Strömungen der Partei können sich in Steinbrücks Rede wiederfinden. Auch deswegen ist sie so geschrieben worden, wie er sie gehalten hat. Sie sollte die Nähe des Kandidaten zur gesamten Partei symbolisieren, zu einer Partei, deren Delegierte sich genau jenem warmen, wohligen Gefühl der Einigkeit hingeben wollten. Die SPD möchte endlich wieder kuscheln - und sei es mit Peer Steinbrück.

Ob nun aber ein genügend großer Anteil der Deutschen mit der SPD und Steinbrück kuscheln will, weiß man nicht. In den kommenden neun Monaten kann viel passieren - abgesehen davon, dass nicht zuletzt der Merkel-Bonus nach heutigem Ermessen der Union den Vorteil verschaffen wird, dass sie auch nach der nächsten Bundestagswahl die stärkste Fraktion stellen dürfte.

Merkel wird, so lange es nur irgend geht, die direkte Auseinandersetzung mit Steinbrück scheuen, auch weil sie sonst den Nimbus der im Kanzleramt residierenden Entscheiderin beschädigen könnte. Steinbrück seinerseits darf nicht den Gabriel machen, sondern er muss sich als die nüchterne Alternative präsentieren, ohne deswegen den Anti-Merkel zu spielen. Bleibt allerdings die SPD nicht geschlossen hinter ihm, hat er verloren.