Spannungen zwischen Israel und Ägypten Spirale der Gewalt gefährdet Frieden im Nahen Osten

Die Krise in Nahost verschärft sich: Nach dem Tod von fünf ägyptischen Grenzsoldaten droht das Land damit, seinen Botschafter aus Tel Aviv abzuziehen, in Kairo demonstrieren Tausende gegen Israel. Jerusalem lässt massive Luftangriffe auf den Gazastreifen fliegen, palästinensische Extremisten antworten mit selbst gebauten Raketen. Doch am Sonntagabend verkündet die Hamas einen Waffenstillstand.

Die Spannungen zwischen Ägypten und Israel nehmen zu: Nach dem Tod von fünf ägyptischen Grenzsoldaten wirft die Regierung in Kairo Israel vor, den Friedensvertrag von 1979 gebrochen zu haben. Die Regierung in Jerusalem sei "politisch und juristisch für diesen Zwischenfall verantwortlich", hieß es in einer Erklärung des Kabinetts der ägyptischen Übergangsregierung. Außerdem wurde der israelische Botschafter in Kairo einbestellt.

Frühere Angaben über den Abzug ihres Botschafters aus Israel korrigierte die ägyptische Regierung inzwischen. Dieser Schritt werde erwogen, aber nicht überstürzt getroffen, sagte ein Sprecher des Außenministeriums der Nachrichtenagentur dpa.

Die fünf ägyptischen Sicherheitskräfte waren in der Nacht auf Freitag getötet worden, als israelische Soldaten die Verantwortlichen für einen Anschlag an der Grenze verfolgten. Ein israelischer Hubschrauber hatte das Feuer eröffnet und dabei offenbar irrtümlich Grenzpolizisten getroffen.

Israel entschuldigte sich für den Tod der Polizisten. "Israel tut der Tod der ägyptischen Beamten leid", sagte Verteidigungsminister Ehud Barak. Er habe eine militärische Untersuchung, sowie gemeinsame Ermittlungen mit den ägyptischen Streitkräften angeordnet.

In Kairo protestierten zuvor Tausende vor der israelischen Vertretung und forderten die Ausweisung des Botschafters. Die Demonstranten zündeten Feuerwerkskörper und riefen israelfeindliche Parolen. Die ägyptischen Streitkräfte schützten das Gebäude mit zehn gepanzerten Fahrzeugen.

Der Konflikt auf dem Sinai

Die Spannungen zwischen Israel und Ägypten spitzen sich damit weiter zu. Erst am Donnerstag waren bei Terroranschlägen im Süden Israels mehrere Menschen getötet und verletzt worden. Israel vermutet palästinensische Extremisten aus dem Gazastreifen hinter dem Attentat, die allerdings über die ägyptische Sinai-Halbinsel nach Südisrael eingedrungen sein sollen.

Israels Verteidigungsminister Ehud Barak hatte die Terroranschläge deshalb als "Beweis für die mangelnde Kontrolle der Ägypter auf der Sinai-Halbinsel und das Erstarken terroristischer Gruppen dort" bezeichnet - und der Regierung in Kairo damit eine Mitverantwortung an den Anschlägen gegeben.

Nach dem Sturz des Mubarak-Regimes im Februar hatte sich die Sicherheitslage auf der Halbinsel dramatisch verschlechtert. Die Gaspipeline nach Israel war fünfmal in die Luft gesprengt worden, Polizeistationen im Norden wurden überfallen und Polizisten entführt. Radikale Fundamentalisten erklärten die Städte El-Arisch, Rafah und Scheich Zuweid angeblich zu souveränen Gebieten. Selbst die Regierung in Kairo sprach schon von einer Al-Qaida-Zelle.

Nur wenige Tage vor den Terroranschlägen auf israelische Soldaten an der gemeinsamen Grenze wollte Ägyptens Armee mit der Verlegung zusätzlicher Truppen und Panzer für mehr Sicherheit auf der Halbinsel sorgen, doch die Möglichkeiten der Regierung in Kairo sind hier begrenzt.

Der Sinai war im Sechs-Tage-Krieg 1967 von den Israelis besetzt worden, anschließend begann die jüdische Besiedelung. Im Oktober-Krieg 1973 konnte Ägyptens Armee die Halbinsel teilweise zurückerobern, mit dem Camp-David-Friedensvertrag von 1979 gab Israel das gesamte Territorium zurück. In diesem Vertrag wird die Truppenzahl in dem Gebiet allerdings begrenzt und so gestaffelt, dass entlang der eigentlichen Grenze nur wenige Soldaten stehen dürfen.

Kurz vor dem Terroranschlag hatte Jerusalem zwar die Stationierung weiterer 1000 ägyptischer Soldaten auf dem Sinai gestattet, ihre Zahl wird aber kaum ausreichen, das 61.000 Quadratkilometer große Gebiet zu kontrollieren.

Der ägyptische Präsidentschaftsaspirant Ayman Nur fordert deshalb weitere Schritte der Übergangsregierung. "Wichtiger als der Rückzug des Botschafters aus Israel ist es, dass Ägypten eine Änderung eines Artikels des Friedensvertrages mit Israel fordert, der sein Recht beschränkt, auf dem Sinai Truppen zu unterhalten, die die ägyptische Grenze schützen", so Nur.