Unruhen in Saudi-Arabien Riad kündigt Politik der eisernen Faust an

Zusammenstöße zwischen der saudischen Polizei und der schiitischen Minderheit sind ein Anzeichen dafür, dass es in Saudi-Arabien bald unruhiger werden dürfte. Die sunnitische Herrscherfamilie will um jeden Preis die Schiiten-Proteste beenden - und verdächtigt als Drahtzieher jenes Land, mit dem sie um die Vorherrschaft am Persischen Golf kämpft: Iran.

Von Tomas Avenarius, Kairo

Brandbomben flogen, es wurde mit Maschinengewehren geschossen: Mindestens 14 Menschen sterben bei Zusammenstößen zwischen der saudischen Polizei und Angehörigen der schiitischen Minderheit im Osten des Erdöl-Königreichs. Die Unruhen am Montagabend in dem Dorf Al-Awamia in der Provinz al-Qatif waren die Folge früherer Proteste, bei denen sich die saudischen Schiiten mit ihren unterdrückten Glaubensbrüdern im Nachbarland Bahrain solidarisiert hatten. Wagen die Schiiten im weltweit wichtigsten Ölförderland nun den Aufstand, beginnt auch im erzkonservativen Königreich der Aufstand?

Soweit ist es noch nicht. Im Gegenteil: Saudi-Arabien ist der Bannerträger der arabischen Gegenrevolution. König Abdullah versucht den sozialen und politischen Unmut seiner Bürger mit Geldgeschenken in Form von Bildungs- und Wohnungsbauprogrammen abzuwürgen; zugleich betreibt er in seiner extrem konservativen Gesellschaft vorsichtige Reformschritte wie die Einführung eines begrenzten Frauenwahlrechts. Nach außen hin agiert Abdullah bei der Revolte robuster: Saudische Soldaten halfen dem benachbarten Königshaus in Bahrain, die dortigen Schiiten-Unruhen zu unterdrücken. Und der geflohene tunesische Diktator Zine al-Abidine Ben Ali lebt, von Strafverfolgung ungestört, im saudischen Dschidda im Exil.

Die Zusammenstöße in der Schiiten-Provinz al-Qatif sind ein Anzeichen dafür, dass es in Saudi-Arabien bald unruhiger werden könnte. Ausgelöst worden waren die Schießereien durch eine Reihe von Festnahmen: Unter Berufung auf einen schiitischen Aktivisten berichtete die Nachrichtenagentur AFP, die Polizei habe nach Teilnehmern der Proteste gegen die Niederschlagung des bahrainischen Aufstands gefahndet. Dabei seien Familienangehörige gesuchter Saudis in Haft genommen worden, quasi als Geiseln. Dies habe Streit ausgelöst, bei denen laut Behörden mit Maschinenpistolen auf die Beamten geschossen worden sei: Neun der Toten sollen Polizeibeamte sein.

Die vom Königshaus unterstützte Niederschlagung des Schiitenaufstands in Bahrain erregt den Unwillen der notorisch unruhigen Schiiten Saudi-Arabiens. Umso auffälliger ist, dass Riad die Schuld an den Zusammenstößen dem Nachbarn Iran zuschob und sie damit auf eine internationale Ebene hob. "Ein fremdes Land versucht, unsere nationale Sicherheit zu untergraben, indem es Unruhen in al-Qatif auslöst", erklärte das Innenministerium. Man werde mit der "eisernen Faust" reagieren. Gemeint mit dem fremden Land, das versteht in der Region jeder, ist die Islamische Republik. Iran ist Vormacht der Schiiten und den Saudis in langer Animosität verbunden. Für die, die es nicht verstehen wollten, schrieb ein Kolumnist: "Es zeigt, dass Irans Beteuerungen, Ruhe am Golf zu wollen, unehrlich sind. Die Golf-Staaten selbst haben nie Probleme in Iran geschaffen, während Teheran permanent versucht, die Region zu destabilisieren."

Die historische Feindschaft zwischen Persern und Arabern kommt dazu

Saudi-Arabien als sunnitisches Land hat eine schiitische Minderheit. Die Schiiten stellen zehn Prozent der Bevölkerung und leben vor allem im Osten. Sie fühlen sich sozial benachteiligt in einem Land, dessen König auf der Grundlage einer strengen Form des Sunni-Islam regiert. Die Koalition aus dem Königshaus der al-Saud und der wahabitischen Geistlichkeit trägt den Staat; für Wahabiten sind Schiiten Ketzer.

Seit der Iranischen Revolution von 1979 gibt die Nachbarschaft zur Schia- Vormacht Iran den Schiiten in Saudi-Arabien Auftrieb. Das bringt sie in Konflikt mit ihrem König. Riad sah in den Schiiten schon immer die Fünfte Kolonne der iranischen Revolution, die sich auf der Arabischen Halbinsel ausbreiten wolle. So kommt zum inner-islamischen Konflikt die historische Feindschaft zwischen Arabern und Persern dazu. In dieses Muster passt auch Bahrain: 75 Prozent der Einwohner des Inselkönigreichs am Persischen Golf sind Schiiten. Aber die Macht haben die Sunniten und ihr Königshaus der al-Khalifa. Der Aufstand in Bahrain war vor allem eine schiitische Revolte für mehr soziale Gerechtigkeit. Die Khalifas schlugen sie mit Hilfe von Truppen des Golf-Kooperationsrates GCC nieder. Und der wird von den Saudis dominiert. Auch Bahrain behauptet, der Aufstand sei von den Iranern angestiftet worden. Beweise fehlen.

Ohne Zweifel nimmt Teheran Einfluss auf die Schiiten in Saudi-Arabien und Bahrain. Dies geschieht vor allem über die schiitischen Netzwerke und die Geistlichkeit: Einzelne persische Großayatollahs sind auch in der Arabischen Welt populär. Wo dies nicht der Fall ist, kann Teheran mit Hilfe der Geistlichen in Irak oder im Libanon die Dinge beeinflussen: Iraker oder Libanesen sind bei arabischen Schiiten oft populärer als die amtierenden iranischen Großayatollahs.

Iran will Hegemonialmacht am Persischen Golf werden, es rüstet auf. Seit Irak keine nennenswerte militärische Bedrohung für seine Nachbarn darstellt, bleibt Saudi-Arabien als Vormacht auf der Arabischen Halbinsel. So gerät die aufstrebende Islamische Republik in Konkurrenz zu den Saudis. Die haben zwar jede Menge Geld, aber keine gute Armee. Daher wirkt die saudische Drohung mit der "eisernen Faust" hohl. Aber an der Seite der Saudis stehen vorerst noch fest die Amerikaner.