Russland "Eine absolute Erfindung"

"Der Kreml hat kein Kompromat über Trump", behauptet Moskau. In der Mitte die Lubjanka, früher Hauptquartier des KGB, heute des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB.

(Foto: Bloomberg/AP/AFP)
  • "Kompromat" ist ein sowjetischer Begriff für desavouierende Informationen.
  • Sie zu sammeln und gezielt damit Gegner zu erpressen, gehört zum Standardrepertoire russischer Geheimdienste.
  • Nicht selten geht es dabei um sexuelle Einlassungen.
Von Frank Nienhuysen

Unter allen russischen Abkürzungs-Ungetümen kommt das dreisilbige "Kompromat" vergleichsweise leicht und flott daher. Kompromat, für kompromittierendes Material, gehört jedoch zu den besonders schweren Waffen, die in Russland von verschiedenen Seiten immer wieder gezückt worden ist. Aber Donald Trump? "Der Kreml hat kein Kompromat über Trump", sagte Sprecher Dmitrij Peskow am Mittwoch empört, "eine absolute Erfindung, eine Ente, Pulp Fiction." Ein Versuch, "den beiderseitigen Beziehungen zu schaden".

Das russisch-amerikanische Verhältnis ist zwar ohnehin seit Jahren schwer beschädigt, doch dass jetzt in Trump der Moskauer Wunsch-Präsident derart bloßgestellt wird, dürfte der russischen Führung kaum gefallen. Sie verspricht sich vom neuen Mann im Weißen Haus außenpolitische Vorteile, das Ende der Sanktionen - und nicht einen Partner, der schon wackelt, bevor er überhaupt eingezogen ist.

Für den Ex-Geheimdienstchef war Trump 2013 als Spionage-Opfer zu unwichtig

Der ehemalige Geheimdienstchef Nikolaj Kowaljow kann sich "aus meiner Arbeitserfahrung" nicht vorstellen, dass man von jemandem heikles Material gesammelt hat, der einmal als Organisator eines Schönheitswettbewerbs nach Moskau gekommen ist. "Welchen Sinn soll das haben? Eine solche Praxis gibt es bei uns in Russland nicht." Auf der Internetseite des Radiosenders Echo Moskwy kann sich ein Hörer unter dem Namen "olga3579" allerdings sehr wohl vorstellen, dass einst in Trumps Hotelzimmer bewusst Kameras aufgestellt wurden, beim Wissen "um dessen Neigung zum schwachen Geschlecht".

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Bewegte Schmuddelaufnahmen bekannter Personen sind seit Jahrzehnten ein immer wieder eingesetztes Mittel politischer Intrigen gewesen, wer auch immer sie gemacht oder in Auftrag gegeben hat. Unter Präsident Boris Jelzin traf es 1999 den damaligen Generalstaatsanwalt Jurij Skuratow, der auf etwas unscharfen Filmen mit zwei Prostituierten zu sehen war. Arrangiert angeblich von einem Geschäftsmann, gegen den Skuratow damals vorgehen wollte. Der ertappte Staatsanwalt wurde jedenfalls von Jelzin entlassen.

Sexvideos wurden in Russland für Intrigen gegen Oppositionspolitiker eingesetzt

Opfer wurden vor einigen Jahren auch Oppositionspolitiker und Kritiker der Regierung. Vom bissigen Satiriker Wiktor Schenderowitsch tauchte 2010 ein Sex-Video auf, das ihn mit einem Model namens Katja zeigte. Seine Reaktionen schwankten zwischen professioneller Süffisanz ("es war langweilig") und Empörung ("die Staatsmacht will mich diskreditieren und erpressen"). Wer aber genau dahintersteckte, ist wie in anderen Beispielen nie bekannt geworden. Im Fall des desavouierten Chefredakteurs der russischen Newsweek-Ausgabe stellte sich der damalige Präsident Dmitrij Medwedjew sogar ausdrücklich auf die Seite des Opfers.

Abrechnungen werden allerdings keineswegs nur auf diese Art präsentiert. Kompromat umfasst weit mehr Varianten. Der Fernsehsender NTW etwa verriet den Zuschauern einmal in einer Kampagne genüsslich, an welch schick-teuren fernen Stränden die wichtigsten Oppositionellen urlaubten (Mexiko, Philippinen). Der Regierungskritiker Dmitrij Gudkow rächte dafür einmal seinen Vater, dem illegale Immobiliengeschäfte vorgeworfen wurden, ebenfalls mit "Kompromat". Er wollte damit allen zeigen, dass Abgeordnete der Regierungspartei so luxuriös leben, wie sie es sich von ihrem Gehalt niemals leisten könnten.

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