Russische Versionen vom MH17-Absturz Verschwörungstheorien und Gruselmärchen

In Russland kursieren teils bizarre Begründungen für den Absturz des Fluges MH17. Mal ist die Ukraine schuld, mal stecken die USA dahinter. Nicht erwähnt werden hingegen die Triumphmeldungen prorussischer Separatisten kurz nach dem Abschuss.

Von Julian Hans, Moskau, und Paul-Anton Krüger

In einem Punkt stimmen alle Theorien überein, die russische Behörden und Staatsmedien seit dem Abschuss des Linienfluges MH17 verbreiten: Russland habe mit dem Tod der 298 Menschen nichts zu tun; und auch die von Russland unterstützten Separatisten in der Ostukraine nicht. Soweit hatte Präsident Wladimir Putin die Linie noch in der Nacht zum Freitag festgelegt: Die Verantwortung für den Vorfall liege "bei dem Staat, über dessen Territorium er sich ereignete", sagte er. Doch davon abgesehen gehen die russischen Versionen des Geschehens weit auseinander, widersprechen sich und reichen von schwer überprüfbar bis skurril und makaber.

Die ukrainische Armee habe die Boeing 777 versehentlich getroffen und eigentlich das Flugzeug von Putin abschießen wollen, der sich auf dem Heimweg vom Brics-Treffen in Brasilien befand, berichtete die Nachrichtenagentur Interfax Stunden nach dem Vorfall und berief sich auf eine anonyme Quelle. Tatsächlich überschnitten sich die Flugrouten der Maschinen - allerdings mit mehr als einer halben Stunde Abstand und nicht über der Ostukraine, sonder über Warschau. Danach nahm Putins Flieger direkten Kurs auf Moskau - ohne den weiten Umweg über den Donbas.

Trümmer und Theorie passen nicht zusammen

Die Möglichkeit, dass ein ukrainischer Kampfjet die Boeing abgeschossen haben könnte, wird mit allen möglichen Begründungen unterfüttert. Das Verteidigungsministerium in Moskau behauptete am Montag, eine Su-25 sei der malaysischen Maschine im Luftraum über der Ukraine gefolgt. Das Erdkampfflugzeug kann mit Bewaffnung kaum höher als 5000 Meter fliegen, kann aber Luft-Luft-Raketen tragen, die auch bis in die Flughöhe von MH17 von 10 000 Metern Höhe reichen.

Allerdings haben diese relativ kleinen Raketen spezielle Splittergefechtsköpfe, die ein charakteristisches Schadensbild hinterlassen, ein Zielobjekt faktisch durchschneiden. Reporter der New York Times fotografierten dagegen Trümmer der Unglücksmaschine, die Einschläge von Schrapnellen aufwiesen, die charakteristisch sind für Fragmentationssprengköpfe, die in größere Boden-Luft-Raketen zum Einsatz kommen - so beim Buk-M1-System, über das angeblich die Separatisten verfügen.

Umdenken nach dem Absturz

"Europa, tu was!": Nach dem Abschuss der MH17-Boeing werden Rufe nach mehr Härte gegenüber Russland lauter. Besonders der Brite Cameron fordert einen "neuen Kurs". Doch harte Sanktionen könnten auch die deutsche Wirtschaft empfindlich treffen. Von Matthias Kolb, Stephan Radomsky und Lilith Volkert mehr ...

Gruselmärchen zu Flug MH370

Moskau veröffentlichte auch Satellitenbilder , die belegen sollen, dass das ukrainische Militär - entgegen den Beteuerungen aus Kiew - Flugabwehrsysteme nahe dem von Separatisten kontrollierten Gebiet stationiert hatte. Kiew müsse erklären , was diese dort sollten. Zugleich behaupten die russischen Stellen aber, keinen Abschuss einer Boden-Luft-Rakete in der Ostukraine festgestellt zu haben.

Nicht erwähnt werden in Russland dagegen Triumphmeldungen prorussischer Kämpfer kurz nach dem Abschuss oder dass diese in den Tagen vor der Tragödie mehrere Flugzeuge in dem Gebiet abgeschossen hatten, so einen AN-26-Transporter des ukrainischen Militärs. Der flog 6500 Meter hoch und damit weit jenseits der Reichweite der Waffen, deren Besitz die Separatisten zugeben.

Stattdessen kursiert in nationalistischen Kreisen in Russland das Gruselmärchen, die USA hätten im März den Flug MH370 auf dem Weg von Kuala Lumpur nach Peking verschwinden lassen, um nun die Leichen über der Ukraine abzuwerfen und damit die Welt gegen Russland aufzuwiegeln.