Ein Kommentar von Heribert Prantl

Man muss Thilo Sarrazin nicht bedauern. Dennoch endet mit seinem Rücktritt als Vorstandsmitglied der Bundesbank eine Affäre, die nur Verlierer kennt. Der größte Verlierer heißt Christian Wulff.

Thilo Sarrazin hat nachgegeben. Er mag sich daher nun von jener Volksweisheit nobilitiert fühlen, die denjenigen, der nachgibt, als den "Klügeren" bezeichnet. Und er kann so auf seinen Vortragsreisen den vielen Zitaten in seinem Buch ein weiteres anfügen.

Thilo Sarrazin Bild vergrößern

Allein auf weiter Flur: Thilo Sarrazin ist als Vorstandsmitglied der Bundesbank zurückgetreten - es ist das Ende einer Affäre, in der es nur Verlierer gibt. (© dpa)

Anzeige

Es stammt von der Dichterin Marie von Ebner-Eschenbach; sie hat den Satz "der Klügere gibt nach" mit dem bissigen Kommentar versehen, dass er "die Weltherrschaft der Dummheit" begründe. Dieser Aphorismus fügt sich scheinbar trefflich in den Argumentationsduktus des Thilo Sarrazin, der in Deutschland die Dummen, nämlich die türkischen Einwanderer, nach Dominanz und Herrschaft greifen sieht.

Von der Dichterin Ebner-Eschenbach gibt es freilich noch ein anderes Zitat, mit dem sich das Schicksal Sarrazin auch ganz gut beschreiben lässt: "Man kann so rasch sinken, dass man zu fliegen meint."

Man muss Sarrazin nicht bedauern. Er hat vorderhand das bekommen, was er wollte: eine ungeheuere öffentliche Aufmerksamkeit. Er hatte sie vor allem deswegen, weil er das war, was er nun künftig nicht mehr sein wird: Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank. Der 65-jährige hat jetzt dieses Amt aufgegeben, das er von vornherein nicht hätte antreten dürfen. Er hatte offenbar von Anfang an vor, es als Bühne zu benutzen. Nun räumt er die Bühne wieder, auf der er ein Spektakulum inszenieren konnte, das seinesgleichen sucht.

Dass er damit einen "Preis" zahlt, kann man eigentlich nicht behaupten. Den Preis für das Theater hat die Bundesbank bezahlt, deren Ruf als neutrale Instanz binnen der 16 Sarrazin-Monate ziemlich ramponiert worden ist. Sarrazin war kaum im Amt, als er schon damit begann, an der Aufregungsspirale zu drehen. Schneller als in den vergangenen Wochen kann sie sich nicht mehr drehen.

Sarrazins Buch hat mehr Furor gemacht als die Memoiren aller Kanzler zusammengenommen. Er hat mit ein paar provozierenden Sätzen die Medien benutzt - und die Medien benutzten ihn; beide taten das zur Auflagensteigerung. Das hat geklappt. Der Fall Sarrazin wird daher noch lange als Beispiel für eine intensive politisch-mediale Symbiose gelten. Es ist zweifelhaft, ob sie wirklich erfolgreich war.

Sarrazin ist Profiteur, nicht Märtyrer

Wenn Sarrazin erst durch Vorabdruck protegiert und anschließend kritisiert wird, fördert das den Ruf des Journalismus nicht unbedingt. Sarrazin bekam rasenden Beifall zumal von denen, die schon immer gegen Ausländer in Deutschland polemisiert haben - und dazu die Einladung, Ehrenvorstand der NPD zu werden. Ein solches Image missbehagt ihm; wohl auch deshalb wollte er den Wirbel um seine Person nicht noch auf die Spitze treiben und eine Staatsaffäre daraus werden lassen. Sarrazin ist kein Märtyrer der Meinungsfreiheit; er war und ist für erste ihr Profiteur.

Natürlich genießt Sarrazin Meinungsfreiheit, so wie auch diejenigen Meinungsfreiheit genießen, die ihn als bourgeoisen Spießer bezeichnen oder als einen skurrilen Privatgelehrten, der sich von der Bundesbank hat finanzieren lassen. Die Meinungsfreiheit ist ein gnädiges Grundrecht. Sie gilt nicht nur für angenehme oder wertvolle Meinungen, sondern auch für unangenehme und schädliche. Der Strafrichter muss sich deshalb im öffentlichen Streit zurückhalten.

Sie sind jetzt auf Seite 1 von 3 nächste Seite

  1. Sie lesen jetzt Ende gut, gar nichts gut
  2. Schutz vor Selbstvergiftung
  3. Am Ende stehen nur Verlierer
Leser empfehlen