Rettungspaket für Griechenland Europa erkauft sich mehr Zeit

Die Gefahr für Griechenland ist auch mit dem neuen Rettungspaket nicht vorüber. Doch wer jetzt Staatsbankrott oder Schuldenschnitt fordert, muss erst einmal erklären, warum das für Deutschland besser wäre. Denn auch wenn die Krise mit der jetzt bewilligten Zahlung nicht überwunden wird, gewinnen auch die Geberländer etwas.

Stefan Kornelius

Vor fast genau drei Jahren, im Oktober 2009, leistete die gerade gewählte Regierung Papandreou für Griechenland den Offenbarungseid. Ihr Finanzminister erklärte, dass sich das Haushaltsdefizit nicht bei sechs Prozent einpendle, wie vermutet worden war. Nein, es liege bei zwölf Prozent. Es dauerte ein halbes Jahr, ehe die Dramatik der Nachricht dem Rest Europas und den Finanzmärkten bewusst wurde. Seitdem hat es ungezählte Sonder-Räte gegeben, die Staatsschuldenkrise hat sich von Griechenland über Südeuropa ausgebreitet und wurde zur Systemkrise der Währung-Union.

Um diese Währung vor dem Kollaps zu bewahren, hat die Euro-Zone Rettungsschirme aufgestellt und harte politische Reformen beschlossen. Gerade ist sie dabei, ein neues System zur gemeinsamen Gestaltung ihrer Wirtschafts- und Geldpolitik aufzubauen. Und sie hat wieder und wieder den griechischen Staatsbankrott verhindert. Logik Nummer eins dahinter lautet: Muss Griechenland die Euro-Zone verlassen, dann ist das Problem nicht beendet, sondern es fängt erst an. Es würde ein ökonomischer Dominoeffekt ausgelöst. Zudem wäre der politische Preis hoch - in Griechenland wegen der Radikalisierung der Politik, außerhalb Griechenlands durch einen Schwelbrand im europäischen System.

Logik Nummer zwei: Jeder Rettungsakt verschafft Zeit. Jede Hilfstranche, jede noch so absurde Schuldenstreckung kauft Jahre, in denen die griechische Wirtschaft doch noch aus ihrem sklerotischen Zustand befreit werden kann. Der griechische Staat kann in dieser Zeit vom Stand eines Entwicklungslandes an die Standards der Euro-Zone herangeführt werden. Und der Rest Europas erhält die Gelegenheit, sich zu immunisieren, sollte der Fall der Fälle doch noch eintreten.

Inzwischen haben die Europäische Zentralbank und die Bundesregierung neue Bestandsversprechen für Griechenland abgegeben. Wer genau hinschaut, wird die Hintertürchen entdecken, die sich auch Bundeskanzlerin Angela Merkel offenhält: "Ich wünsche mir, dass Griechenland in der Euro-Zone bleibt", sagt sie. Nicht: Griechenland wird in der Euro-Zone bleiben. Diese Fluchtoption ist nicht ehrenrührig. Niemand verlangt von Deutschland, dass es seine Interessen völlig aufgibt zugunsten eines Staates, der sich erkenntlich schwertut mit dem Prinzip von Geben und Nehmen. Das Geschacher der vergangenen Monate war jedenfalls nur schwer zu vermitteln. Ebenso gilt aber: Niemandem ist damit gedient, wenn Griechenland besserwisserisch geprügelt wird. So verschwinden weder die Schulden, noch steigt die Bereitschaft zu zusätzlichen Opfern und Reformen.

Das kleine Griechenland steht im Epizentrum der Euro-Krise. Jede Hoffnung, das Land isolieren und dann einfach ignorieren zu können, hat sich zerschlagen. Wenn Europa den Euro behalten will, muss es auch an Griechenland festhalten. Und wer an Griechenland festhält, der muss sich auf Ärger und Kosten einstellen. Das ist dann der Preis, den es für die gemeinsame Währung zu entrichten gilt.

Die Zeit bietet jetzt noch die letzte Hoffnung. Deswegen ist es geradezu fahrlässig, Deutschland oder den anderen Geberländern eine Insolvenzverschleppung anzudichten. Wer jetzt den Staatsbankrott oder den Schuldenschnitt will, der muss erklären, warum etwa Deutschland mehr davon hätte, wenn nun reiner Tisch gemacht würde.

Nein, Zeit ist die Ersatz-Währung in der Euro-Krise. Nur durch Zeitgewinn konnten die Rettungsschirme, der Fiskalpakt, der erste Schuldenschnitt, die spanische und die italienische Abwehr, das Portugal- und das Irland-Paket entstehen. Nur mit der Zeit wächst die Hoffnung, dass die anderen Krisenländer so weit reformiert und wettbewerbsfähig sind, dass sie Griechenland auf viele Jahre hinaus mitfinanzieren können. Deutschland alleine könnte es jedenfalls nicht.

Wer nun der Bundesregierung unterstellt, sie jongliere mit den Zinsen, weil sie die Bundestagswahl ohne den Schuldenschnitt erreichen will, der beleidigt die Wähler. Die meisten aufgeklärten Köpfe werden längst verstanden haben, dass Griechenland den deutschen Steuerzahler viel Geld kosten wird. Darüber kann man sich empören, aber dagegen kann man wenig machen. Die SPD kritisiert zu Recht die Eile bei der Verabschiedung im Bundestag, die Stundung scheint sie prinzipiell aber zu unterstützen.

Hier geht es also nicht um Insolvenzverschleppung, sondern um Zeitgewinn. Zeitgewinn für Frankreich etwa, das ansonsten schnell in den Fokus der Märkte geriete. Zeitgewinn für Portugal und Irland, die Zeichen der Erholung zeigen. Und natürlich Zeitgewinn für Griechenland, das ein paar gute Nachrichten verdient hat.