Reform der Europäischen Union Weiterbauen an der Heimat Europa!
Anzeige
Europa braucht eine Verfassung - doch zu welchem Preis? Müssen wir auf dem Weg nach Europa die wertvolle deutsche Verfassung aufgeben? Nein, man kann Europa gewinnen und zugleich das Grundgesetz bewahren. Beides mit mehr Demokratie.
Die Dome und Kathedralen waren einst die trigonometrischen Punkte Europas. Alle Kunst des Kontinents fand dort ihre Form, ihre Gestalt und ihre Heimat - in Brüssel und Barcelona, in Antwerpen und Straßburg, in Wien und in London, in Magdeburg und in Uppsala, in Aachen, Kuttenberg, Burgos und Klausenburg. Aus dem Namen der Baumeisterfamilie Parler, welche die Dome und Münster zwischen Freiburg und Prag gebaut hat, soll sich das Wort Polier entwickelt haben.
Einen Entwurf für eine EU-Verfassung gibt es schon seit 2003 - über den herrschte aber Uneinigkeit. In Kraft trat später nur der Vertrag von Lissabon (2007).
(Foto: dpa)Man wünscht sich, dass es Poliere ihres Geistes und ihrer Kunstfertigkeit auch beim Bau des Hauses Europa gibt. Man wünscht sich, dass die Richterinnen und Richter des Bundesverfassungsgerichts in Karlsruhe, wenn sie in wenigen Tagen über die Vereinbarkeit des Fiskalpakts mit dem Grundgesetz urteilen, dies in einem Bewusstsein tun, das über das kleine Karo hinausreicht.
An den alten Kathedralen wurde lange gebaut, manchmal unvorstellbar lange; am Kölner Dom 632 Jahre. Und wenn es mit dem Bau einmal schneller oder richtig schnell ging, wenn der Bau gar in einem Menschenalter fertig wurde, suchte man dafür eine irrationale Erklärung - dann war beim guten Werk der Teufel im Spiel.
Den Teufel überlistet
Anzeige
In vielen Dombau-Legenden wird also erzählt, wie der verzweifelte Baumeister, um endlich fertig zu werden, sich mit dem Bösen eingelassen hat. Er musste dem bocksfüßigen Subunternehmer als Entlohnung für seine Hilfe die Seele des ersten Lebewesens versprechen, das bei der Einweihung das Bauwerk betrat. Die Legenden berichten, wie es der menschlichen Schläue gelang, den Teufel zu überlisten - der mit einem König, einem Kaiser oder Bischof gerechnet hatte, aber dann mit einem Hund (wie in Regensburg) oder mit einem Wolf (wie in Aachen) vorliebnehmen musste.
Die bisherige Bauzeit für das Haus Europa ist, verglichen mit derjenigen der Dome und Kathedralen, sehr kurz; das Werk ist fortgeschritten, aber noch nicht fertig. Indes: Die Bauarbeiten stocken, die Bauleute sind unlustig, an der einen Stelle wird noch gebaut, an der anderen nur saniert, es wächst dort und es bröckelt da; und es gibt Befürchtungen, dass die Arbeiten bald ganz eingestellt werden müssen. Warum? Es liegt, wie immer, am Geld, und es liegt daran, dass das Haus Europa, anders als die Dome des Mittelalters, nicht mit Granit oder Marmor, sondern aus den Hoheitsrechten gebaut werden, welche die einzelnen Staaten liefern.
Das deutsche Grundgesetz, so sagen viele Verfassungsrechtler, verbiete ab sofort weiteren Transport von deutschem Hoheitsmaterial - weil schon so viel davon nach Europa geschafft worden sei, dass es nun an die Kernbestände gehe. Das Grundgesetz behüte diese Kernbestände als unantastbar. Das Bundesverfassungsgericht müsse daher nun einen Lieferstopp vorschreiben. Ein solcher Lieferstopp hätte dann einen Baustopp für das Europäische Haus zur Folge, weil die Deutschen dessen wichtigste Bauherren sind. So ein Baustopp ist eine heikle und gefährliche Angelegenheit. Beim Dom zu Köln dauerte er einst 300 Jahre.