Referendum Sänger postet Wahlzettel-Foto - und halb Italien diskutiert über Bleistifte

Pelù machte ein Kreuz zur Probe - und das ließ sich ausradieren, behauptet der Sänger.

(Foto: Screenshot www.facebook.com/pieropelufficiale)

Die Kreuze auf den Unterlagen ließen sich ausradieren, behauptet Piero Pelù. Die darauf folgende Aufregung verrät eine Menge über die Stimmung beim Referendum.

Von Elisa Britzelmeier

Piero Pelù ist ein politischer Mensch. Das kann man sich seit Jahren in den Songs seiner Band Litfiba anhören, und man konnte es in den vergangenen Monaten beobachten, in denen er sich für ein "Nein" gegen die Verfassungsreform des italienischen Premiers Matteo Renzi stark gemacht hat. In Interviews, durch Aktionen mit anderen Reformgegnern und vor allem in den sozialen Netzwerken. Am Referendumstag hat Pelù mit einem Facebook-Post halb Italien zum Diskutieren gebracht - allerdings nicht mehr so sehr über den Inhalt einer möglichen Verfassungsreform. Sondern über Bleistifte.

Pelù, sonst vor allem an seiner kratzigen Stimme, dem langen dünnen Kinnbart und einer Vorliebe für auffällige Hüte in düsteren Farben erkennbar, hatte drei Bilder von seinen Wahlunterlagen und den dazugehörigen Stiften gepostet. Damit löste er solche Aufregung aus, dass am Ende das Innenministerium einschritt. Die Behauptung des Rocksängers: In der Wahlkabine habe er den zur Abstimmung bestimmten Stift auf einem Stück Papier getestet. Das Kreuz ließe sich ausradieren. Für Pelù der Beweis, dass es beim Referendum nicht mit rechten Dingen zuging.

Mehr als hunderttausend Mal wurde Pelùs Facebook-Post geteilt, auf Twitter gab es zahlreiche Tweets zum Hashtag #matitagate - #Bleistiftgate. In den Kommentaren auf dem Facebook-Profil des Sängers wurde aufgeregt diskutiert, und immer wieder gab es User, die ihre eigenen Wahlunterlagen posteten. Offenbar taten es einige dem Frontmann gleich und radierten probehalber. In Wahlbüros im ganzen Land äußerten Wähler ihren Unmut, berichtet La Repubblica.

Auf Facebook gab es auch viele Stimmen, die zur Mäßigung aufriefen. Das Kreuz sei ausradierbar, ja, aber nur, weil Pelù es auf normalem Papier gemacht habe. Die Wahlunterlagen seien anders beschaffen. Wieder andere schrieben, es gebe nun mal mehrere Stifte in der Wahlkabine, nicht alle seien für das definitive Kreuz gedacht; die richtigen seien aber deutlich markiert.

Auf Pelùs Fotos ist auch sein schriftlich formulierter Einspruch auf einem dafür vorgesehenen Bogen zu sehen. Er habe sofort gemeldet, dass der ihm zur Verfügung gestellte Stift nicht unauslöschlich sei, schreibt Pelù dazu. Offenbar taten es ihm so viele Menschen gleich, dass sich am Sonntagnachmittag das Innenministerium zu Wort meldete. "Die sogenannten Kopierstifte sind unauslöschlich und sind ausschließlich zur Stimmabgabe auf den Wahlunterlagen bestimmt", zitieren italienische Medien aus der Mitteilung. Verwendet werden dürften auch Stifte aus den vergangenen Jahren. Seit mindestens fünf Jahren würden von Faber-Castell in Deutschland produzierte Stifte verwendet.

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Fakten sind oft nur noch Nebensache

Die Tageszeitung La Stampa erklärt das Phänomen so: Die für die Wahlen verwendeten Kopierstifte seien nicht in dem Sinne "unradierbar", den man sich gemeinhin vorstelle. Wegen der Zusammensetzung des Stifts müsse ein damit gemachtes Zeichen geradezu "abgeschabt" werden. Das funktioniere theoretisch auch auf den Wahlunterlagen. Aber es hinterlasse immer Spuren. Das Papier der Wahlunterlagen würde beim eventuellen Ausradieren sogar so stark beschädigt, dass die Stimme wohl für ungültig erklärt würde, schreibt La Stampa. Tatsächlich ist auch auf dem normalen Papier, das Pelù für seinen Test verwendete, noch ein schwaches Kreuz zu sehen.

Befördert wurde die Aufregung um die Stifte auch durch eine Whatsapp-Nachricht, die Tage vor der Abstimmung im Umlauf war, Ursprung unbekannt. In dem Kettenbrief wurde gewarnt: Die offiziellen Stifte seien manipuliert, man möge von daheim einen Radiergummi mitbringen und das Ganze testen.

Die Aufregung um die Stifte zeigt, wie stark die Diskussion um das Referendum in Italien von Verschwörungstheorien begleitet war. Besonders unter den Gegnern der Reform gibt es einige, die davon sprechen, dass ohnehin fremde Mächte über Italien herrschten. Dass Italien von J.P.Morgan, der Europäischen Zentralbank, der Europäischen Kommission bevormundet werde. Dass Renzi nur ein kleiner Befehlsempfänger sei. Diese Meinung vertritt sogar Marco Travaglio, renommierter Journalist und langjähriger Kritiker Berlusconis.

Wie man sich das vorstellen muss, dass da reihenweise Stimmen ausradiert werden, das wird nicht deutlich in der Aufregung im Netz. Sind alle Wahlhelfer gekauft? Sitzen die gemütlich beisammen und bearbeiten die Zettel? Was die Vorwürfe, die der Aufregung beigemischt sind, in der letzten Konsequenz bedeuten, bleibt offen. Für die meisten scheint es auszureichen, dass der Zweifel gesät wurde. Die Diskussion um die Stifte zeigt, dass auch beim Italien-Referendum - wie beim Brexit, wie beim Thema Trump - Fakten oft nur noch Nebensache sind.

Ob Piero Pelù sich wieder beruhigt hat, ist nicht bekannt. Immerhin ging die Abstimmung in seinem Sinne aus - Bleistifte hin oder her.

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