Rechtsradikalismus in Studentenvereinigungen Burschenschaft schließt Kritiker aus

Christian Becker wollte den Dachverband der Deutschen Burschenschaften reformieren, doch jetzt schließt ihn seine eigene Verbindung aus. Der Dachverband weiß indes immer noch nicht, ob er die rechtsextremen Tendenzen in den eigenen Reihen weiter zulässt.

Von Antonie Rietzschel

"Hetzblog-Betreiber" - der Dachverband der Deutschen Burschenschaften machte per Twitter nochmal deutlich, was von so einem wie Christian Becker zu halten ist. Becker war am Wochenende mit großer Mehrheit aus seiner Studentenverbindung, der Alten Breslauer Burschenschaft der Raczecks zu Bonn, ausgeschlossen worden. Die Begründung: "Rufschädigendes Verhalten".

Burschenschaftler im Juni 2011 in Eisenach. Schon damals sorgte die Diskussion um die Einführung eines "Arier-Nachweises" für einen Eklat.

(Foto: Getty Images)

Der 46-Jährige gehörte zu den "Alten Herren" der Raczecks, einer Burschenschaft, die im Juni vergangenen Jahres mit einem Antrag zur Einführung eines "Arier-Nachweises" für Aufregung sorgte. Becker gründete daraufhin die Initiative "Burschenschafter gegen Neonazis" und prangert bis heute öffentlich rechtsextreme Tendenzen in den Studentenverbindungen an. Auf dem Blog der Initiative verlinkt er unter anderem Artikel mit Überschriften wie "Der braune Sumpf in Thüringen: Burschenschaft mit engen Kontakten in Neonazi-Szene" oder "Behörden dürfen Rechtsextremisten feuern - Burschenschaftliche Lehrer zittern".

Nun also der Ausschluss. Für Becker kommt die Entscheidung nicht überraschend. "Ich habe damit gerechnet, da es nun schon ein monatelanges Ringen zu der Frage gibt, wie man mich endlich los wird. Der Ausschluss ist nun das äußerste Mittel, zu dem die Herren greifen konnten", sagt er im Gespräch mit Süddeutsche.de. Die Zusammenfassung der Argumente liefert ein Brief, der einem Ausschlussantrag gegen Becker beigefügt ist: "Du hast es leider übertrieben", heißt es dort.

Die Burschenschaftler sind spätestens seit Anfang Juni dieses Jahres tief gespalten. Damals war es auf dem Eisenacher Burschentag zum Eklat gekommen. Beckers Initiative stellte einen Antrag zur Auflösung des Dachverbandes der Deutschen Burschenschaften, dem 115 Einzelbünde mit 900 Mitgliedern angehören und von dem sich viele andere akademische Verbindungen distanzieren. Rechtsextremismus solle nicht länger geduldet und offiziell finanziert werden, hieß es in der Begründung des Antrages.

Der Vorstoß scheiterte, noch während des Burschentags traten fünf Führungsmitglieder zurück. Sie zählen zur liberalen Strömung "Burschenschaftliche Zukunft". Auslöser war die Wiederwahl des Vorstandsmitgliedes Norbert Weidner zum "Schriftleiter" der Dachverbands-Zeitung Burschenschaftliche Blätter. Weidner, ebenfalls Mitglied bei den Raczecks, hatte zuvor einen Leserbrief in deren Zeitung, dem Bundesbrief, veröffentlicht.

Darin bezeichnete er den NS-Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer als "Landesverräter". Heute gelte es "als en vogue, jegliche Kritik am Nationalsozialismus zu glorifizieren, auch wenn die damaligen Kritiker sich zu Lasten von Deutschland und seinen Volksangehörigen wendeten", schrieb er. Angesichts der drohenden Spaltung des Dachverbandes musste der Eisenacher Burschentag damals vorzeitig abgebrochen werden.

Die Gegenspieler Norbert Weidner und Christian Becker trafen sich vor Gericht wieder. Weidner wollte in einem Zivilverfahren erreichen, dass Becker den Vorwurf zurückziehe, Weidner sei einer der Köpfe der rechtsextremen Bewegung, die aus Burschenschaftern, NPD und Kameradschaften bestehe. Weidner strebe die Gründung einer "rechtsextremen Studentenpartei" an, hatte Becker in einer Mail an andere Burschenschaftler geschrieben. Ende Juni entschieden die Richter, Beckers Aussagen seien vom Recht auf freie Meinungsäußerung abgedeckt, sie stellten keine unzulässige Schmähkritik dar.

Ausschluss dreier Burschenschaften

Nachdem der Gerichtsprozess Becker nicht zum Schweigen bringen konnte, nun also der Ausschluss. Laut Christian Becker wird der nicht endgültig sein. "Ich habe bereits eine neue Burschenschaft gefunden, die mich aufnimmt. Eine demokratische - so etwas soll es ja noch geben", sagte er. Ihm sei es wichtig, dass der Kampf für Demokratie und Bürgerrechte wieder verstärkt in den Mittelpunkt der Arbeit der Burschenschaften rücke.

Damit scheint er nicht mehr allein zu sein: Der gesamte liberale Flügel des Dachverbandes der Deutschen Burschenschaften, die "Burschenschaftliche Zukunft", diskutiert derzeit ein Positionspapier, dass eine klare Distanzierung von rechtsextremen Tendenzen fordert.

In dem dreiseitigen Dokument, das Süddeutsche.de vorliegt, heißt es, die teils rechtsextremistischen und rassistischen Provokationen einzelner Burschenschaften und Burschenschaftler seien nicht mehr erträglich. Die Vereinbarkeit der NPD-Mitgliedschaft mit der Zugehörigkeit zu einer Burschenschaft wird verneint.

Außerdem, so ein Vorschlag, sollen drei Burschenschaften wegen verbandsschädigenden Verhaltens aus dem Dachverband ausgeschlossen werden. Darunter: die Bonner Raczeks.