Rechtsextremist "Corelli" Staat zahlte V-Mann fast 300 000 Euro

  • Der Verfassungsschutz hat dem Rechtsextremisten und V-Mann Thomas Richter fast 300 000 Euro für seine Spitzeldienste gezahlt.
  • Das geht aus einem Report des Sonderermittlers Jerzy Montag hervor, den er für das Parlamentarische Kontrollgremium des Bundestages angefertigt hat. Darin kritisiert der Grünen-Politiker erneut den Verfassungsschutz.
  • Die Neonazi-Quelle "Corelli" galt beim Inlandsgeheimdienst als Top-Informant. Der inzwischen verstorbene V-Mann hatte früher Kontakt zu einem NSU-Mitglied und zu einem Polizisten, der beim Ku-Klux-Klan war.
Von Tanjev Schultz und Lena Kampf

Der Mann, den sie beim Verfassungsschutz "Corelli" nannten, war sehr umtriebig. Wenn sich irgendwo in der Republik Rechtsextremisten trafen, war Corelli meist nicht weit.

Beim Bundesamt für Verfassungsschutz galt er als Top-Quelle. Und das Amt ließ sich seinen V-Mann einiges kosten: Insgesamt 296 842,83 Euro kassierte Corelli während seiner 18-jährigen Spitzeltätigkeit. So steht es in einem geheimen Bericht des Sonderermittlers Jerzy Montag, den Süddeutsche Zeitung, NDR und WDR einsehen konnten.

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Der Grünen-Politiker Montag hat den Fall "Corelli" im Auftrag des Parlamentarischen Kontrollgremiums des Bundestags untersucht. Die Abgeordneten wollten im Zusammenhang mit den NSU-Ermittlungen mehr über Corelli erfahren. Das Ergebnis ist ein gut 300 Seiten starker Bericht, in dem der Sonderermittler akribisch die Geschichte des V-Manns nachzeichnet.

In der rechten Szene trug Corelli den Spitznamen "HJ Tommy", im bürgerlichen Leben hieß er Thomas Richter. Im vergangenen Jahr starb er überraschend mit 39 Jahren - an einem Zuckerschock. Der Mann mit den vielen Identitäten soll unter unerkanntem Diabetes gelitten haben. Fremdeinwirkung ist durch Experten und Gutachten ausgeschlossen worden. Der plötzliche Tod wurde trotzdem zum Politikum - denn Corelli könnte Kontakte zu den NSU-Terroristen gehabt haben.

Vier V-Leute unter sich

Der ehemalige V-Mann starb, bevor die Ermittler ihn zu einem Datenträger befragen konnten, der von Corelli stammte und auf dem schon vor Jahren von einem "Nationalsozialistischen Untergrund" die Rede war. Eine solche CD schlummerte jahrelang in der Ablage des Bundesamts für Verfassungsschutz, ohne dass jemand die Brisanz bemerkt haben will.

Die Auswertung der CD sei "grob regelwidrig" gewesen, schreibt Montag. "Sie ist schlicht unterlassen worden." Gefunden wurde der Datenträger letztlich von den Beamten des Bundeskriminalamts - der Verfassungsschutz "war nicht in der Lage, sie im eigenen Haus zu finden".

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Corelli hatte dem Verfassungsschutz im Laufe der Jahre sehr viel Material geliefert. Über Neonazi-Bands, über rechte Foren, Personen und Veranstaltungen. Er hatte auch Zugang zu einer Ku-Klux-Klan-Gruppe in Baden-Württemberg, der außer Corelli zeitweise sogar Polizisten angehörten. Einer der Beamten war später der Truppführer der Polizistin Michèle Kiesewetter, die 2007 vom NSU ermordet wurde. Die ersten Informationen, dass Polizisten in dem rassistischen Geheimbund mitmachten, stammten von Corelli.

Bei dessen Arbeit sei es wegen der problematischen V-Mann-Dichte in der Neonazi-Szene mitunter zu "skurrilen" Situationen gekommen, heißt es in dem Bericht des Sonderermittlers: So hätte sich Corelli einmal mit den damaligen Klan-Anführer in einem Chat über zwei weitere Rechtsextremisten ausgetauscht. Was sie wohl nicht wussten: Alle vier Personen waren V-Leute.

Untiefen des Spitzel-Geschäfts

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Für Corelli war die Arbeit als Spitzel weit mehr als nur ein Nebenerwerb. Er verdiente damit zeitweise mehr Geld als mit seinem regulären Job bei einem Lederwaren-Händler; zumal das Amt ihm auch großzügig Auslagen erstattete. Von 2002 an kam Corelli auf Beträge von mehr als 1000 Euro im Monat - steuerfrei.

Auffällig sei, so der Sondermittler Jerzy Montag, dass zugunsten von Corelli "häufig Sonderprämien etc. ausgezahlt wurden, wenn seine umfangreiche EDV-Anlage ganz oder teilweise beschlagnahmt oder eingezogen wurde". Damit sei "der mit der strafrechtlichen Maßnahme verfolgte Ahndungseffekt wirtschaftlich konterkariert" worden. Im Klartext: Der Geheimdienst hat die Arbeit von Polizei und Staatsanwaltschaft hintertrieben.

Unter anderem wurde dem V-Mann auch Geld für Autos und zum Begleichen von Schulden gegeben. Zudem fielen Kosten für die "Unterbringung durch befreundeten Auslandsdienst" und "Kosten einer Sprachschulungsmaßnahme im Ausland" an.

Corelli war in der Szene eine Art Internet-Experte. Er betrieb mehrere Internetseiten selbst und wurde von Kameraden um Unterstützung in Computerfragen gebeten. Die Beamten des Verfassungsschutzes bekamen durch den Spitzel Zugang zu zahlreichen Chats und geschlossenen Foren. Sie kannten zum Teil auch Corellis Passwörter. Sie hießen zum Beispiel "landser", "nazi" und "verrat" - für Jerzy Montag einer von mehreren Hinweisen darauf, dass der Spitzel, anders als von einem Beamten des Verfassungsschutzes dargestellt, selbst ein überzeugter Rechtsextremist war.