Rätsel um russischen Präsidenten Wo ist Putin?

Eine Bronzebüste in Sankt Petersburg zeigt Putin im Stil römischer Kaiser - das Original ist seit Tagen nicht gesichtet worden.

(Foto: dpa)

Seit dem 5. März hat sich Russlands Präsident nicht mehr öffentlich gezeigt. Selbst wenn nur ein Bruchteil von dem wahr wäre, was Kreml-Astrologen, Blogger und Journalisten seither als Gründe für sein Verschwinden erwägen - es müssen dramatische Tage für ihn sein.

Von Julian Hans, Moskau

Daran, dass das staatlich gelenkte Fernsehen mitunter buchstäblich Unglaubliches hervorbringt, haben sich die Zuschauer in Russland gewöhnt. Am vergangenen Freitag jedoch gab es einen neuen Höhepunkt: Die Nachrichten des Senders Rossija gewährten einen Blick in die Zukunft.

Präsident Wladimir Putin habe bei einem Treffen mit seinem kirgisischen Kollegen Almasbek Atambajew in Sankt Petersburg an diesem Montag über Zusammenarbeit in Kultur, Energiefragen und über den Beitritt Kirgisistans zur Eurasischen Wirtschaftsunion gesprochen, berichtete die Sprecherin in der Vergangenheitsform.

Dass die Redakteure eine Meldung vier Tage zu früh gebracht hatten, die von der Pressestelle des Kreml offenbar als Ankündigung vorgesehen war, gab den Gerüchten über den Verbleib von Wladimir Putin neue Nahrung. Seit Journalisten und Bloggern Mitte vergangener Woche aufgefallen ist, dass sich der Präsident nach seinem Treffen mit dem italienischen Ministerpräsidenten Matteo Renzi am 5. März nicht mehr in der Öffentlichkeit gezeigt hatte, brodelt die Gerüchteküche.

Vladimir Putin, Alexander Lukashenko Russian President Vladimir Putin, center, enters a hall to meet with Belarusian President Alexander Lukashenko prior a session of the Supreme State Council of the Union State at the Kremlin in Moscow, Russia, Tuesday, March 3, 2015. (AP Photo/Sergei Karpukhin, pool)

(Foto: AP)

Selbst wenn nur ein Bruchteil von dem wahr wäre, was Kreml-Astrologen, Blogger und Journalisten in den vergangenen Tagen als Gründe für das Verschwinden des russischen Präsidenten von der Bildfläche erwogen haben - es müssen dramatische Tage für Wladimir Putin gewesen sein. Demnach hat er wahlweise Krebs oder einen Schlaganfall, ist tot oder im Aufzug stecken geblieben, der in einen Atombunker tief unter dem Kreml führen soll, bereitet eine umfassende Regierungsumbildung vor oder ist selbst Opfer eines Staatsstreichs geworden.

Mit einer für Putin erfreulicheren Erklärung wartete das Schweizer Boulevardblatt Blick auf; demnach habe die 30 Jahre jüngere Sportgymnastin Alina Kabajewa, die seit Jahren als Geliebte des 62-Jährigen gehandelt wird, in einer Privatklinik im Tessin ein Kind zur Welt gebracht.

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Putins Sprecher Dmitrij Peskow dementierte diese Geschichte am Freitag ebenso wie die Gerüchte über eine mögliche Erkrankung seines Chefs und fügte entnervt hinzu, er werde demnächst eine Belohnung für die beste Medien-Ente ausloben. "Der Präsident fühlt sich gut", hatte er am Donnerstag versichert; er habe "einen Händedruck, der dir die Finger bricht".

Von einer Erkrankung war zum ersten Mal die Rede, nachdem Putin mehrere Termine abgesagt hatte, darunter eine Sitzung mit der Führung des Geheimdienstes und ein Treffen mit Kasachstans Präsidenten Nursultan Nasarbajew. Ihre Erklärung, Putin habe aus gesundheitlichen Gründen abgesagt, nahm die kasachische Führung nach dem Dementi des Kreml eilig zurück. Statt die Zweifel zu zerstreuen, heizten Berichte des Staatsfernsehens die Spekulationen an. Eine Zeitung fand heraus, dass Aufnahmen, auf denen Putin Frauen zum 8. März gratulierte, bereits drei Tage früher aufgenommen worden waren. Bilder von einem Treffen mit einem Gouverneur, das am 10. März stattgefunden haben soll, ähnelten denen von vor einem Jahr bis ins Muster der Krawatte. Und ein Treffen, das angeblich am 11. März stattgefunden haben soll, war laut Bericht einer Lokalzeitung bereits am 4. März.

Brisant ist Putins Abtauchen aus einem anderen Grund

Dass vorübergehende Abwesenheiten des Präsidenten mit Archivmaterial überbrückt werden, ist nicht neu. Der Sender Doschd hat vor einigen Jahren dokumentiert, dass die staatlichen Kanäle mitunter Wochen altes Material als aktuell ausgeben; weil Putin jeden Tag in den Nachrichten erscheinen muss, wird vorproduziert.

Brisant ist Putins Abtauchen aus einem anderen Grund. Nach dem Mord an dem Oppositionspolitiker Boris Nemzow sind Rivalitäten zwischen den Sicherheitsorganen und Kämpfern des Tschetschenen-Oberhaupts Ramsan Kadyrow eskaliert. Die Spuren führen in Kadyrows nächstes Umfeld. Wenn die Ermittler keine Ergebnisse liefern, sind sie bloßgestellt. Putin, der auf beide Gruppen angewiesen ist, müsste eine Entscheidung treffen - und verschwindet. Kadyrow veröffentlicht indes eine Ergebenheitsadresse nach der anderen. Er werde stets zu Putin halten, schrieb er am Samstag auf Instagram, "ob er im Amt ist oder nicht".

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