Protestkultur in Großbritannien Die Rache des smarten Mobs

Banken werden mit Milliarden gerettet, dafür Sozialleistungen gestrichen: Viele Briten fühlen sich von der Politik betrogen und protestieren. Einige greifen zu einer besonders cleveren Methode.

Von Maria Fiedler und Johannes F. Laubmeier

12:15 Uhr: Die Filialleiterin einer NatWest-Bank in Cardiff steht in der Lobby und telefoniert. "Hallo, Polizei? ... Ja, sie sind da", sagt sie. Vor ihren Füßen sitzen 20 Menschen auf dem Boden, mitten in der Eingangshalle vor den Geldautomaten. Sie halten Plakate in die Luft. "Wir werden nicht für deren Krise zahlen", steht darauf, darüber das Logo der Bank. Plötzlich springt ein junger Mann im Anzug auf. "Wir machen aus dieser Bank jetzt einen Vorlesungssaal", ruft er.

Anstatt in der Uni halten die Demonstranten im Schalterraum der NatWest-Bank in Cardiff ein Seminar - Protest gegen Einsparungen bei der Bildung.

(Foto: J. Laubmeier)

So wie diese Bank in Cardiff wurden in den vergangenen Wochen Hunderte Filialen renommierter britischer Geldinstitute von Protestaktionen überrascht. Dahinter steckt die Bewegung UK Uncut, die auf der Insel eine neue Protestkultur etabliert hat. Statt auf der Straße zu demonstrieren - wie es an diesem Samstag in London Zehntausende getan haben - , gehen die Aktivisten einen Schritt weiter: Sie beherbergen Obdachlose in Banken, behandeln Kranke zwischen Geldautomaten, halten Vorlesungen in der Schalterhalle und eröffnen Kindergärten vor den Augen der Filialleiter - bis die Polizei kommt.

Die Liste der Aktionen ist so lang wie die Liste der gekürzten Sozialleistungen, gegen die die Anhänger von UK Uncut protestieren. Nötig sind diese Einschnitte in den Augen der Demonstranten, weil sich große Konzerne in Großbritannien reihenweise um die Steuer drücken und den Banken mit milliardenschweren Finanzpaketen aus der Krise geholfen werden musste. "Die Banken haben die Wirtschaftskrise durch leichtsinnige Spekulationen verursacht. Aber diejenigen, die am Ende dafür bestraft werden, sind wir einfachen Leute", sagt Sebastian Powers, der auch in Cardiff protestiert hat. Betroffen sind von den Kürzungen in Großbritannien viele: Kinder und Studenten, Kranke, Obdachlose und alte Menschen bekommen die Einsparungen besonders zu spüren.

12:35 Uhr: Ein grauhaariger Mann steht vor der Bank. Der Sicherheitsmann zögert. Kunden dürfen rein, Demonstranten nicht. Schließlich öffnet er die Tür, lässt den Mann vorbei. Nach wenigen Sekunden lässt der sich auf den Boden fallen und beginnt zu rufen: "Kein Wenn, kein Aber, keine Einsparungen im öffentlichen Sektor." Die anderen Demonstranten stimmen ein - mit der Ruhe im provisorischen Vorlesungssaal ist es jetzt vorbei.

Angefangen hatte alles im Oktober 2010 als 50 Aktivisten von UK Uncut einen Laden von Vodafone in London lahmlegten. Der Mobilfunkanbieter hatte einen Deal mit der britischen Steuerbehörde abgeschlossen, der es dem Konzern möglich machte, auf erwirtschaftete Gewinne einer Tochtergesellschaft in Luxemburg keine Steuern mehr zu zahlen. Insgesamt war die Rede von sechs Milliarden Pfund, um deren Zahlung sich Vodafone erfolgreich gedrückt hatte. Obwohl das Unternehmen diese Zahl dementierte, war die Nachricht ein Skandal, besonders da zur gleichen Zeit milliardenschwere Einsparungen im sozialen Sektor beschlossen worden waren.

"Einschnitte im Bildungssystem, bei der Gesundheitsvorsorge, den Wohnzuschüssen und dem Kindergeld wären überhaupt nicht nötig, wenn die Unternehmen ihre Steuern bezahlen würden. Es war eine strategische Entscheidung der Regierung, lieber an der Bevölkerung zu sparen, als sich bei den Unternehmen unbeliebt zu machen ", sagt Anna Walker, Sprecherin von UK Uncut im Gespräch mit sueddeutsche.de.

Neben Vodafone protestierten die Aktivisten von UK Uncut unter anderem auch in Filialen des britischen Mode-Imperiums Topshop. Der Besitzer hatte angeblich versucht, sich um Steuern zu drücken, indem er 1,2 Milliarden Pfund nach Monaco verschob. Mehrere Läden des Konzerns mussten für einige Stunden geschlossen werden, weil sich die Demonstranten mit Sekundenkleber an die Fenster der Filiale geleimt hatten.