Politveteran Kissinger über Weltpolitik Die westfälischen Prinzipien des Henry K.

Henry Kissinger bei einem Besuch in Berlin 2013

(Foto: AP)

In seinem neuen Buch "Weltordnung" erklärt der Realpolitiker und ehemalige US-Außenminister, warum der Westen sich mit Russland und Iran gut stellen sollte - trotz allem.

Von Franziska Augstein

Kaum ein größeres Kompliment könnte man Henry Kissinger machen, als wenn man sagte, er sei so klug wie Kardinal Richelieu. Doch, eines vielleicht: Er sei so umsichtig wie Bismarck. Der Schriftsteller Joseph Heller - er schrieb "Catch-22" - ließ in seinem Roman "Good as Gold" 1976 den Protagonisten namens Gold ganz anders denken. "Golds zurückhaltender Meinung nach würde Kissinger nicht als ein Bismarck, Metternich oder Castlereagh in die Geschichte eingehen, sondern als scheußlicher Liederling, der gern Krieg führte."

Eines wird niemand Henry Kissinger absprechen: dass er interessante Bücher schreibt. Faszinierend sind sie schon deshalb, weil die Leser zwischen den Zeilen nach Hinweisen danach suchen können, wie er, der jahrelang die oftmals ziemlich blutige amerikanische Außenpolitik mitbestimmte, die eigenen Tätigkeiten - oder Taten - im Rückblick beurteilt.

Für ein Gleichgewicht der Mächte - unter US-Führung

Sein jüngstes Buch heißt kurz "Weltordnung", auf Englisch "World Order". Das zeugt von Selbstgewissheit. Kissinger hat eine genaue Vorstellung davon, wie die Weltordnung aussehen muss: Im Prinzip sollten alle Länder sich in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten nicht einmischen; geopolitisch sei ein gut austariertes Gleichgewicht der Kräfte vonnöten; letzteres unter der umsichtigen Leitung der Vereinigten Staaten. Das Prinzip der Nichteinmischung gelegentlich zu ignorieren betrachtet Kissinger als ein notwendiges Vorrecht der USA.

Der Westfälische Friede, mit dem 1648 der Dreißigjährige Krieg beendet wurde, hatte zumindest die ersten zwei der oben genannten Regeln festgeschrieben. Kardinal Richelieu, der damals Frankreichs Politik bestimmte, hatte während des Dreißigjährigen Krieges die Theorie aufgestellt, dass der Staat, unabhängig von den Herrscherhäusern, "eine abstrakte und permanente Einheit sei": Und so sollte, schreibt Kissinger, "das berechenbaren Prinzipien folgende Nationalinteresse als Leitstern dienen".

Die Friedensengel

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Das "nationale Interesse" war immer schon der Leitstern des Realpolitikers Henry Kissinger. In seinem neuen Buch spricht er oftmals von den "Westfälischen Prinzipien".

Er meint, dass die Präsidenten der Vereinigten Staaten sich in ihrer Politik davon aber meistens nicht leiten ließen. Wer denkt, die sinnlosen Kriege der USA - in Vietnam, in Afghanistan, im Irak - seien auf spezifische Interessen zurückzuführen und also rational erklärbar, wird von Kissinger belehrt: Viele Präsidenten der USA hätten Politik nicht nach realpolitischen, sondern nach moralisch-idealistischen Vorstellungen betrieben. Kissinger kannte und kennt die Leute, ihm nimmt man das ab.

Als historisch bewanderter Mann erklärt er die Gegenwart der Länder, auf die er näher eingeht, auch aus der Vergangenheit. Das ergibt etliche Seiten historischer Volkshochschule. Kissinger dankt am Ende des Buches seinem Assistenten Schuyler Schouten: "Als wissenschaftlicher Mitarbeiter beeinflusst er meine geistige Tätigkeit als eine Art Alter Ego." So ein großes Lob, das unbeholfen ins Deutsche übersetzt wurde, gebührt in aller Regel einem Co-Autor.

Rückblickend bricht Kissinger über keinen seiner früheren Arbeitgeber den Stab. Was er über Richard Nixon schreibt, ist so devot und verzerrt, dass er als Quelle über dessen Amtszeit und als Quelle für seine eigene Rolle als Nixons außenpolitischer Berater nicht infrage kommt. Alle US-Präsidenten lobt er. Allerdings macht er zwei Ausnahmen: Mit Barack Obamas Politik kann er nichts anfangen (Kissinger hält es eher mit den Republikanern). Und über Woodrow Wilson - für den konnte er nicht arbeiten, weil er zu dessen Amtszeit noch nicht geboren war - hat er auch wenig Gutes zu sagen.

Intelligente Stereotypisierungen

Wilson war der Präsident, der nach dem Ende des Ersten Weltkriegs die Idee vom Selbstbestimmungsrecht der Völker durchsetzte. Das führte in Europa zu großer Instabilität: Deutschland war zuvor nur, so Kissinger, "von drei Großmächten umringt gewesen" (Frankreich, Russland und Österreich-Ungarn), danach saßen auch etliche Kleinstaaten in der Umgebung - Futter für Imperialisten. "Die Tragödie des Wilsonianismus", schreibt Kissinger, "liegt darin, dass er den Vereinigten Staaten als der entscheidenden Macht des 20. Jahrhunderts eine abgehobene außenpolitische Doktrin hinterlassen hat, die historischem oder geopolitischem Realitätssinn wenig Beachtung schenkt."

Genau so hat der 2012 verstorbene marxistische Historiker Eric Hobsbawm das auch gesehen. Marxens historischer Materialismus ist dem realpolitischen Denken sehr nahe. Hobsbawm stand allerdings stets auf Seiten der Opfer der amerikanischen Außenpolitik. Hobsbawms Beispiel zeigt: Nicht jeder Freund des realpolitischen Denkens hält die Menschenrechte für nachrangig.

Weltordnung

Eine Leseprobe des Buches stellt der Verlag hier zur Verfügung.

Kissinger, der sich mit der ganzen Welt beschäftigen muss und will, kann sich nicht überall gut auskennen. Die Geschichte dient ihm, der an der Universität Harvard gelehrt hat, auch dazu, Ordnung in das jeweils neue Chaos der Gegenwart zu bringen. Das führt zu Stereotypisierungen - in seinem Buch über China (2012) hat er das höchst erfolgreich und plausibel praktiziert: Da zeigte er, dass die Kommunistische Partei Chinas mit der konfuzianischen Tradition arbeitet und möglicherweise auch von ihr geprägt ist. Das war seinen meisten Lesern neu.

Die Neigung zu Stereotypisierungen war auch im zweiten Band seiner Erinnerungen (1982) offensichtlich. Lange nach Beendigung des Vietnamkriegs schrieb er über die Vietnamesen: "Es fehlte ihnen die Humanität ihrer laotischen Nachbarn, sie verfügten nicht über die Anmut und den Charme der Kambodschaner, sie wollten die Vorherrschaft nicht durch anziehende Eigenschaften gewinnen, sondern durch unbeugsame Entschlossenheit." Wie sich gezeigt hat, wollten die nordvietnamesischen Kommunisten gar keine Vorherrschaft gewinnen, sondern einfach in Ruhe gelassen werden. Heute hat das Land eine stabile, marktwirtschaftlich orientierte Regierung.