Plakataktion Wiesenthal-Zentrum sucht nach letzten Nazi-Verbrechern

Tätersuche per Plakat: Das Simon-Wiesenthal-Zentrum sucht nach den letzten Nazi-Verbrechern.

(Foto: AFP)

Täter gesucht: Mit einer Plakatkampagne in deutschen Großstädten sucht das Simon-Wiesenthal-Zentrum nach den letzten Nazi-Verbrechern - 60 bis 120 sollen in Deutschland noch leben. Für Hinweise gibt es eine Belohnung im fünfstelligen Bereich.

Das Simon-Wiesenthal-Zentrum hat eine Plakatkampagne zur Suche nach den letzten überlebenden Nazi-Verbrechern in Deutschland gestartet, unter anderem in Köln. Unter dem Motto "Spät. Aber nicht zu spät! Operation Last Chance II" appellieren die Aufrufe seit Dienstag an die Bevölkerung: "Einige der Täter sind frei und am Leben! Helfen Sie uns, diese vor Gericht zu bringen."

Zwei Wochen lang werden Plakate in Berlin, Hamburg und Köln aufgehängt. Für sachdienliche Hinweise ist eine Belohnung von bis zu 25.000 Euro ausgesetzt. Der Initiator der Kampagne, Efraim Zuroff, schätzte die Zahl der noch lebenden Nazi-Verbrecher in Deutschland auf 60 bis 120. Die Gesuchten sind vermutlich um die 90 Jahre alt oder noch älter.

Es sei jetzt in Deutschland leichter geworden, Nazi-Verbrecher aufzuspüren, sagte Zuroff beim Auftakt der Kampagne in Berlin. Nach der nicht rechtskräftigen Verurteilung von John Demjanjuk in München 2011 habe sich die Rechtslage geändert. Jetzt genüge der Nachweis, dass Menschen in Vernichtungslagern und mobilen Mordkommandos Dienst getan hätten. Vorher habe jedem ein spezifisches Verbrechen an einem bestimmten Menschen nachgewiesen werden müssen.

Kritik an der vom Wiesenthal-Zentrum ausgeschriebenen Belohnung äußerte der deutsch-israelische Historiker Michael Wolffsohn. Viel wichtiger sei, dass eine solide, intensive Aufarbeitung der NS-Verbrechen weitergehe, sagte Wolffsohn im Deutschlandradio Kultur. Die Plakataktion bringe überhaupt nichts, sondern rufe eher Mitleid mit den betagten Kriegsverbrechern hervor. Zudem sei ein Aufwiegen der NS-Verbrechen mit Zahlen absurd. "Ich finde es geradezu pietätlos und schamlos: 25.000 Euro für Schwerstverbrecher", sagte der Ex-Professor der Münchner Bundeswehr-Universität. Mit einer moralisch intensiven Aufarbeitung habe das nichts zu tun.

Das Simon-Wiesenthal-Zentrum kämpft weltweit gegen Rassismus, Antisemitismus, Terrorismus und Völkermord und setzt sich für die Förderung von Toleranz ein. Bekannt wurde es mit der weltweiten Suche nach untergetauchten Nazi-Verbrechern und Kollaborateuren.

Die Menschenrechtsorganisation wurde 1977 von Rabbi Marvin Hier in Los Angeles gegründet, wo auch ihr Hauptsitz ist. Das Zentrum ist nach dem österreichischen Juden Simon Wiesenthal (1908-2005) benannt. In der NS-Zeit verlor Wiesenthal durch den Holocaust Dutzende Angehörige und forschte nach dem Zweiten Weltkrieg weltweit nach Nazi-Tätern.