Parteienlandschaft in Deutschland Die Grünen sind die neue CDU

Grün ist die gesellschaftspolitische Leitkultur der Bundesrepublik. Der Naturbezug hat offenbar die Religiosität abgelöst und die Grünen sind die neue CDU. Nichts scheint der Partei zu schaden. Solange sie nicht an der Macht ist.

Ein Kommentar von Heribert Prantl

Die Bundesrepublik erlebt ein grünes Wunder. Die Grünen stehen so gut da wie nie; und die anderen Parteien, deren Wunder vorbei ist, ärgern sich grün und blau. CDU/CSU und SPD schauen so bitter und so neidisch auf die Grünen, wie in der Bibel der Kain auf seinen Bruder Abel geschaut hat - als der Rauch von dessen Opfergabe geradeaus zum Himmel stieg, der Rauch des Kain'schen Opfers aber schwer am Boden herumkroch. Kain hat daraufhin den Abel erschlagen.

So weit gehen die Altparteien nicht, schon deswegen nicht, weil sie beide die Grünen zur Koalitionsbildung brauchen. Aber kleiner wollen sie die Grünen wieder machen. Und daher hauen sie beide auf die Partei drauf wie auf einen gemeinsamen Gegner, und zwar so sehr, dass CDU/CSU und SPD darüber ihre eigene Konkurrenz schier vergessen. Aus der Mitte der Gesellschaft sind die Grünen auf diese Weise nicht zu vertreiben.

Der Furor der großen Altparteien ist aber verständlich, weil die grüne Partei sich derzeit fast alles leisten kann, was sich die anderen Parteien nicht leisten können: Die Grünen können konsequent inkonsequent sein, ohne in der allgemeinen Gunst zu sinken; sie können ihre Ideale für die Macht opfern, sie können in der Opposition das Gegenteil sagen von dem, was sie in der Regierung gesagt haben - es scheint ihnen nicht zu schaden. Sie werden vom Zeitgeist getragen. Das ist nicht unverdient, denn die Grünen haben ihn mitgeschaffen. Sie ernten jetzt die Früchte der wilden und idealistischen Jahre, in denen sie als "Anti-Parteien-Partei" geackert und gesät haben.

So ein Zeitgeist kommt und geht. In den fünfziger und sechziger Jahren war er christlich. Das "C" stand für die gesellschaftspolitische Leitkultur der Bundesrepublik: Die meisten Deutschen gehörten noch einer christlichen Konfession an und das Christliche war ein Gewand, das ihnen nach der Nazi-Barbarei gut stand; dieses Gewand war aber auch weit genug, um die Leute im politischen und persönlichen Alltag nicht zu sehr zu beengen und einzuschränken.

Die fünfziger Jahre bis zur Mitte der sechziger waren daher die ganz große Zeit der CDU/CSU. In den siebziger Jahren stand dann das "S" für die gesellschaftspolitische Leitkultur der Bundesrepublik: Der Sozialstaat kümmerte sich in dem Maß, in dem der Wohlstand im Lande wuchs, nicht nur um das blanke Überleben der Bürger, sondern auch um ihre Lebensqualität. Das Land erlebte die größte Bildungsoffensive, die es je gab. Die Kinder kleiner Handwerker und strebsamer Facharbeiter kletterten zu Hunderttausenden auf der Strickleiter nach oben, die ihnen das Bundesausbildungsförderungsgesetz, das BAföG, knüpfte. Die siebziger Jahre waren die Jahre des großen sozialen Aufstiegs, sie waren die große Zeit der Sozialdemokratie.

Die Anti-Parteien-Partei

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