NSU-Prozess Ein überlebendes NSU-Opfer spricht

Um ihr Leben im Untergrund zu bezahlen, überfielen die NSU-Terroristen Banken und Postfilialen. Einem Auszubildenden schossen sie in den Bauch.

Aus dem Gericht von Tanjev Schultz

Die NSU-Terroristen haben nicht nur gemordet und gebombt, sondern auch auf brutale Weise geraubt. Das gerät leicht in den Hintergrund, obwohl die mutmaßlich 15 Überfälle auf Postfilialen, Banken und einen Edeka-Markt nicht nur materiell ein großer Schaden waren. Viele Angestellte und Kunden sind traumatisiert worden - und einige sogar schwer verletzt. Eines der Opfer erzählt am Mittwoch als Zeuge im NSU-Prozess seine Geschichte: Nico R. war ein junger Auszubildender in einer Sparkassen-Filiale in Zwickau, als ein maskierter Mann - alles deutet auf Uwe Böhnhardt hin - in die Schalterhalle stürmte.

Es ist der 5. Oktober 2006 um die Mittagszeit, in der Sparkasse befinden sich mehrere Angestellte und Kunden. Der Täter schlägt eine Frau mit einem Tischventilator, springt herum, brüllt und fordert mit gezogener Waffe Geld. Einige Angestellte versuchen in Richtung Pausenraum zu flüchten. Bei einem Gerangel löst sich ein erster Schuss, der niemanden verletzt und nur in den Boden einschlägt.

Als der Täter zurück in den Schalterbereich läuft, trifft er auf Nico R. und sagt nach dessen Erinnerung: "Wenn der Chef nicht in drei Sekunden da ist, schieß ich dich ab!"

Der Auszubildende hat bereits Alarm ausgelöst, und nun folgt er einem weiteren Impuls. Er will den Täter, als dieser ihm für einen Moment den Rücken zudreht, überwältigen. Es kommt zu einem kurzen Ringen. "Da hat er geschossen und gesagt: 'Bist du verrückt?'"

Drei Sekunden zielte der Täter auf den Kopf

Nico R. sagt, erst habe er gedacht, es habe sich nur um eine Schreckschusspistole gehandelt. Doch es war eine scharfe Waffe - und der Schuss traf ihn mitten in den Bauch. Er greift sich an die Wunde, sieht das Blut und dann verblasst die Erinnerung. Glücklicherweise ist ein Arzt in der Nähe. Er hat die Sparkasse gerade verlassen, als der Räuber die Filiale betritt. Am Wagen stehend wird der Mediziner auch Zeuge, wie der Täter wieder herauskommt. Drei Sekunden lang, so sagt er nun vor Gericht, habe der maskierte Mann mit einem Revolver auf seinen Kopf gezielt und dabei leicht gelächelt. Dann sei der Täter davongelaufen, und der Zeuge versorgte Nico R. in der Sparkasse, gab ihm Schmerzmittel und eine Infusion, bis der Notarzt eintraf.

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Der Auszubildende hat überlebt, leidet aber bis heute unter den Folgen des Überfalls. Die Milz musste ihm entfernt werden, ein Stück von der Wirbelsäule wurde abgesplittert. Nico R. konnte lange Zeit nicht arbeiten, schließlich hörte er in der Sparkasse auf und begann eine Umschulung zum Tischler. Doch wie sich herausstellte, darf er nicht mehr als zwanzig Kilogramm heben, und so muss er nun im Büro arbeiten. Dazu kommt die psychische Belastung. Er habe unter Abgeschlagenheit und Angstgefühlen gelitten, sagt der heute 29-Jährige. Er versuche aber, die Geschichte "zu übergehen und mich abzulenken".

Einer früheren Kollegin aus der Sparkasse fällt es schwer, die Ereignisse noch einmal wiedergeben zu müssen. Die 50-Jährige, die immer noch in einer Bank arbeitet, ist der Meinung, dass der Täter bewusst geschossen hat und nicht, wie Nico R. sagt, blindlings im Handgemenge. Sie könne seitdem keine Filme mehr sehen, in denen jemand mit einer Maske herumläuft. "Das geht gar nicht mehr. Ich hätte auch nicht gedacht, dass mich das noch einmal so stark beeinflusst."

Der Tresor war mit einem Zeitschloss gesichert, der Filialleiter nicht anwesend, und so verließ der Täter die Sparkasse ohne Beute. Mehrere Spuren - unter anderem der Revolver, die Sturmhaube, ein Rucksack - sprechen für die Täterschaft des NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt. Ungewöhnlich ist, dass er in diesem Fall ohne Begleitung seines Freundes und Komplizen Uwe Mundlos unterwegs war. Die Ermittler versuchen dies damit zu erklären, dass damals intensiv nach den Tätern der ungeklärten Raubserie gefahndet wurde. Jedes Mal waren es zwei Räuber gewesen, womöglich wollten die Terroristen die Ermittler verwirren, indem nun einer allein handelte. Es könnte aber auch sein, dass Mundlos zeitweise eigene Wege ging und Böhnhardt deshalb alleine handeln musste.

Antrag der Nebenkläger abgewiesen

Am Ende des 261. Verhandlungstages im NSU-Prozess gibt Richter Manfred Götzl noch wichtige Beschlüsse bekannt: Das Gericht lehnt es ab, im Zusammenhang mit der irregulären Aktenvernichtung, die nach Entdecken des NSU im Bundesamt für Verfassungsschutz stattfand, den damals maßgeblichen Beamten als Zeugen zu laden und weitere Akten anzufordern. Zahlreiche Nebenkläger hatten darauf gedrängt, mehr Licht in die "Aktion Konfetti" zu bringen, bei der Unterlagen über V-Männer aus der Thüringer Neonazi-Szene geschreddert worden waren.

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Verfassungsschutz-Präsident Hans-Georg Maaßen, der zur Zeit der Vernichtung noch nicht im Amt war, muss nun auch keine "dienstliche Erklärung" abgeben über den Aktenbestand und zur teilweisen Rekonstruktion der vernichteten Akten. Nach Angaben seiner Behörde hätten sich in den rekonstruierten Unterlagen keine Hinweise auf den NSU ergeben. Richter Götzl sagte, die Anträge der Nebenkläger seien über Vermutungen über die Relevanz der Akten nicht hinausgegangen. In Kreisen der Nebenkläger herrscht darüber Unverständnis.