Norwegen Norwegische Ministerin springt ins Meer, um Flüchtlinge zu verstehen

"Der Moment, wenn man das Boot sieht, muss fantastisch sein": Norwegens Migrationsministerin Sylvi Listhaug bei ihrem eigenwilligen Selbstversuch

(Foto: REUTERS)

Im schwimmenden Ganzkörperanzug will Norwegens Migrationsministerin auf Lesbos eine Rettung aus dem Meer nachempfinden. In ihrer Heimat wird sie dafür verspottet.

Von Gunnar Herrmann

Beim Besuch auf der griechischen Insel Lesbos wollte sich die norwegische Migrationsministerin Sylvi Listhaug kürzlich über die Flüchtlingskrise informieren. Und zeigte dabei vollen Körpereinsatz: Von norwegischen Rettungskräften, die seit vorigem Sommer die griechische Küstenwache unterstützen, ließ sie sich ins Mittelmeer werfen und wieder herausfischen. Sozusagen um die ganze traurige Angelegenheit einmal aus der Sicht eines Flüchtlings zu erleben.

"Man kann sich nicht selbst in die Situation eines Flüchtlings versetzen", erläuterte die Ministerin. "Aber man kann aus dessen Perspektive erleben, wie es ist, in dieser Weise im Wasser zu sein." Zur Sicherheit trug sie bei ihrem Bad einen schwimmenden Ganzkörperanzug. Nach ihrer "Rettung" erklärte sie: "Der Moment, wenn man so ein Boot sieht, während man dabei ist zu ertrinken, muss ganz fantastisch sein."

Der Auftritt der Politikerin sollte wohl Empathie demonstrieren. In ihrer Heimat wurde Listhaug für den Sprung ins Mittelmeer aber vor allem verspottet, nachdem die Zeitung Dagbladet Videos und Bilder von der Aktion gezeigt hatte. Die Satireseite der großen norwegischen Zeitung VG titelte: "Listhaug spielt Risiko, um zu erleben, wie Krieg ist".

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"Wie wäre es, das Fenster zu öffnen, um zu erfahren wie es Obdachlosen geht?"

Auf Twitter überboten sich die Nutzer mit Listhaug-Scherzen: "Heute setze ich mich fünf Minuten in einen Stuhl, um wirklich zu erfahren, wie es Querschnittsgelähmten geht", schrieb einer. "Sylvi Listhaug erfährt, wie es ist, blind zu sein, indem sie ihre Augen schließt", ätzte ein anderer. Und dann gab es noch diesen Vorschlag: "Wie wäre es, das Fenster zu öffnen, um zu erfahren, wie es Obdachlosen geht?"

Sylvi Listaug ist in Norwegen nicht für eine freundliche Linie gegenüber Flüchtlingen bekannt. Sie gehört der rechtskonservativen Fortschrittspartei an, die in Wahlkämpfen mit dem Ruf nach härteren Einwanderungsgesetzen punktet. Als Migrationsministerin profilierte sie sich mit der Forderung nach härteren Einwanderungsgesetzen. So versprach sie im Dezember, ihre Regierung werde dafür sorgen, dass Norwegen eines der strengsten Asylgesetze Europas bekommt.

Listhaug selber kommentierte die Kritik an ihrem eigenwilligen Selbstversuch nicht. Ihr Ministerium teilte nach dem Besuch der Ministerin aber mit, dass der Einsatz der norwegischen Rettungskräfte vor Griechenland - sie unterstützen dort die Frontex-Mission - um weitere sechs Monate verlängert wird.

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