Nordkorea Kims Propaganda für den Imagewandel

Menschen in Pjöngjang sehen auf einem Monitor eine Nachrichtensendung, in der die Aussetzung der Atom- und Raketentests des Landes angekündigt werden.

(Foto: dpa)
  • Die nordkoreanische Propaganda tut alles, um die Verhältnisse im Land schönzufärben.
  • Ein Schriftsteller hält mit geheimen Schriften dagegen. Seine Figuren leben in einer totalitären Mangelwirtschaft.
  • Bürger wie sie merken noch nichts vom Kims Kurskorrektur, mit der er nicht nur das äußere Bild von Nordkorea ändern will, sondern auch das Selbstbild der Nordkoreaner.
Von Christoph Neidhart, Ilsan

Täglich Reis mit Fleisch, Seidenkleider und ein Ziegeldach über dem Kopf, so stellt sich der Lastwagenfahrer Yong-su "das neue demokratische Nordkorea" vor, "das wir aufbauen". Doch der Geheimpolizist des Dorfes ist hinter Yong-su her, weil er Ordnungshüter mit einer Axt bedrohte - als sie gerade zugunsten einer Telefonleitung einen Ast der Ulme vor seinem Haus absägten. Das brachte den bärenstarken Yong-su in Rage, die Ulme war ihm heilig, er glaubte, mit ihren magischen Kräften bringe sie die Zukunft - eine, in der es "an jedem Tag Fleisch" gibt.

Yong-sus Schicksal ist eine von sieben Kurzgeschichten, die der nordkoreanische Schriftsteller mit dem Pseudonym "Bandi" zwischen 1989 und 1995 geschrieben hat. Sie wurden 2017 in Südkorea veröffentlicht und sind unter dem Titel "Denunziation" auf Deutsch erschienen.

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In Südkorea sind in den letzten Jahren zahlreiche Bücher nordkoreanischer Überläufer erschienen. Aber Bandis Texte sind die einzigen, die bereits in Nordkorea verfasst wurden - natürlich geheim. Sie zeigen das Leben in dem abgeschotteten Land, dessen Staatschef Kim Jong-un sich an diesem Freitag mit Südkoreas Präsidenten Moon Jae-in an der gemeinsamen Grenze trifft.

Die offizielle Propaganda zeichnet natürlich ein anderes Bild vom Leben in Nordkorea. Sie hat nach dem Kaiserkult des Vorkriegsjapan und dem Schöpfungsmythos der Bibel eine Pseudoreligion um den Clan der Kims und ihr System geschaffen. Kim Il-sung und sein Sohn Kim Jong-il sind darin Heilige und Übermenschen. Sie können alles. Als der jüngere Kim 1994 erstmals einen Golfschläger in die Hand nahm, so die offizielle Legende, soll er auf Anhieb geglänzt haben.

Für Bandis Figuren ändert Kims Kurskorrektur nichts

Der 1950 geborene Autor Bandi schildert das Leben der Untertanen. Seine Identität muss geheim bleiben, er lebt im Nordosten des Landes. Er ist Mitglied des nordkoreanischen Schriftstellerverbands und publiziert in offiziellen Zeitschriften - allerdings Schriften im Sinne der Propaganda. 750 Manuskriptseiten von ihm wurden nach Südkorea geschmuggelt. In Nordkorea hat sie niemand gelesen. Nordkorea-Experten sind sich allerdings nicht einig, ob das Buch echt oder eine Fälschung ist. Unbestritten ist dagegen, dass Bandi das Schicksal kleiner Leute, die vom Regime zerrieben werden, treffend abbildet.

Nordkorea ist vielleicht der totalitärste Staat der Geschichte. Das Regime bespitzelt, foltert, steckt Familien in Konzentrationslager und richtet Menschen selbst für banale Vergehen öffentlich hin.

Bandis Figuren haben sich nichts zuschulden kommen lassen. Sie handeln menschlich, wie der Mann, der seine sterbende Mutter in der Provinz noch einmal sehen will, aber keine Reisegenehmigung erhält und trotzdem fährt.

Oder die Großeltern, die mit ihrem Enkelkind in einem Bahnhof stecken bleiben. Die Linie ist für ein "Klasse-1-Ereignis" gesperrt, das heißt: für den "Geliebten Führer", damals Kim Il-sung. Die Wartenden hungern und frieren, es können nicht einmal alle auf dem Boden sitzen. Als etwas Brot geliefert wird, trampeln die Hungrigen die Großmutter fast zu Tode. Später macht sich die alte Frau allein zu Fuß zu ihrer Tochter auf. Schließlich taucht eine Wagenkolonne neben ihr auf. Sie stoppt, der "Geliebte Führer" möchte die Oma sehen. Er bietet ihr an, sie zur Tochter zu fahren. Später muss sie im Radio erzählen, wie sich "der große Führer, der Vater der Nation", der alle Nordkoreaner "wie seine Kinder liebt", fürsorglich um sie gekümmert habe.

Kim Jong-un habe verstanden, dass dieses Bild nicht mehr zeitgemäß sei, meint Eun A-jo vom Asan-Institut. Er wolle Nordkorea zu einem normalen Land machen. Zu diesem Zweck habe er begonnen, die Propaganda zu erneuern. Er kopiert zwar seinen Großvater, will aber als zeitgenössischer Mensch gesehen werden. Dazu lässt er sich regelmäßig von seiner Frau begleiten.

Überhaupt benütze er die Frauen, so Eun A-jo, um Nordkorea als modernen Staat darzustellen. Zu den Olympischen Spielen in Pyeongchang schickte er seine Schwester und eine Popgruppe, die eine kulturelle Globalisierung Nordkoreas symbolisieren sollten. Er wolle nicht das Bild der Welt von Nordkorea ändern - sondern auch das Selbstbild der Nordkoreaner.

Das Gipfeltreffen mit Südkoreas Präsidenten trägt zu dieser Imagekorrektur bei. Für Bandis Figuren, die in einer totalitären Mangelwirtschaft leben, ändert eine Kurskorrektur freilich nichts.

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