Nahost-Konflikt Teufelskreis der Gewalt

Tote und verletzte Menschen, zerstörte Häuser, begrabene Hoffnungen: Die Folgen des Acht-Tage-Krieges zwischen der Hamas und Israel sind dramatisch. Trotzdem hat sich an der politischen Situation nicht das geringste geändert. Warum der Konflikt im Nahen Osten die ganze Welt etwas angeht - und wie ein Weg zum Dialog aussehen könnte.

Ein Kommentar von Peter Münch

Die Waffen schweigen, der Krieg ist vorbei, und die Sieger auf allen Seiten lecken sich die Wunden. Acht Tage des Raketenfeuers und des Bombenhagels rund um den Gazastreifen haben mehr als 160 Menschenleben gekostet, mehr als tausend Verletzte hinterlassen, Traumata ausgelöst, Häuser zerstört, Hoffnungen begraben - und das Beste, was dabei herauskommen konnte, war eine Waffenruhe. Das Ergebnis des Kriegs also ist die Wiederherstellung des Status quo ante, die Rückkehr zu denselben Vereinbarungen, die bereits nach dem Krieg zur Jahreswende 2008/09 getroffen worden waren. Nichts kann den Wahnsinn dieser immer neuen Waffengänge besser verdeutlichen.

Doch der Wahnsinn hat Methode. Selbst wenn jeder weiß, dass langfristig so nichts zu gewinnen ist, geht der Tanz im Teufelskreis immer weiter. In den mehr als sechs Jahrzehnten dieses Dauerkonflikts hat sich das Muster eingeschliffen, dass periodisch die Kräfteverhältnisse getestet und neu justiert werden müssen. Das Motto auf beiden Seiten lautet dabei: Wenn es mit Gewalt nicht geht, dann versuchen wir es eben mit noch mehr Gewalt. Von Lösungsmodellen wird höchstens noch im esoterischen Kreis der Vermittler geträumt. Den Konfliktparteien geht es allein um die Summe kleiner Siege, selbst wenn Pyrrhus dafür Pate steht.

Global betrachtet zum Nahost-Konflikt Israel braucht eine Strategie

Für einen möglichen Friedensschluss im Nahen Osten hat Israel keinen Partner mehr. Die Hauptaufgabe der israelischen Regierung wird sein, eine neue Strategie zu finden. Unterdessen lässt sich die Hamas als Sieger beglückwünschen. Eine Einschätzung der Lage von Stefan Kornelius.

(Video: Süddeutsche.de, Foto: dpa)

So gesehen ist es zwar pervers, aber wahr, dass beide Seiten in diesem Acht-Tage-Krieg, der in die Geschichtsbücher wohl höchstens als Fußnote eingehen wird, ihre Ziele erreicht haben. Im Gazastreifen lässt die Hamas sich nun auf Trümmern dafür feiern, dass sie nicht kapituliert hat vor dem übermächtigen Gegner. Der Widerstand lebt - oder zumindest wird er wieder aufleben bei nächster Gelegenheit.

Auf der anderen Seite der Front kann Premierminister Benjamin Netanjahu stolz verkünden, dass die Menschen in Israel nun wieder ohne Raketenbedrohung aus dem Gazastreifen leben können, weil die Feinde von der Hamas erheblich geschwächt wurden durch die Zerstörung ihrer Waffenlager, ihrer Regierungsgebäude und ihrer Polizeistationen. Die Palästinenser wissen nun wieder, wie hoch der Preis ist für die Provokation.

Israel nährt seine Feinde mit jedem Kampf

Doch Abschreckung ist keine Strategie. Abschreckung bringt höchstens Zeitgewinn - und wer glaubt, dass dies im Jahre 2012, im Spätherbst nach dem arabischen Frühling, immer noch ein probates Konzept ist, der hat die Zeichen der Zeit nicht verstanden. Wenn sich der Pulverdampf gelegt hat, wäre es also dringend geboten, dass Israel ein paar Lehren zieht aus dieser jüngsten Runde der Gewalt. Denn auch wenn sich alles abgespielt hat nach den alten Mustern, so ist doch deutlich geworden, dass dieses Muster ohne Wert ist für die Zukunft.

Zum einen kann in Israel niemand mehr an der Erkenntnis vorbeikommen, dass der periodisch besiegte Feind unter dem Strich in jeder Runde der Gewalt stärker wird. In der ersten palästinensischen Intifada wurden Steine geworfen, in der zweiten sprengten sich Selbstmord-Attentäter in die Luft. Im Gazakrieg von 2008/09 flogen schon die Raketen, doch die selbstgebauten Qassam-Geschosse versetzten damals nur den Süden Israels in Angst und Schrecken. Dieses Mal erreichten Fadschr-5-Raketen iranischer Bauart bereits Tel Aviv und Jerusalem. Im nächsten Krieg könnten die fortentwickelten Modellreihen dann vielleicht allen Raketenabwehrsystemen zum Trotz schon besser treffen. Es ist ein Rüstungswettlauf, den niemand gewinnen kann.

Ebenso beunruhigend und paradox ist die Erkenntnis, dass Israel mit jedem Kampf seine Feinde nährt und sich immer neue, immer radikalere Gegner schafft. Früher hatte es die Regierung in Jerusalem allein mit der von Jassir Arafat gegründeten Fatah zu tun, die heute unter dem Präsidenten Mahmud Abbas für einen auch vom Westen unterstützten moderaten Kurs steht.

Doch Abbas wird von Israel seit Jahren schon links liegen gelassen, die ganze Konzentration gilt dem Konflikt mit der Hamas. Die aber nutzt die Gelegenheit, sich dem palästinensischen Volk als einzige Kraft des Widerstands zu präsentieren. Das Ergebnis: Spätestens nach diesem Krieg steht die Hamas als bestimmender Faktor im palästinensischen Lager fest. Und falls Israel tatsächlich einmal auf die Idee kommen sollte, die Hamas zerschlagen zu wollen, dann lauern schon neue Gruppierungen darauf, das Vakuum zu füllen: Salafisten und al-Qaida-treue Dschihadisten.