Mord in Freiburg Es gibt Hetze, Häme, aber auch viel Verunsicherung

Der Mord in Freiburg ist ein abscheuliches Verbrechen. Es wäre nicht weniger schlimm, wenn es ein Deutscher begangen hätte. Aber weil es sich um einen Flüchtling handelt, wird er angeblich zum Teil und Stellvertreter einer Masse. Der komplexe individuelle Mensch mit seiner Lebensgeschichte und Störung wird reduziert auf drei Buchstaben: umF, unbegleiteter minderjähriger Flüchtling. Drei Buchstaben sind aber keine Erklärung, warum ein junger Mann zum Verbrecher wird. Es ist dies ein Beispiel für die Stigmatisierung der Flüchtlinge in Deutschland. Freiburg eignet sich zur Aggressionsabfuhr in einer Zeit der Grundverunsicherung. Diese Grundverunsicherung zeigt sich in der verstockten Sicherheit der Rechtspopulisten, dass Aufnahme von Flüchtlingen kategorisch falsch ist. Sie zeigt sich auch darin, dass viele der Menschen, die grundsätzlich helfen wollen oder wollten, sich in der Defensive fühlen.

Das Bewusstsein, moralisch gehandelt zu haben, als man vor einem Jahr die Flüchtlinge aufgenommen hat, führt bisweilen zur Erwartung, diese müssten moralisch integer sein. Wenn sie es nicht sind, wenn sie sogar Verbrechen begehen, kann die Enttäuschung darüber zu Aggression gegen die ganze Gruppe führen. Flüchtlinge sind aber keine besseren Menschen, sie sind Menschen, bei denen unter Hunderttausenden eine bestimmte Zahl ist, die straffällig wird. Sie haben ihre Schicksale, das macht sie aus; einige werden zu Straftätern.

Vor einem guten Jahr hat ein Rechtsextremist die heutige Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker schwer verletzt. Bei den Ermittlungen zeigte sich, dass der Täter als Kind beinah verhungert wäre - und seine jüngeren Geschwister mit Reis gefüttert und ihnen und sich das Leben gerettet hat. Das entschuldigt nichts, ist aber für Beurteilung und Urteil wichtig. Ist so einer die "Bestie", zu der man Verbrecher oft machen will? Vielleicht macht man es deswegen, weil einen das eigene Ressentiment erschreckt und man ein Monster braucht, das die Aggression rechtfertigt.

Welchen Wert und Gehalt haben Zivilität und Humanität noch?

Wer die Flüchtlingsaufnahme "monströs" nennt, "die Flüchtlinge" so zum Monster macht und den Freiburger Täter zum Prototyp, muss sich mit den Schicksalen und der Not der Flüchtlinge nicht mehr befassen. Steckt das hinter der pauschal-exzessiven Diskussion über das Freiburger Verbrechen? Gibt es einen so großen Überdruss an den Einzelschicksalen, dass man sich nur noch pauschal mit Flüchtlingen befassen will - um sie dann auch pauschal abschieben zu können?

Die Art und Weise, wie der Fall Freiburg öffentlich verhandelt wird, zeigt an, welchen Wert und Gehalt Zivilität und Humanität nach einem Jahr wüster Flüchtlingsdebatte noch haben: Es gibt ungeheuer viel Hetze und Häme, ungeheuer viel Verunsicherung; aber auch noch immer sehr viel Bereitschaft zur Differenzierung und Hilfe. Beim bevorstehenden Wahlkampf geht es nicht nur darum, welche Partei am Ende die Nase wie weit vorne hat. Es geht um viel mehr: wie stabil das Fundament noch ist, auf dem diese Gesellschaft steht.

Der Mord in Freiburg ist kein Grund für eine neue Flüchtlingsdebatte

Deutschland kann nicht jedes Mal die Flüchtlingsfrage neu verhandeln, wenn ein Neuankömmling ein schweres Verbrechen begeht. Kommentar von Felicitas Kock mehr...