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Getötete Studentin:Der Mord in Freiburg ist kein Grund für eine neue Flüchtlingsdebatte

Deutschland kann nicht jedes Mal die Flüchtlingsfrage neu verhandeln, wenn ein Neuankömmling ein schweres Verbrechen begeht.

In Freiburg wird die Studentin Maria L. vergewaltigt, als sie von einer Party nach Hause radelt. Am nächsten Tag wird sie tot am Ufer der Dreisam gefunden. Die Tat löst in der kleinen Stadt Entsetzen aus. Als die Ermittler wenige Wochen später den mutmaßlichen Täter präsentieren, schlägt das Entsetzen in etwas ganz anderes um: in eine Debatte, die wenig über den mutmaßlichen Täter und das furchtbare Verbrechen aussagt. Und viel darüber, wie aufgeladen die Stimmung in Deutschland ist, sobald es um Flüchtlinge geht.

Ein 17-jähriger Afghane soll Maria L. getötet haben. In den sozialen Medien führt diese Nachricht zu einer Hetze gegen Flüchtlinge und die aktuelle Flüchtlingspolitik, wie es sie lange nicht gegeben hat. Die AfD warnt vor der "ungehinderten Einreise Hunderttausender junger Männer aus patriarchalisch-islamischen Kulturkreisen". Freiburgs Oberbürgermeister und die Kanzlerin sehen sich zu dem Hinweis genötigt, das Vergehen des minderjährigen Flüchtlings solle nicht zur Ablehnung einer ganzen Gruppe führen.

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Es geht mal wieder ums große Ganze, um aufnehmen oder ausweisen, Willkommens- oder Abschottungskultur. Dabei zeigt gerade der Fall in Freiburg, wie irrsinnig es ist, die ganz große Flüchtlingsdebatte am Vergehen eines Einzelnen aufzuhängen.

Man stelle sich nur einmal vor, der Täter wäre Deutscher. Ein 17-Jähriger aus Baden-Württemberg etwa, der in einer Pflegefamilie untergebracht ist. Auch dann würde es jetzt eine Debatte geben. Sie würde sich um gewalttätige Jugendliche drehen. Um Kinder, die getrennt von ihren leiblichen Eltern aufwachsen, um das System des Jugendschutzes als solches. Und es würden Fragen nach dem Täter selbst gestellt. Danach, wie er aufgewachsen ist, was ihn zu der grausamen Tat getrieben haben könnte. So war es auch bei Sanel M., jenem gebürtigen Offenbacher mit Pass aus Serbien-Montenegro, der 2014 die Studentin Tuğçe Albayrak tödlich verletzte.

In der aktuellen Debatte ist kein Platz für derlei Differenzierungen. Weil das Wort "Flüchtling" alles überlagert. Ein Wort, das, sobald es fällt, in Deutschland keine rationale Auseinandersetzung mit einem Thema mehr zulässt. Lieber wird die grausame Tat von den bekannten Akteuren für ihre Zwecke genutzt. Diesmal von rechts, mit Wonne. Wenn ein Flüchtling dann mal wieder etwas Gutes tut, einen Attentäter festsetzt oder einen gefundenen 100-Euro-Schein zurückgibt, schwenkt wieder die Gegenseite die Fahne. Als wäre es ein Wunder, dass auch ein Mensch aus Afghanistan oder Syrien oder Eritrea noble Absichten hat.

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Nicht falsch verstehen: Die Herkunft des mutmaßlichen Täters von Freiburg, die Werte, die er vermittelt bekommen hat und die - besonders im Hinblick auf die Stellung von Mann und Frau - mit Sicherheit von denen abweichen, die in Deutschland weitgehend gelebt werden, sollten eine Rolle spielen bei der Bewertung der Tat und des Täters. Überhaupt handelt es sich hier um eines der wichtigsten Themen der Integrationsarbeit. Unterschiedliche Wertvorstellungen müssen immer wieder verhandelt werden, einfach weil es da bisweilen markante Unterschiede zwischen Deutschland und den Herkunftsländern der Flüchtlinge gibt.

Aber zunächst ist Mord auch in Afghanistan ein Kapitalverbrechen. Und des Weiteren sind Herkunft und Flüchtlingsstatus nicht die einzigen Faktoren, die einen Menschen ausmachen und zu einer Untat wie in Freiburg bewegen.