Mitt Romneys Vize-Kandidat Klare Kante

Er hat, was dem republikanischen Präsidentschaftskandidaten fehlt: Mit dem radikalen Haushaltssanierer Paul Ryan will Mitt Romney seinen Wahlkampf wiederbeleben - und dort Härte zeigen, wo er selbst bisher zu zögerlich war.

Von Nicolas Richter, Washington

Paul Ryan sagt, er gehöre zu Mitt Romneys "Comeback-Team", und man weiß nicht, ob er die Rückkehr seines Landes meint - oder die Rückkehr Mitt Romneys. Der Präsidentschaftsanwärter Romney hat trübe Wochen hinter sich: Zu viele Wähler finden ihn bestenfalls dröge, im schlimmsten Falle dubios.

Jetzt aber hat Romney seinen Kandidaten für die Vize-Präsidentschaft ausgerufen: den 42 Jahre alten Abgeordneten Ryan, der ihn in vielerlei Hinsicht ergänzt, zum Beispiel in jener, dass er charismatisch ist.

Romney, vor dem historischen US-Schlachtschiff Wisconsin stehend, ist dabei so ergriffen, dass er Ryan gleich als den "nächsten Präsidenten" ankündigt, und tatsächlich: Als Ryan zur Bühne joggt, erkennt man jene Leichtigkeit und jenen Elan wieder, der Barack Obama vor vier Jahren ins Weiße Haus getragen hat. Ryan gelingt es sogar, bei Romney Gefühle auszulösen: Fortwährend klopft der Ältere dem Jüngeren, der sein Sohn sein könnte, auf die Schulter. Romney ist sonst kein Umarmer, höchstens ein Händeschüttler, und das auch nur in Wahlkampfzeiten.

Wenige Augenblicke mit Ryan genügen also, damit Romney wärmer und dessen Kampagne lebendiger wirkt. Der zuletzt von kleinlichen Scharmützeln gezeichnete Wahlkampf, darin sind sich Anhänger und Gegner Romneys einig, ist mit Ryan wieder spannend. Denn Ryan ist nicht verpflichtet worden, um den netten Schwiegersohn zu spielen, das ist er als katholischer Vater dreier Kinder schon zu Hause.

Er soll stattdessen das zeigen, was die Deutschen "klare Kante" nennen würden. Wo Romney seiner konservativen Basis bislang zu unentschlossen und kompromisslerisch war, soll Ryan Härte und Klarheit einbringen. Den amerikanischen Traum könne sich ein jeder selbst erfüllen, nicht aber die Regierung, denn die müsse sparen, mahnte Ryan in seiner Antrittsrede.

Ein Leben in der Politikmaschine

In Ryans Familie sterben die Männer früh; als er seinen Vater tot im Bett fand, war er 16. Diese Anekdote benutzt er oft, um den eigenen Aufstieg zu erklären: Er sei ein Selfmademan, habe gelernt, allein zurechtzukommen. Seinen Kindern sage er: "Amerika ist ein Land, wo du vorankommen kannst, wenn du hart arbeitest und dich an die Regeln hältst." Im Sportraum des Parlaments schindet er sich mit einem schweißtreibenden Übungsprogramm. Oft redet er wie ein Fitnesstrainer, der dem Staat seinen Speck abtrainieren will.

Wenn man davon absieht, dass er mal Burger bei McDonald's grillte, hat sich das Arbeitsleben des studierten Wirtschaftswissenschaftlers ausschließlich in Washingtons Politikmaschine abgespielt, als Mitarbeiter von konservativen Abgeordneten und Denkfabriken. Mit 28 Jahren war er selbst Abgeordneter von Wisconsin, und er stimmte im Kongress für etliche teure, schuldenfinanzierte Projekte des Präsidenten George W. Bush, von denen er heute zugibt, dass er sich dafür schämt. Ryan findet, er habe etwas gutzumachen.

Als größte Einflüsse in seinem Leben nennt er seinen katholischen Glauben und die Werke der Autorin Ayn Rand. Rand war der Meinung, dass Kapitalismus in Reinform, oder "Laisser-faire-Kapitalismus", eine Art Menschenrecht sei, weil er jedem Individuum die größtmögliche Entfaltung ermögliche.

Nicht immer ist es Ryan gelungen, solch widerstrebende Einflüsse zu versöhnen. Im Frühjahr legte er als Chef des Haushaltsausschusses im Abgeordnetenhaus einen Budgetplan vor, der massive Kürzungen verlangte, überwiegend bei Sozialausgaben. Amerikas katholische Bischöfe rügten das Projekt, das die Republikaner "Weg zum Wohlstand" genannt hatten. "Ein gerechter Haushalt kann nicht nur in unverhältnismäßigen Kürzungen bei den Armen und Verwundbaren bestehen", erklärten die Geistlichen, "er verlangt ein gemeinsames Opfer aller."

Ryans Erfolg hat auch damit zu tun, dass er in seinen Auftritten nicht den kalten Buchhalter spielt, sondern den besorgten Familienvater. Er höre Resignation in den Stimmen einfacher Menschen, erklärt Ryan am Wochenende, wobei er die Stirn in Falten legt. Oft presst er auch die Lippen zusammen. Zu seinem Repertoire gehört es allerdings auch, gleich wieder schelmenhaft zu lächeln und die Wende anzukündigen.

Ryan findet es ja gar nicht ungerecht, Sozialleistungen zu streichen; es sei ungerechnet, sagt er manchmal, es so weit kommen zu lassen wie in Griechenland, denn dann litten auch die Schwächsten. In Ryans Gedankenwelt also ist er selbst kein Sozialdarwinist, sondern ein Wohltäter, der die USA vor dem Bankrott rettet. Manche Fans erinnert er schon an den früheren Präsidenten Ronald Reagan, den viele auch dann sympathisch fanden, wenn er soziale Grausamkeiten verkündete.

Die Republikaner tun sich nicht immer leicht mit ihrem neuen Star. In den Nullerjahren machte sich Präsident George W. Bush Ryans Idee zu eigen, die Sozialversicherung zu privatisieren. Auch deswegen verloren die Republikaner 2006 die Mehrheit im Repräsentantenhaus.

Als Ryan im Frühjahr 2012 seinen neuesten Kürzungsplan vorstellte, 73 Seiten und 37 Fußnoten stark, befand der konservative Kolumnist Charles Krauthammer, dies sei der am besten erläuterte Selbstmord der Geschichte.

Ryans Aufstieg hat dies nie geschadet. Nach der Wahlniederlage 2006 verlangte die Partei nach neuen Gesichtern, zu denen Ryan gehörte, so wurde er beim Thema Staatsfinanzen zum wichtigsten Mann der Partei. Seine Linie entspricht genau den Träumen der radikalen Tea-Party-Bewegung, die zunehmend Inhalte und Ton der Republikaner bestimmt.

Immer wieder im Gespräch mit dem Präsidenten

Obama selbst hat Ryan immer wieder geadelt, indem er seine Ideen erwähnte oder das Gespräch mit ihm suchte. Offenbar sind sie sich sympathisch, was Obama natürlich nicht daran hindert, Ryans Pläne zu geißeln.

Wie eine Recherche des Magazins New Yorker zeigt, hat Ryan als Abgeordneter durchaus gern Subventionen für seinen Wahlkreis beantragt und bekommen. Auch heute werden Infrastrukturprojekte in Ryans Heimat von dem Geld bezahlt, das Obama ausgibt, um die Wirtschaft zu beleben. Als ein Reporter Ryan damit konfrontierte, sagte der, natürlich seien bestimmte staatliche Ausgaben gerechtfertigt.

Doch jetzt ist erst mal Zeit für Härte. Es ist eine Härte, die man aus europäischen Wahlkämpfen nicht kennt. Am Wochenende verlassen Romney und Ryan nach den Reden gemeinsam die Bühne, es ertönt Musik aus dem Film "Air Force One". Zwei Männer, die bereit sind, ihr Land zu retten, schreiten davon.