Militärputsch in der Türkei Was über die angeblichen Drahtzieher bekannt ist

Akin Öztürk

(Foto: Webseite der türkischen Luftwaffe)

Ein Vier-Sterne-General soll eine zentrale Rolle gespielt haben. Türkische Medien berichten über seine Motivation - und wie er offenbar eine Hochzeitsfeier ausnutzte.

Von Bastian Brinkmann und Deniz Aykanat

Mehr als 250 Menschen sind tot, mehr als 1000 wurden beim Putschversuch in der Türkei verletzt - Präsident Recep Tayyip Erdoğan antwortet mit Härte. Etwa 6000 Personen wurden bereits festgenommen, nicht nur Armeeanhörige, sondern auch Mitarbeiter der Justiz. Die regierungsnahe Zeitung Akşam veröffentlichte eine lange Liste mit Namen, darunter etwa der Kommandeur des Luftwaffenstützpunktes İncirlik, Brigadegeneral Bekir Ercan Van. Wer aber sind die Drahtzieher? Türkische Medien rücken einen General der Luftwaffe in den Fokus: Akın Öztürk.

Es waren nur noch wenige Wochen bis zu seiner Pensionierung, am 30. August wäre sein Arbeitsleben zu Ende gewesen. Er hat es in der Luftwaffe der Türkei weit gebracht. Öztürk war Vier-Sterne-General und Mitglied des obersten Militärrates. Das Gremium entscheidet unter anderem, welche Offiziere befördert werden.

Nun ist Akın Öztürk in Haft. Er soll beim Putschversuch eine zentrale Rolle gespielt haben. Verlässliche Informationen sind schwer zu bekommen - die Nachrichtenagentur DHA und die Zeitung Cumhuriyet schreiben jedoch, Öztürk habe am Freitagabend um 22 Uhr den Putsch losgetreten. Er habe den entsprechenden Befehl erteilt.

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Der versuchte Staatsstreich begann demnach auf der Militärbasis Akıncı bei Ankara, die der Schwiegersohn von Öztürk kontrollierte. Er heißt Hakan Karakuş und ist in der türkischen Öffentlichkeit bekannt, weil er sich vor zwei Jahren auf der Straße mit Diplomaten aus Kuwait geprügelt hatte. Karakuş schickte laut der Zeitung Hürriyet nicht eingeweihte Soldaten nach Hause. Heute werde ein bisschen früher Feierabend gemacht, habe er den Männern gesagt, um mit den übrigen dann loszuschlagen. Am Sonntag wurde auch bekannt, dass wohl viele der vermeintlichen Putsch-Soldaten, vor allem die jungen, gar nicht wussten, woran sie da teilnahmen. Viele dachten, es handele sich um eine Übung.

Akın Öztürk dementierte, ein Putschist zu sein. Er habe immer treu zu Armeechef Hulusi Akar gestanden und alles getan, um den Putschversuch zu stoppen, sagte er der Nachrichtenagentur DHA.

Die übrige Führung war auf einer Hochzeit

Was aber soll seine Motivaton gewesen sein? Hürriyet zufolge habe es vergangenes Jahr Gerüchte gegeben, dass er ein Gefolgsmann des islamischen Geistlichen Fetullah Gülen sein soll, der in den USA im Exil lebt. Gülen ist ein Gegenspieler Erdoğans. Der türkische Präsident hat Gülen für den Putsch verantwortlich gemacht. Öztürk hatte der Zeitung zufolge befürchtet, seinen Posten zu verlieren und strafrechtlich verfolgt zu werden, weil Erdoğan die Armee von angeblichen und tatsächlichen Gülen-Leuten "säubern" möchte. Deswegen habe er sich für einen Putsch entschieden.

Laut der Zeitung habe Öztürk ausgenutzt, dass die übrige Führung der Luftwaffe gemeinsam auf einer Hochzeitsfeier in Istanbul war. Die Tochter eines Generalleutnants habe geheiratet, nur Öztürk habe an der Feier nicht teilgenommen. Der Hürriyet zufolge schickte er einen Militärhubschrauber zur Hochzeit - und ließ die übrige Führung als Geiseln nehmen. Das sollte verhindern, dass Soldaten auf anderen Militärflugplätzen gegen die Putschisten aktiv würden. Später allerdings griffen F-16-Kampfbomber die Aufständischen an.

Insgesamt sollen fünf Generäle und 28 weitere Männer im Range eines Oberst zu den Rädelsführern zählen. Sie müssten einen "sehr hohen Preis" zahlen, sagte Erdoğan.

Höchster Militärberater Erdoğans festgenommen

Am Sonntag tauchte ein weiterer wichtiger Name in den türkischen Medien auf. Es ist Ali Yazıcı. Das Erstaunen darüber ist groß, denn: Yazıcı gehört zum engsten Kreis Erdoğans, er ist sein ranghöchster Militärberater. Nun meldet die türkische staatliche Nachrichtenagentur Anadolu, dass gegen Yazıcı Haftbefehl erlassen worden sei. Er befinde sich bereits in Gewahrsam.

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Welche Rolle er bei dem Putschversuch spielte, ist noch unklar. Bilder in der Onlineausgabe der Hürriyet zeigen, wie Erdoğan Yazıcı erst im August 2015 zu seinem Berater machte.