Merkels Haltung zu Wulffs Affäre Loyal, weil ihr nichts anderes übrigbleibt

Angela Merkel hat allmählich genug von ihrem Bundespräsidenten. Der Kanzlerin ist Professionalität wichtiger als Parteiprogramme oder Linientreue. Christian Wulff verhält sich seit Beginn der Kreditaffäre aber erschreckend unprofessionell. Noch unterstützt sie ihn - weil sie keine andere Möglichkeit hat.

Ein Kommentar von Kurt Kister

Peter Altmaier ist ein souveräner CDU-Politiker. Der Kanzlerin steht er so nahe, wie ihr jemand nahestehen kann, der nicht Beate mit Vornamen heißt. Wenn also Altmaier etwas sagt, und sei es zum Bundespräsidenten, dann spricht durch ihn auch Angela Merkel. Es war Altmaier, der im Dezember Wulff in Radio und Fernsehen verteidigte. Damit hat er aufgehört. Jetzt ist es Altmaier, der Wulff dazu auffordert, jene Fragen und Antworten veröffentlichen zu lassen, die von Journalisten an Wulffs Anwälte gestellt und von diesen beantwortet wurden.

Ob das auch jeder der fragestellenden Journalisten möchte, ist eine Sache. Die andere, wichtigere Sache aber ist: Auch in diesem Fall hat Wulff wieder einmal etwas gesagt, ("... werden wir veröffentlichen"), ohne dass er sich dann entsprechend verhalten hätte. Altmaiers Aufforderung an Wulff ist einerseits wörtlich zu verstehen: Mach' endlich, was du sagst! Die Kanzlerin hat dies am Mittwoch ähnlich gemeint, nur zurückhaltender formuliert, als sie in einer Pressekonferenz sagte, der Bundespräsident werde, sollte es "neue Fragen" geben, diese sicher auch beantworten.

Andererseits aber kann auch kein Zweifel mehr daran bestehen, dass Merkel und die Ihren die Schnauze allmählich voll haben. Viele Einlassungen Wulffs in der Angelegenheit sind so missverständlich oder daneben, dass die leidige Debatte immer weiter und aufs Neue befeuert wird. Gewiss, die Medien verhalten sich nicht deeskalierend, aber Wulff lädt geradezu zur Eskalation ein.

Merkel ist gegenüber Mitarbeitern, Ministern und Parteifreunden loyal, wenn die ihre Jobs gut machen oder zumindest dies im Rahmen ihrer Möglichkeiten versuchen. Wer so handelt, kann sich auf Merkel verlassen. Professionalität ist der Kanzlerin wichtiger, als es ihr Parteiprogramme oder Linientreue sind.

Wenn Merkel jemanden für eine Position auswählt - und das hat sie im Falle Wulffs getan -, dann erwartet sie, dass der vorher befragte Kandidat die Aufgabe, die er sich und sie ihm zutraut, auch erfüllen kann. Christian Wulff hat sich erschreckend unprofessionell verhalten - von der Kreditverschleierungsgeschichte über den Anrufbeantworter bis zu folgenlosen Ankündigungen im Fernsehen. Er hat seit Mitte Dezember die Sache nicht besser, sondern schlimmer gemacht.

Ginge es nicht um den Bundespräsidenten, drohte Wulff von Seiten Merkels jetzt das Schicksal jener CDU-Männer, die nicht konnten, was sie sollten oder die Merkel im Weg waren. Weil aber Wulff der Präsident ist und selbst immer noch findet, dass er kann, was er soll, wird Merkel sich von ihm nicht weiter entfernen, als sie dies bereits getan hat.

Sie wird ihn, wenn alles bleibt, wie es im Moment zu sein scheint, nicht stürzen, indem sie ihm ihre Zustimmung entzieht. Aber sie wird auf ihre uckermärkische Art und auch durch ihre Altmaiers trotzdem deutlich machen, dass die Verben stützen und stürzen im Ernstfall nicht nur phonetisch nah beieinander sind.