Merkel zu Besuch in Portugal Besuch der kalten Dame

Weniger störrisch und uneinsichtig als die Griechen, weniger stolz und zögerlich als die Spanier: Lange Zeit galt Portugal in Berlin als Musterknabe unter den Problemländern Südeuropas. Die lautstarken Proteste in Lissabon zeigen aber, dass die Reformen kein Selbstläufer sind. Merkel ist ihr Besuch dennoch wichtig: Der Kanzlerin kommt Portugal in der öffentlichen Debatte zu kurz.

Von Claus Hulverscheidt, Lissabon

Ein Sinnbild, auf das Angela Merkel gerne verzichtet hätte: Das Mittagessen mit dem portugiesischen Premier Passos Coelho wurde vorsichtshalber ins Verteidigungsministerium gelegt. Eine Trutzburg, die hoch oben über dem Atlantik thront und sich als Symbol für die Angst der Regierenden vor dem Volk verstehen lässt. 

(Foto: dpa)

Was ist das für ein Gefühl, die meistgehasste Frau Europas zu sein? Hinterlässt es tatsächlich keine Spuren, wenn die Intellektuellen eines vermeintlich befreundeten Landes einen zur "unerwünschten Person" erklären? Und was macht es mit einem Menschen, wenn eine aufgebrachte Menge Strohpuppen mit dem eigenen Konterfei anzündet, auf Fotos herum trampelt und Barrikaden errichtet? "Ach", seufzt Angela Merkel und setzt ein Gesicht auf, als wollte sie sagen: Schön ist das alles nicht, aber einer muss ja den Buhmann mimen.

Wo die Bundeskanzlerin dieser Tage auch hinkommt in Europa - die Demonstranten sind schon da. An diesem Montag besucht sie Lissabon. Wütende Proteste gegen ihre Fünfeinhalb-Stunden-Visite haben die portugiesischen Gewerkschaften und ein Protestbündnis namens "Zum Teufel mit der Troika" angekündigt. Die Demonstrationen stehen unter dem Motto "Raus hier!". Diese Bitte richtet sich zwar nicht nur, aber sehr wohl auch an Merkel.

Dass sie am Morgen dennoch in den Luftwaffen-Airbus Konrad Adenauer gestiegen ist, hat gleich zwei simple Gründe: Eine Geste soll es sein, wie schon ihr Besuch vor ein paar Wochen in Athen, als wütende Demonstranten in Sprechchören über sie herzogen und die Polizisten, die sie schützten, mit Steinen bewarfen. Wichtiger aber noch: Portugal kommt Merkel zu kurz in der öffentlichen Debatte, die seit Monaten scheinbar nur noch um Griechenland kreist. Dabei werden das Schicksal Europas und wohl auch das künftige Bild der ersten deutschen Bundeskanzlerin in den Geschichtsbüchern nicht in Athen geprägt - sondern viel eher in Lissabon.

Notorisch leidensbereite Portugiesen

Griechenland, darauf ist man im Kanzleramt längst eingestellt, wird noch auf Jahre hinaus ein schwer kranker Patient bleiben, den nur die Herz-Lungen-Maschine der Euro-Partner am Leben erhält. Portugal hingegen ist zwar noch malad, hat aber zumindest die Intensivstation verlassen. Das Land hält sich an die Anweisungen der Ärzte und absolviert die vereinbarten Reha-Maßnahmen. In Portugal wird sich erweisen, ob die Medizin, die die Länder Nordeuropas mit Merkel an der Spitze dem Süden verschrieben haben, wirkt oder ob sie das nicht tut. "Portugal braucht den Erfolg", sagt Luis de Almeida Sampaio, Lissabons Botschafter in Berlin. "Aber Merkel braucht den Erfolg genauso dringend."

Lange Zeit galt Portugal in Berlin als Musterknabe unter den Problemländern Südeuropas. Weniger störrisch und uneinsichtig als die Griechen, weniger stolz und zögerlich als die Spanier. Doch auch die Erholung in Portugal ist kein Selbstläufer: Seit die Regierung von Premier Pedro Passos Coelho im Spätsommer die Sozialbeiträge für Firmen massiv senken und für die Arbeitnehmer ebenso deutlich erhöhen wollte, gehen auch die notorisch leidensbereiten Portugiesen auf die Straße.

Die Jugendarbeitslosigkeit hat 35 Prozent erreicht, die Firmen des Landes stellen kaum wettbewerbsfähige Industriegüter her, und - schlimmer noch: Während die Zinslast für die Regierung dank der Hilfen aus dem Euro-Schutzschirm EFSF künstlich gedrückt wird, haben die Betriebe des Landes praktisch keinen Zugang mehr zu bezahlbaren Krediten. Niemand hat bisher eine Lösung für dieses gravierende Problem gefunden.

Die Angst der Regierenden vor dem Volk

Als Angela Merkels Wagenkolonne gegen Mittag das Amt des Staatspräsidenten im Zentrum Lissabons erreicht, schallen ihr Protestrufe entgegen. Ein paar Dutzend meist jüngere Menschen haben es geschafft, die äußeren Absperrungen zwischen dem Präsidentenpalast und dem Ufer des Flusses Tejo zu überwinden. Von Massendemonstrationen allerdings keine Spur. Dennoch ist das Mittagessen Merkels mit Premier Passos Coelho vorsichtshalber ins Verteidigungsministerium gelegt worden, das seinen Sitz in einer Seefestung hat, die hoch oben über dem Atlantik thront. Die Trutzburg wirkt wie ein Sinnbild für die Angst der Regierenden vor dem Volk - eines, auf das Merkel gerne verzichtet hätte.

Der Hass, die Plakate, die Strohpuppen - es ist nicht so, als ließe all das die Kanzlerin kalt. Immer wieder in den vergangenen Monaten, wenn sie aus dem Fenster ihrer gepanzerten Limousine blickte oder, öfter noch, die Bilder der Proteste im Fernsehen sah, hat sie sich gefragt, ob die aufgebrachten Menschen nicht doch recht haben könnten. Und sie selbst Unrecht. Aber ein anderer Weg als den, die Probleme zu lösen, statt sie einfach zuzukleistern, hat sich ihr bisher nicht eröffnet.

Mut machen will sie ihren Gesprächspartnern in Lissabon mit ihrem Besuch, Mut machen, dass sich die Anstrengungen eines Tages bezahlt machen werden. Denn in einem sind sich Deutsche und Portugiesen durchaus ähnlich, wie Botschafter Almeida Sampaio festgestellt hat: "Nirgendwo auf der Welt", so sagte er jüngst, "redet man so schlecht über Portugal wie in Portugal."