Merkel und Sarkozy Liebe in Zeiten des Wahlkampfs

"Chère Angela" statt "la grosse", die Dicke: Nicolas Sarkozy preist die deutsche Kanzlerin und das politische "modèle allemand" derzeit so sehr, dass seine Landsleute schon über seine "Deutschland-Besoffenheit" spotten. Im Gegenzug unterstützt Angela Merkel den Wahlkampf des französischen Staatspräsidenten - und verprellt damit die Sozialisten und ihren Kandidaten François Hollande.

Von Stefan Ulrich, Paris

Wenn Angela Merkel (CDU) in diesen Wochen nach Frankreich reist, gilt es genau hinzusehen: Tritt sie als deutsche Kanzlerin auf, um mit dem französischen Staatschef Nicolas Sarkozy zu verhandeln? Oder kommt sie als Parteivorsitzende der Christdemokraten, um dem mutmaßlichen Präsidentschaftskandidaten Sarkozy die versprochene Wahlkampfhilfe zu leisten?

Ihr Interesse ist dasselbe, egal welchen Hut sie trägt. Sie möchte auch künftig mit Sarkozy zusammenarbeiten - und nicht mit dem Sozialisten François Hollande.

An diesem Montag fährt Merkel zunächst einmal als Kanzlerin nach Paris, um mit ihrem halben Kabinett an einem deutsch-französischen Ministerrat im Élysée-Palast teilzunehmen. Dabei wird es um den drohenden Untergang Griechenlands gehen, aber auch um eine europäische Finanztransaktionssteuer, eine Angleichung der Unternehmenssteuern in Deutschland und Frankreich sowie um mehr Zusammenarbeit der Wissenschaftler.

Am Nachmittag führen Merkel und Sarkozy dann ihr erstes gemeinsames Fernsehinterview überhaupt. Es wird am Abend vom ZDF und von France 2 ausgestrahlt. Gut möglich, dass dabei neben der Kanzlerin auch die Wahlkämpferin Merkel zu sehen sein wird.

"Merkozy" werden die beiden nun genannt, und nie zuvor wirkten sie als Paar so symbiotisch wie heute. Sarkozy hat sein Schicksal mit "chère Angela" und dem "modèle allemand" verknüpft. Lange vorbei sind die Zeiten, da er in vertrauter Runde die Kanzlerin als "la grosse" (die Dicke) und die Deutschen als "Boches" bezeichnet haben soll.

Frankreich - genervt von Deutschland-Elogen

Heute wird der Präsident nicht müde, seinen Landsleuten die Bundesrepublik als leuchtendes Beispiel vorzuhalten. Bei einem TV-Auftritt vor einer Woche nannte er Deutschland gleich 15 Mal. Die Opposition hielt dem Präsidenten danach "Deutschland-Besoffenheit" vor.

Wenn Angela Merkel sich etwas umhört in Paris, kann sie ein gewisses Grummeln vernehmen. Vielleicht zeigt ihr jemand das aktuelle Titelblatt des seriösen, bürgerlich-konservativen Wochenmagazins Le Point. Es zeigt Adolf Hitler und Heinrich Himmler und schreibt dazu "Das Nazi-Komplott".

In Paris ist zu hören, diese Themenwahl zu diesem Zeitpunkt sei kein Zufall. Selbst dem bürgerlichen Lager gingen Sarkozys Deutschland-Elogen mittlerweile auf die Nerven. Da wolle man wohl zeigen, wie die angeblich so mustergültigen Nachbarn früher auch sein konnten.

Deutschland ist zum Hauptwahlkampfthema in Frankreich geworden und wird auf eine bislang ungekannte Weise von der Rechten wie der Linken instrumentalisiert. Sarkozy benutzt die Bundesrepublik wie einen Knüppel, mit dem er seine Landsleute antreiben und die verkrusteten Strukturen des Landes aufbrechen möchte.

Rentenalter, flexible Arbeitszeit, Mittelstands-Förderung, höhere Mehrwertsteuer, Ausbildungssystem - überall sollen die Franzosen dem "modèle allemand" nacheifern. "Deutschland ist zu seinem einzigen Bezugspunkt geworden", schreibt Le Monde und spöttelt: "Deutschland über alles."

Sarkozys Germano-Euphorie muss in einem so bedeutenden Land wie Frankreich zu Gegenreaktionen führen, die der bilateralen Freundschaft schaden könnten. Um die Sozialisten zu ärgern, betont der Präsident in letzter Zeit sogar, die Deutschen hätten auch noch die besseren Sozis.

Den Altkanzler Gerhard Schröder preist er als Reformhelden, der nichts mit einem Hollande gemein habe. Kein Wunder, dass die französischen Sozialisten zurückkeilen. Sie schlagen auf Deutschland ein, um Sarkozy zu treffen.

"Frankreich hat sich Deutschland komplett unterworfen", kritisiert Hollande und packt damit die Franzosen bei ihrem Stolz. Für den Fall seines Sieges bei der Präsidentschaftswahl im April kündigt er an, das Gleichgewicht wiederherzustellen und einen neuen deutsch-französischen Freundschaftsvertrag anzustreben.

Markige Rhetorik gegen Deutschland

Sein Wahlkampfchef, der frühere Europaminister Pierre Moscovici, sagt, Zusammenarbeit mit Deutschland bedeute nicht, es nachzuahmen. Arnaud Montebourg, der Anführer des linken Flügels der Sozialisten, prophezeit: "Die Konfrontation mit Deutschland ist unvermeidlich." Die Deutschen verdienten auf dem Rücken ihrer europäischen Partner. Wer das deutsche Modell exportiere, ruiniere Europa.

Es ist nachvollziehbar, wenn bei solchen Sätzen in Berlin die Alarmglocken läuten. Tatsächlich gibt es zahlreiche Meinungsunterschiede zwischen Merkel und den französischen Sozialisten. Diese drohen, im Fall ihres Wahlsieges den gerade erst geschnürten Fiskalpakt der EU neu aushandeln zu wollen. Sie fordern Euro-Bonds und mahnen, außer zu sparen müsse die EU viel stärker als bislang die Konjunktur ankurbeln, um Jobs zu schaffen.

Dennoch ist die Gefahr gering, dass ein Präsident Hollande einen Oskar Lafontaine gibt und mit einer radikal linken Agenda Europa aus den Angeln hebt. Wahrscheinlicher ist es, dass ihn rasch die Sachzwänge der Schuldenkrise und die stabilen Strukturen der deutsch-französischen Zusammenarbeit in die Arme Angela Merkels treiben würden.

Die markige Rhetorik der Sozialisten entspricht den Besonderheiten des französischen Präsidentschaftswahlkampfs. Anders als in Deutschland spielen dabei Parteien eine viel geringere Rolle. Die Kandidaten sind alles. Daher wird der Wahlkampf stark zugespitzt. Wenn Sarkozy hü sagt, sagt Hollande hott. Wenn der Präsident Deutschland lobt, muss es sein Herausforderer kritisieren.

Aus Hollandes Umfeld wird signalisiert, die Deutschland-Schelte nicht allzu wörtlich zu nehmen. Der Kandidat selbst habe doch bereits angekündigt, als Präsident zuerst in die Bundesrepublik reisen zu wollen.

Auch die Ankündigung, Merkel werde Sarkozy unterstützen, nahm Hollande sportlich, indem er versicherte, in jedem Fall vernünftig mit der Kanzlerin zusammenzuarbeiten. Allerdings weckt Hollande derzeit Erwartungen bei linken Franzosen, mit denen er im Fall eines Sieges bei der Wahl konfrontiert werden wird. Sie dürften kaum goutieren, falls "Merkollande" einfach so weitermachen würde wie "Merkozy".