Neue Rolle in der EU: Die Kanzlerin gibt die Politik Helmut Kohls auf und wird in Deutschland gar als Erbin Bismarcks gefeiert. Ist das im Sinne der europäischen Integration?
Joschka Fischer (Bündnis 90/Grüne), 61, war Bundesaußenminister von 1998 bis 2005. Er schreibt exklusiv für Project Syndicate und die Süddeutsche Zeitung.
Zu wenig Engagement für die europäische Integration: Der ehemalige Außenminister Joschka Fischer über die Rolle Angela Merkels in der EU. (© Foto: dpa)
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Der EU-Gipfel hat einen typisch europäischen Kompromiss zur Krise in Griechenland hervorgebracht, der nicht "Lösung" heißen darf, sondern sich hinter einem "Mechanismus" verbergen muss. Ob er funktioniert, werden wir im April wissen, wenn das Land sich erneut refinanzieren muss.
Die Bundeskanzlerin bekam die Beteiligung des Internationalen Währungsfonds (IWF) für den Fall, dass für Griechenland gezahlt werden muss. Die endgültige Entscheidung darüber bleibt an die Einstimmigkeit in den europäischen Gremien gebunden - und damit unter deutscher Kontrolle.
Frankreichs Präsident Sarkozy setzte durch, dass Griechenland im Bedarfsfalle ("Ultima Ratio") doch von den Partnern herausgekauft wird. Für Deutschland hieße dies: bis zu vier Milliarden Euro, und, horribile dictu, das faktische Ende jenes Artikels 125 im Lissabon-Vertrag, der es EU-Ländern verbietet, für die Schulden eines anderen Euro-Landes zu haften oder einzuspringen.
Daran ändert auch nichts, dass jetzt viel Wortakrobatik darauf verwendet wird, die Vertragskonformität dieser Entscheidung zu begründen. Darüber hinaus erhielt Sarkozy die verstärkte Wirtschaftskoordination im Europäischen Rat. Der Ausschluss von Vertragssündern ist vom Tisch.
Der Kompromiss unterscheidet sich nur durch die IWF-Beteiligung
Tatsächlich unterscheidet sich der Beschluss des Europäischen Rats von dem bereits zuvor erreichten Kompromiss im Wesentlichen nur durch die Beteiligung des IWF. Wenn Deutschland den IWF brauchte, wegen seines Bundesverfassungsgerichts und damit die Vertreter der Bundesregierung innenpolitisch das Gesicht wahren konnten - dann stellt sich aber umso mehr die Frage, warum Berlin dafür ein solch einmaliges europapolitisches Desaster anrichten musste?
Denn in der Sache könnten mit diesem Kompromiss eigentlich alle Beteiligten leben - wenn, ja wenn nicht jene dramatische Konfrontation gewesen wäre, die diesem Kompromiss voranging. Bis vor kurzem wurde Angela Merkel noch als "Mrs. Europa" gefeiert, heute scheint aber "Frau Germania" zutreffender zu sein. Diese europäische Konfrontation (ein Schelm, der dabei an kommende Wahlen in Deutschland denkt!) hat die EU aber über den Tag hinaus verändert.
In den deutschen Medien wird die Kanzlerin als Eiserne Lady wie Thatcher oder gar als Eiserne Kanzlerin wie Bismarck gefeiert. Man kann sich nur an den Kopf greifen über den Verfall des historischen Bewusstseins in unserem Land, denn weder waren Margret Thatcher noch Otto von Bismarck bisher Leitbilder deutscher Europapolitik, und zwar aus zwingenden Gründen! Beide hatten mit der Integration Europas nicht allzu viel oder gar nichts im Sinne.
Deutschland verfolgt zunehmend seine engeren Interessen
Wie man hierzulande gar auf Bismarck kommen kann, wenn man Europa und damit die deutsch-französische Zusammenarbeit will, bleibt das Geheimnis des deutschen Boulevards. Man könnte dies alles als die üblichen Überzeichnungen abtun, wenn die innenpolitische Reaktion in Deutschland nicht ziemlich genau einem schon seit längerem feststellbaren Trend entspräche: nämlich, dass sich Deutschland aus der Rolle des Motors der europäischen Integration zurückzieht und zunehmend seine engeren nationalen Interessen verfolgt.
"Andere tun dies doch auch", lautet darauf die immer lauter werdende Antwort. Dies ist richtig, aber Deutschland ist eben nicht wie die "anderen". Sondern es hat wegen seiner kritischen Größe, seiner Lage und Geschichte eine sehr spezifische Rolle in diesem zwischen nationalen und europäischen Interessen eingeklemmten Gebilde namens EU zu spielen.
Wenn Deutschland als Integrationsmotor ausfällt, dann war es das mit der europäischen Integration. Und wenn Deutschland seine engeren nationalen Interessen nicht mehr europäisiert, sondern sie verfolgt wie andere auch, dann wird dies zu einer Renationalisierung innerhalb der EU führen.
Die Formel lautete früher: Deutschland gibt und gewinnt
Deutschland war bisher immer der Motor der europäischen Integration gewesen, weil die seinen politischen und wirtschaftlichen Interessen entsprach. Zwei Drittel unserer Exporte gehen in die EU, 50 Prozent davon in den Euroraum. Die Formel hieß immer: Deutschland gibt, weil es dadurch gewinnt. Nun aber geht es anders herum.
Die Konsequenzen sind absehbar: Die EU wird sich von einem Staatenverbund, der sich Schritt für Schritt weiter integriert und das Ziel eines starken Europas verfolgt, zu einem schwachen Staatenbund zurückentwickeln, der von widerstreitenden nationalen Interessen dominiert wird. Das ist das britische Europakonzept, und auch das Bundesverfassungsgericht wird diese Entwicklung wohl freuen.
Diese Wende in der deutschen Europapolitik aber zu einem politischen Geniestreich zu erklären, um den Euro oder gar das europäische Lebenswerk Helmut Kohls zu retten - das ist nicht von dieser Welt, sondern einfach nur noch daneben.
Was diese Entwicklung in einem sich dramatisch schnell verändernden internationalen Umfeld mit völlig neuen Akteuren und Dimensionen für die Zukunft der Europäer bedeutet, malt man sich besser nicht aus. Reich, alt und schwach zu sein, verheißt keine gute Perspektive für Europa in der Welt des 21. Jahrhunderts. Warum man sich angesichts dieser Entwicklung überhaupt noch all die Mühe mit dem Lissabon-Vertrag gemacht hat, wird immer unverständlicher, denn für einen Staatenbund ist dieser Vertrag so unnötig wie ein Kropf.
Eine deutsch-französische Entfremdung wird die EU schwächen
Tatsächlich geht es bei alldem nicht nur um Griechenland, sondern um einen massiven deutsch-französischen Gegensatz, der das latente Misstrauen zwischen den beiden Partnern voll hat ausbrechen lassen und die Gefahr einer dauerhaften Entfremdung in sich trägt.
Aus Sicht Berlins will Frankreich nur seine Haushalts- und Verschuldungsprobleme zu Lasten Deutschlands lösen und somit zugleich die deutsche Wettbewerbsfähigkeit schwächen. Paris hingegen fürchtet, dass die Deutschen mit ihrer Stabilitätsorientierung Frankreich im Euroraum endgültig in die Ecke drängen und wirtschaftlich abhängen wollen. Auch diese anhaltende Entfremdung wird zur Schwächung der EU beitragen.
Am kommenden Samstag wird Helmut Kohl, der Ehrenbürger Europas und Kanzler der deutschen Einheit, seinen 80. Geburtstag begehen. Und dann werden sicher wieder viele schöne Reden auf Europa und diesen großen Europäer gehalten werden, die man aber angesichts der trostlosen Lage besser sofort wieder vergisst.
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(SZ vom 29.03.2010/pbar)
Documenta-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev
Philatelisten kennen diese "Germania" noch sehr gut, jenes Brustbild einer wehrhaft gepanzerten, überaus "deutsch" und ständig nach (heraldisch) rechts schauenden Walküre mit Kaiserkrone auf dem wallenden Haupthaar. Die Büste der Reichseinheits-Briefmarken-Brünnhilde zeigte sogar in schimmernder Wehr aggressive, weil genippelte Brüstebuckel - wie den Umbo auf einem Kampfschild von den Leges Barbarorum bis zum Sachsenspiegel. Solchermaßen erschreckten seit 1900 Briefe aus dem Deutschen Reich unsere europäischen Nachbarn, zumal die Germania auch noch als Kolonial-Klon zwischen Togo und Samoa herumschwirrte. Und wer war schuld? Gewiß nicht Bismarck (der hat diese leckhafte sächsisch-bayerische Wagner-Attitüde nicht mehr erlebt)! Nein, Vetter Willy hätte sich - wie Queen Victoria und Cousin Edward - gern höchstpersönlich postalisch eine um die andere kleben lassen. Aber: Es waren innenpolitische Gründe - Bayern und Württemberger, die ohnehin auf eigenem Postwesen bestanden, lehnten das Konterfei Wilhelms II. ab. So entschied Majestät in persönlichem Regiment, an den Modell-Staffeleien vorbeirauschend (erinnerte sich Designer Waldraff), sich für eine üppige Blondine (Typus zwischen Kate Winslet und Sophie Dahl) namens Anna Führing. Habemus Germaniam - ihr sieht Angela durchaus ähnlich.
Hat doch hoffentlich nicht abgefärbt, der wilhelminische Stil?! Muttis Art, alles an sich zu reißen, wird in der EU sicher nicht geschätzt. Ach, wäre die bundesrepublikanische Prime Minister wenigstens so ausgefallen wie Loriots Hausfrauen-Walküre (Möpse und Menschen, S. 294): Die KT-Lanze fest in der Linken, den niedlichen Hörnerhelm auf dem schulterlangen Haar, ein Perlen-Collier um den Hals, die Augen fest geschlossen, ein armfreies langes Kostüm umspielt die blanken Füße. Schelmisch lugt die linke Brust ins Tageslicht - und in der Rechten: Ja, da trägt AM Schirmchen und Handtäschchen als Zeichen der Finanzhoheit, wie weiland Maggie Th.: "I want my money back!" So geht frau nach Brüssel wie Bayreuth - und Europa verziehe ihr sogar die beiden Möpse vor ihr: Wotan (Bariton) sähe aus wie Klein-Gordon, Mime (Tenor) hat was von Nicolas. Die Rheingold-Töchter dürften dann gern Marianne, Brigitte, Cathérine, Létitia heißen.
Ansonsten aber muß ich Ihrem Artikel, lieber Herr Fischer, seufzend rechtgeben - nur mit dem Zusatz: Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst. Die Monsterkuh Europa war seit 1950 immer schon eine Buntgescheckte.
Wer hat denn den Beitrag für Ihn verfasst????
Denn Frau Merkel hat, vielleicht wegen der NRW-Wahlen, vielleicht aber auch aus reinem UNVERMÖGEN, den griechischen Sündenfall, der längst bekannt war, viel zu hoch gehängt und den Anschein erweckt, Deutschland müsse für Griechenlands Schulden alleine geradestehen!
Dabei, aber DAS könnte die in Währungsangelegenheiten sowohl unbedarfte als auch beratungs-resistente Physikerin, konnte es von allem Anfang an nur darum gehen, die Zins-Spekulation der Wall Street zu Lasten Griechenlands einzubremsen!
Hätte Frau Merkel von allem Anfang an
- einerseits die Schuldenmacherei Griechenlands kritisiert UND auf drastische Einsparungen gedrungen,
und
- andererseits klargestellt, dass Griechenland DANN mit deutschem Beistand rechnen kann,
dann wäre den Währungs-Spekulanten die Lust daran vergangen - und Deutschland "bei Freund und Feind gross herausgekommen"!
So wie Frau Merkel es aber anstellte, wurde Deutschland zum Buh-Mann Europas - und SARKOZY zum "Retter"!
Frau Merkel, das machte dieser Fall überdeutlich, wird niemals zur "Eisernen Lady" noch gar zur verspäteten Vollstreckerin Bismarkscher Politik - für Beides fehlt es ihr an Format UND Fortune!
Deutsche Großmanns-Sucht wird Europa nicht gut bekommen.
Die Kanzlerin sollte sich nicht weiter als "Eiserne Lady" feiern lassen, sonst nährt sie bei den kleineren Partnerstaaten Mißtrauen.
Das Merkel-Diktat in Sachen Griechenland könnte sich so gesehen als Pyrrhussieg herausstellen....
Der einzige Punkt, wo ich Josef Fischer zustimmen kann ist, daß Bismarck als Vorbild für Kanzler der BRD überhaupt nicht taugt.
Von der Regel "Deutschland zahlt, damit es mit Europa weitergeht" ist hingegen schon die Regierung Schröder/Fischer abgerückt, da muß er die Kanzlering nicht so vollmundig kritisieren.
Die sonderbare Verhandlungstaktik, daß Deutschland gegen die eigenen Partikularinteressen Forderungen im Interesse Gesamteuropas aufstellt und sich deren Durchsetzung dann noch durch weitere Zugständnisse an den Rest erkaufen muß, wird fröhlich weiterbetrieben.
Auch was Deutschland durch die Aufnahme Bulgariens und Rumäniens in die EU gewonnen hat, erschließt sich mir bis heute nicht. Daß Malta, Luxemburg und Zypern im Verhältnis zu Deutschland ein aberwitziges Stimmgewicht in der EU haben, dient wohl auch kaum der deutschen Exportwirtschaft oder dem europäischen Friedensprojekt.
Und die Sache mit dem Euro ist noch längst nicht ausgestanden. Wir werden sehen, wie die Auseinandersetzung um die Trichet-Nachfolge ausgeht. Wenn Merkel hier Weber nicht durchsetzen kann, dann gute Nacht Stabilität.
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