Leben im Flüchtlingsheim Der Tag, als keiner half

Es ist eine Woche vor Weihnachten, als Leonardo plötzlich schwer krank wird. Fast stirbt der Roma-Junge in einem bayerischen Flüchtlingsheim. Warum half man ihm nicht schneller? Warum flehten seine Eltern vergebens um einen Notarzt? Das fragt nun die Staatsanwaltschaft.

Von Ronen Steinke

Es ist eine Woche vor Weihnachten, die Pfützen sind gefroren und der Tag noch dämmerig, als ein junges Paar an einer Kreuzung in Zirndorf auftaucht. Der Mann trägt keinen Anorak, die Frau trägt Pantoletten, aus denen die Zehen schauen. Auf dem Arm hält sie einen kleinen Jungen, nur mit einem Pyjama bekleidet und in eine Decke gehüllt. Das junge Paar versucht hektisch, die Aufmerksamkeit der vorbeifahrenden Autofahrer auf sich zu ziehen.

"Wenn wir im Mittelalter wären, hätte ich gemeint, es ist die Pest", erinnert sich Till Standke, ein Autofahrer, der anhielt und Hilfe anbot. Große dunkle Flecken hätten das Gesicht des Jungen gezeichnet, apathisch sei er gewesen, seine Eltern panisch.

Das junge Paar hatte einen schlecht kopierten Stadtplan des Nachbarortes Oberasbach in der Hand. Darin ein aufgemaltes Kreuz, das die nächste Kinderarztpraxis markierte: Dorthin sollten sie den Jungen bringen, ohne Hilfe, zu Fuß. So habe man es ihnen in der Flüchtlingsunterkunft in Zirndorf gesagt, wo sie seit einer Woche untergebracht waren: Klaudia und Jovica Petrovic, zwei Roma aus Serbien, 19 und 23 Jahre alt, mit ihrem Kleinkind Leonardo.

Zwei Jahre später, in einer kleinen Neubauwohnung in München. Es ist hell und warm. Das Ehepaar Petrovic sitzt an einem Tisch mit Spitzendecke. Hier haben sie sich jetzt einrichten dürfen. Leonardo, ihr Sohn, lacht und spricht viel, an den Händen und im Gesicht sieht man dunkle, wulstige Narben, die Folgen jenes Morgens kurz vor Weihnachten: So dick sind sie, als sei der Junge in einem Feuer gewesen, seinen Fingern fehlen ein paar Glieder.

Ein Jahr lang haben die Ärzte um sein Leben gerungen, zwei Mal pro Woche haben sie ihn auf den Operationstisch gelegt und Haut transplantiert, immer montags und donnerstags. "Wenn er überlebt, dann werden ihm beide Arme, beide Beine und die Nase amputiert werden müssen", haben sie am Anfang noch gesagt.

Der Arzt hat kein Fieberthermometer dabei

Inzwischen ist Leonardo dreieinhalb Jahre alt. Aber als die Ärzte ihn im vergangenen Jahr aus dem künstlichen Koma holten, musste er alles wieder von vorne lernen, Essen, Sprechen, Laufen. Meningokokken-Bakterien hatten sein Blut vergiftet, "Waterhouse-Friderichsen-Syndrom" sagen die Ärzte dazu, das Blut gerinnt in den Gefäßen, sodass sich schwarze Flecken auf der Haut bilden, ganze Hautpartien absterben, auf Fingern und Zehen.

Es dauerte damals, im Dezember 2011, bei Leonardo nur wenige Stunden von den ersten Symptomen bis zur Lebensgefahr. Und diese Stunden beschäftigen nun die Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth - weil deutsche Staatsbedienstete dem Jungen womöglich nicht genug geholfen haben. Diese wenigen Stunden erklären auch, warum Leonardos Mutter heute sagt, sie habe schon viele Tausend Mal bereut, je nach Deutschland gekommen zu sein.

Die Geschichte beginnt am Abend des 18. Dezember 2011. Da fühlte sich Leonardo erstmals fiebrig an, die Sicherheitsleute im Flüchtlingsheim riefen einen Arzt vom kassenärztlichen Bereitschaftsdienst herbei. Der schaute sich das Kind an. Fieber maß er nicht. Ein Thermometer habe er nicht dabeigehabt, erklärte er später, auch seien die Symptome noch nicht weiter ungewöhnlich gewesen. Stattdessen stellte er den Eltern ein Rezept für ein Fiebermittel aus, einzulösen am nächsten Tag.

Über Nacht stieg das Fieber. "Am nächsten Morgen habe ich Leonardo gestillt", erinnert sich die Mutter, dabei "habe ich ihm über den Kopf gestrichen und gemerkt, dass er schwarze Punkte überall am Körper hatte. An der Nase, an der Stirn, an den Fingern. Mit der Zeit sind diese Punkte größer geworden." Die Eltern liefen zur Pforte des Heims, um einen Arzt zu holen. Der Pförtner dort sei gleich ein Stück zurückgewichen, als er die Flecken auf Leonardos Körper sah, erinnert sich Leonardos Vater. Doch dann, so erzählt es der Pförtner heute, blickte er auf die Uhr: sieben Uhr morgens. Montag. Von diesem Zeitpunkt an habe in der Flüchtlingsunterkunft "die Verwaltung" das Sagen, da dürfe das Wachpersonal, das von einer privaten Sicherheitsfirma gestellt wird, nicht mehr eigenständig einen Arzt rufen. Dienstvorschrift.