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Meningokokken-Infektion:Wettlauf gegen die Zeit

Bürokratische Hürden und Desinteresse hätten einem Roma-Jungen in einem bayerischen Flüchtlingsheim fast das Leben gekostet. Er war am Waterhouse-Friderichsen-Syndrom erkrankt. Was ist das für eine Infektion, die ein Kind binnen Stunden in höchste Lebensgefahr bringt?

Erst stieg das Fieber, nur Stunden später schwebte der kleine Leonardo in Lebensgefahr.Dass die Angestellten des Flüchtlingsheimes, in dem der Roma-Junge mit seiner Familie untergebracht war, kein Engagement für das zunehmend kranke Kind zeigten, beschäftigt nun die Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth. Denn aus diesem Zögern erwächst die Tragik des Falles. Bei einer Infektion, wie Leonardo sie erlebte, ist schnelle Hilfe entscheidend. Selbst erfahrene Ärzte fürchten den rasanten Verlauf.

Auslöser sind keine exotischen Keime, sondern weit verbreitete Bakterien. Jeder Zehnte trägt hierzulande die sogenannten Meningokokken in Mund und Nase mit sich herum, ohne dass sie Beschwerden verursachen. Doch bei einigen Menschen - überwiegend Kleinkindern - kann das Immunsystem sie nicht in Schach halten. Forscher vermuten eine Genmutation als Ursache. Bei diesen Menschen können die Erreger in den Blutkreislauf gelangen, dort Gifte freisetzen und das System, das die Blutgerinnung steuert, auf fatale Weise stören. Ärzte sprechen von einer Sepsis oder Blutvergiftung.

Wie bei Leonardo beginnt die Infektion zumeist mit unspezifischen Symptomen: Kopfschmerzen, Fieber, Schüttelfrost. Säuglinge erbrechen sich mitunter oder schreien schrill. Meist wirken die Kinder schwer krank. Durch die Gerinnungsstörungen kann es Stunden danach zu Einblutungen in die Haut kommen - erkennbar an dunkelroten bis bläulichen Flecken, die rasch größer werden. Mitunter wird Gewebe dann nicht mehr richtig durchblutet und stirbt ab, so dass Ärzten nur noch eine Amputation bleibt. Bei manchen Erkrankten kann die Infektion einen Kreislaufschock und die Zerstörung der Nebennieren auslösen: Waterhouse-Friderichsen-Syndrom heißt diese Komplikation, die auch der Roma-Junge erlebte. Sie ist besonders gefürchtet, denn sie endet laut Robert-Koch-Institut (RKI) in 35 Prozent der Fällen tödlich.

Impfung ist möglich

Ärzte können Meningokokken-Infektionen mit Antibiotika behandeln, je früher, desto besser sind die Erfolgsaussichten. Doch immer wieder gibt es tragische Fälle, in denen Hilfe zu spät kommt. Panische Eltern verfahren sich auf dem Weg in die Klinik und verlieren wertvolle Zeit, herbeigerufene Ärzte erkennen die Gefahr nicht oder - wie im Fall des kleinen Roma-Jungen - bürokratische Hürden verhindern schnelles Handeln.

Etwa 500 Fälle von schweren Meningokokken-Infektionen registriert das RKI pro Jahr. Eine Sespis tritt in etwa einem Drittel aller Fälle auf, in zwei Dritteln lösen die Erreger eine Hirnhautentzündung (Meningitis) aus. Auch sie kann schwerwiegend verlaufen und dauerhafte Folgen wie Taub- oder Blindheit nach sich ziehen. Meningitis und Blutvergiftung können auch zugleich vorkommen.

Wegen der schweren Verläufe wird Kindern in Deutschland seit 2006 die Impfung gegen Meningokokken empfohlen. Allerdings schützt sie nicht vor allen Typen des Erregers. Die Gefahr wird reduziert, aber nicht gebannt. Es gilt weiter, was Kinderärzte raten: Ein Kleinkind, das hohes Fieber hat oder sich ungewöhnlich verhält, gehört schnellstmöglich zum Arzt.

© Süddeutsche.de/beu/jst/leja
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