Kolonialismus Afrika braucht Neugier statt Habgier

Afrikaner waren nicht geladen: Die Kongokonferenz in Berlin in einer zeitgenössischen Darstellung. Illustration: Adalbert von Rössler

Nach einer Vergangenheit europäischer Habgier würde Afrika jetzt eine Zukunft europäischer Neugier gut tun. Denn kein Kontinent dürfte für die Zukunft des Planeten so wichtig sein wie Afrika.

Gastbeitrag von Horst Köhler

Vor wenigen Monaten erzählte mir ein afrikanischer Botschafter entsetzt von einem offiziellen Empfang in Deutschland, bei dem ein Dessert mit "Kaffernlimette" serviert wurde. Das Wort "Kaffer" ist in Südafrika und Namibia heute strafbar. Während der Apartheid war es ein Schimpfwort für Schwarze.

Die geschichtslose Naivität, die in Deutschland im Bezug auf Afrika teilweise anzutreffen ist, tut weh. Am meisten dann, wenn Gedankenlosigkeit im Gewand von Arroganz daherkommt: Erst kürzlich endete ein politisches Porträt in einem großen deutschen Wochenmagazin sinngemäß mit der Feststellung, der kritisch Porträtierte sei glücklicherweise erst einmal auf Besuch in Afrika, quasi fern aller politischen Relevanz und damit außenpolitisch harmlos. Ist das die Haltung des medialen Mainstreams gegenüber unserem Nachbarkontinent?

Die politische Reife einer Gesellschaft drückt sich auch in ihrem Verhältnis zu den dunklen Flecken der eigenen Geschichte aus. Es ist Konsens, dass die beispiellosen Verbrechen, die in deutschem Namen im 20. Jahrhundert begangen worden sind, eine besondere Verantwortung für die Erinnerungskultur und die aktuelle Politik mit sich bringen. Zu Recht halten wir Deutschen uns derzeit eine hohe historisch-politische Reflexionsfähigkeit zugute. Aber es ist ein ebenso hartnäckiger wie salonfähiger Mythos, dass Deutschland eine allenfalls flüchtige, zumindest harmlose Kolonialgeschichte habe.

Wo die Aufteilung Afrikas durch Europa ihren Anfang nahm

Der Maji-Maji-Krieg gegen die deutschen Kolonialherren, der 1905 im heutigen Tansania begann, war einer der größten Kolonialkriege überhaupt. Unter den Opfern sollen fünfzehn Europäer und bis zu 300 000 Afrikaner gewesen sein. Fast gleichzeitig fand in Namibia ein genozidärer Rachefeldzug des deutschen Gouverneurs Lothar von Trotha gegen das Herero-Volk statt, bei dem achtzig Prozent der Herero ausgerottet wurden.

Und genau vor 130 Jahren, am 26. Februar 1885, endete in der Reichskanzlei von Otto von Bismarck in der Wilhelmstraße die Berliner Konferenz mit der feierlichen Unterzeichnung der sogenannten Kongoakte. In der Breite der Gesellschaft ist dieses Ereignis fast vergessen, und damit auch, dass es Berlin war, wo die geregelte Aufteilung Afrikas durch Europa ihren Anfang nahm.

Die Berliner Konferenz hatte im November des Vorjahres begonnen und brachte unter der Leitung des Reichskanzlers zwölf europäische Staaten sowie die USA und das Osmanische Reich an einen Tisch. Ihr Ziel war es, die Inbesitznahmen in Afrika, bei denen sich die europäischen Großmächte immer mehr gegenseitig in die Quere kamen, in geordnete Bahnen zu lenken. Bismarck sah zudem eine Chance, sich als "ehrlicher Makler" zu profilieren. Dass er dies auf Kosten der Völker eines gesamten Kontinents tat - es saß kein einziger Afrikaner in der illustren Runde -, bleibt bis heute in so mancher Bismarck-Eloge unerwähnt. Selbst Henry Morton Stanley, der "Entdecker" des Kongo, der selbst maßgeblich zur Entfachung des Kolonialrausches beigetragen hatte und der an der Konferenz teilnahm, notierte mit Unbehagen, er fühle sich angesichts der Gier der Verhandler daran erinnert, wie sich seine "schwarzen Begleiter auf unseren Reisen mit gezückten Messern auf ein erlegtes Wild stürzten".

Totgeglaubte reisen länger

Während man ihn zu Hause schon betrauert, erforscht Heinrich Barth im 19. Jahrhundert Afrika wie keiner zuvor. Er findet sich in der Sahara und sogar im geheimnisvollen Timbuktu bestens zurecht - viel besser als in seiner europäischen Heimat. Von Irene Helmes mehr ... Serie Reise-Pioniere

Die Schlussakte sicherte den Vertragsstaaten unter anderem gegenseitige Handelsfreiheit in Afrika zu und machte die "effektive Besetzung" beanspruchter Gebiete zur Voraussetzung für internationale Anerkennung. Als Nebenprodukt der Konferenz wurde dem belgischen König Leopold II. das 2,3 Millionen Quadratkilometer große Gebiet des Kongo als Privatbesitz zugesprochen. Auch deutsche Kolonialisierungsgelüste bekamen neuen Schub: Einen Tag nach dem Ende der Konferenz wurde dem Kolonialisten Carl Peters (Spitzname in Afrika: "blutige Hand") ein vom deutschen Kaiser und Bismarck unterzeichneter Schutzbrief ausgehändigt - einschließlich der Übertragung der "Gerichtsbarkeit gegenüber den Eingeborenen" -, der faktisch die Gründung der Kolonie Deutsch-Ostafrika darstellte.

Koloniale Einstellungen gibt es noch heute. Dabei gehört Afrika die Zukunft

Zwar stimmt der (vor allem in Afrika) verbreitete Mythos nicht, dass die konkreten Grenzen in Afrika in jenen etwa 100 Konferenztagen in Berlin festgelegt worden seien und der Kontinent dort quasi wie ein Kuchen aufgeteilt wurde. Die Generalakte vom 26. Februar hat aber die politischen und rechtlichen Grundlagen für genau diese Aufteilung gelegt. Aufgrund der Berliner Prinzipien konnte die Kolonialisierung Afrikas in eineinhalb Jahrzehnten weitgehend abgeschlossen werden.

Der Privatstaat im Kongo, der seine Geburtsstunde in Berlin erlebt hatte, wurde in den Jahren um die Jahrhundertwende so brutal durch Leopold II. ausgebeutet, dass mehr als zehn Millionen Menschen ihr Leben verloren - eines der größten Menschheitsverbrechen der Moderne. Bis heute findet der Kongo keine Ruhe.