Köln Karneval der Tiere

Karnevalisten gehen in Köln mit roten Pappnasen zum Karneval. Der Straßenkarneval hat unter hohen Sicherheitsvorkehrungen begonnen.

(Foto: dpa)

Der Mann als Hase, die Frau im Frosch, es kreucht, fleucht, kriecht und hoppelt in Köln. Unter massivem Polizeischutz lassen sie die Sau raus. Protokoll eines streng kontrollierten Exzesses.

Von Holger Gertz

Manchmal denkt Oliver Hoff, dass der Karneval ihm nichts mehr sagt. Dass er in keiner Beziehung mehr steht, zum Karneval. Dass er alles hinter sich hat.

In seinem Bücherregal liegt eine recht komplette Sammlung von Fachliteratur, Futter für die Bühnentiere. "Bunter Witze-Cocktail", "Die besten Bayern-Witze", Sponti-Sprüche", "Sponti-Sprüche 2", "Sponti-Sprüche 3" sowie das Standardwerk "Die großen Clowns". Hoff läuft in Pantoffeln durch seine Wohnung in Köln-Porz, schlappt in die Küche, Wasser holen, und einen Aschenbecher. Hoff wäre, wenn man ihn buchen würde, auf alles vorbereitet, er könnte sich auf den neuesten Stand bringen, wenn man ihn buchen würde, die Geheimnisse in Lehrwerken wie "Hallo, liebes Publikum" werden nicht welk.

Aber sie buchen ihn nicht, nicht mal im Karneval buchen sie ihn. Damit muss man leben als Mann von 70 Jahren, sagt Hoff, und es soll jetzt auch nicht zu negativ klingen. Aber weh tut es doch.

Hoff atmet etwas schwer. Er stellt die Wasserflaschen auf den Wohnzimmertisch und setzt sich aufs Sofa, Schnauzbart, Halbglatze, ein insgesamt rundlich gestalteter Mensch. Er hat mal Koch und Kellner gelernt. Erst mal eine Zigarette, rauchend kann man gut Bilanz ziehen, in alten Filmen sitzen die Bosse auch immer rauchend über ihren Papieren, Hoff hat aber alles im Kopf, was ihm der Karneval diesmal gebracht hat, allzu viel ist es nicht. "Ich hab, eigentlich darf ich das gar nicht sagen, 15 Auftritte gehabt, davon sieben FL."

FL?

"Für lau."

Das ist sein Blick auf den Karneval, der Blick von Oliver Hoff, Komödiant oder Clown oder Parodist und auf jeden Fall einer der zahllosen Menschen aus Köln, die schon immer irgendwas mit Humor gemacht haben. Ob jetzt die passende Zeit für Humor ist, kann er nicht richtig sagen, er hat im Fernsehen den Dom gesehen, die Domplatte, die Nachrichten von den Übergriffen an Silvester. Er hat die Berichte vorher aus Syrien gesehen, "wie die Flüchtlinge da ihre Mutter im Rollstuhl durch die Wüste schieben. Ich sach: Was müssen diese Leute erlebt haben, dass sie das auf sich nehmen." Er weiß nicht, wie das genau abgelaufen ist an Silvester und wie die einen Bilder mit den anderen zusammenhängen. Es ist schwierig. "Auf jeden Fall kann man sagen: Da liegt jetzt auch ein Schatten auf Köln", sagt Hoff, dann erzählt er, wie er früher Schatten vertrieben hat, darin ist er ein Meister, im Schattenvertreiben.

Dieses Jahr sehr angesagt: das Ganzkörpertierkostüm. Es hält warm in eher kalten Zeiten

Hoff stellte den Weltrekord im Dauerbaden auf, 1975 lag er mehrere Tage auf den Poller Wiesen in einer Wanne. Hoff war Frontmann der 3 Colonias, der Karneval war seine Saison, dann hat er sich selbständig gemacht, als Doppelgänger des Kölner Idols Willy Millowitsch. Die Zeit nach dessen Tod, 1999, war Hoffs große Zeit als Imitator, er vertrieb die Schatten, tröstete die Menschen über einen Verlust hinweg.

Der erste Karneval ohne Willy war ein bewegendes Ereignis für Köln. Und Hoff reiste von Auftritt zu Auftritt, setzte sich seine Millowitsch-Perücke auf und seine Millowitsch-Brille. Sang Millowitschs Lieder, mit Millowitschs Stimme, immer etwas heiser, aber auf eigentümliche Weise auch warm. Besonders in Altenheimen war die Rührung groß, aber auch die Verwirrung, weil das Publikum doch Probleme hatte, mit dem Wiedergeborenen umzugehen. Der lebende Hoff setzte damals Zeichen, die aus seinem Herzen kamen, das groß ist und jederzeit verwundbar. Immer schrieb er Oliver auf die Autogrammkarten, niemals Willy, auch wenn ihn jemand darum bat. Und beim ersten Auftritt nach Millowitschs Tod zog Hoff ein rotes Jackett an, statt des weißen.

Im weißen war Millowitsch beerdigt worden. Jeder, der mal ein Clown von relativer Größe war, fürchtet die Verzwergung, die Degradierung zu einem kleineren Clown, nur noch eine Fußnote in den Nachschlagewerken. Draußen klopft der Regen gegen die Scheibe, drinnen raucht Hoff, auf dem Boden im Regal stehen Keramikclowns, die sehr klein sind. Hoff raucht, er schaut zum Fernseher: "Unser WDR bringt überhaupt nichts mehr von Millowitsch." 15 Auftritte, sieben FL. Die Bilanz seines Karnevals. Hoff sagt: "Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei." Das ist der Clown, der aus ihm spricht. Aber manchmal spricht auch ein Philosoph aus ihm. Hoff strafft sich dann ein bisschen und sagt Sätze wie diesen: "Im Karneval wird sichtbar, was man ohne Karneval gar nicht merken würde."

(Foto: Thilo Schmülgen)

Früher sagt Hoff, haben sie auch ordentlich gesoffen, es gab Jim Beam, was er Jimm Bimm ausspricht. Heute kippen die Jecken schon morgens Flic Flac Feigenlikör und Kleinen Klopfer Sauerkirsch , die S-Bahnen sind voll leerer Flaschen, und die Bahnhöfe sind natürlich die Orte, wo dann alles durcheinanderrennt beziehungsweise hoppelt und springt und kriecht und kraucht, weil in diesem Jahr das Ganzkörpertierkostüm angesagt ist. Es ist gerade in jeder Hinsicht kalt, ein Fell ist in jeder Hinsicht warm. Und man spart sich schwierigere Diskussionen, so ein Tier ist nicht politisch. Am Kölner Hauptbahnhof sieht man zu Weiberfastnacht schwingende Schweife, wackelnde Bürzel, tastende Fühler. Der Mann als Hase, der Mensch im Bären, die Frau als Flamingo. Aus Sicherheitsgründen, und um Missverständnisse zu vermeiden, stand in der Zeitung, solle man das Dschihadisten-Kostüm diesmal bitte im Schrank lassen.

Der Kölner Karneval war früher eine Uniformveräppelungsveranstaltung, mit den Soldatenkostümen sind die französischen Revolutionstruppen verarscht worden. Der subversive Impuls ist inzwischen allerdings leicht in Vergessenheit geraten, an Weiberfastnacht sieht Köln aus, als wäre für die Verkleidungen die halbe Belegschaft der Muppet-Show geschlachtet worden. Wer als Krümelmonster geht, tut das nicht, um das Krümelmonster zu veralbern, sondern um es zu verehren. Um sich gemein zu machen mit ihm.

Gedränge schon zu Mittag in den Bahnhofstoiletten, aber noch müssen die Leute nicht kotzen. Es ist im Gegenteil so, dass jeder Mann im Elefantenkostüm am Pissoir darum besorgt sein sollte, seinen Rüssel nicht in den Strahl zu kriegen. Dass ein Mann im Giraffenfell erst mal einen überaus langen Reißverschluss öffnen muss. Dass ein Mann im Tukankleid vom Gewicht seines Schnabels jederzeit nach vorn gerissen werden kann. Alle vorübergehend zugewachsenen Körperteile in die Balance zu bringen dauert seine Zeit. Deshalb die Schlangen vorm Herren-WC.

Lässt man sich weiter nach vorn durchreichen, kommt man zur Domplatte, man unterquert dabei eine Werbung des WDR, der sich auf der Reklame als Sender "für Weltentdecker" und zugleich als Sender "für Heimatfreunde" bezeichnet. Zuletzt haben die Weltentdecker in aller Welt diese Domplatte identifiziert als jenen Ort, an dem die liberale Flüchtlingspolitik Deutschlands auf die Probe gestellt worden ist. Die Kölner Silvesternacht mit den sexuellen Übergriffen auf Frauen und Mädchen war auf dem Titel der New York Times, sie sind noch immer ein Thema, nicht nur in den sozialen Medien. Der Kölner Dom schaut gerade nicht nur bestürzt herab auf den Schmutz und das berühmte Chaos des Kölner Alltags, auf Dauerbader und Prinz Karneval, er sieht nicht nur die üblichen Clowns, er sieht auch einen Boden, der bricht. Viele der Verdächtigen von der Silvesternacht waren Nordafrikaner.

Schaffen wir das, eine bunte Gesellschaft zu werden? Oder, schaffen wir das nicht. Für viele war die Domplatte ein Hinweis darauf, dass wir es nicht schaffen, die Domplatte war auf jeden Fall ein Ereignis, das die politische Agenda des ganzen Landes verschoben hat. Und der Kölner Karneval - das macht ihn besonders in diesem Jahr - steht jetzt unter einem "speziellen Stern", wie Hoff das genannt hatte.

Es sind Zettel im Umlauf, die das Grundsätzliche klären: Ein Kuss ist kein Heiratsversprechen

Jenseits aller Krümelmonster, die leicht zu dechiffrieren sind: Was erzählt das Bild einer Kölner Frau - kurzer Rock, Kniestrümpfe, Babymilchflasche am Hals - einem Araber? Schwer genug ja schon für viele Germanen, die kölschen Lieder zu verstehen, akustisch sowieso, aber auch vom Inhaltlichen her. "Denn mir sin kölsche Mädcher, hann Spetzebötzjer an", das ist soweit erst mal die Beschreibung einer Kleiderordnung. Schon die nächste Zeile - "Mir lossen uns nit dran fummele, mir lossen keiner dran" - allerdings ist ja nichts als Abkühlung, jeder Schlager von Roland Kaiser bietet handfestere Hinweise für den Umgang mit Spitzenunterwäsche.

Dieser Karneval? Steht unter einem "speziellen Stern", sagt Oliver Hoff, der schon lange als Millowitsch-Imitator unterwegs ist.

(Foto: Thilo Schmülgen)

Es sind gerade auch in Köln Handzettel im Umlauf, auf denen in fremden Sprachen der Karneval erklärt wird. Dass ein Kuss kein Heiratsversprechen bedeutet, ganz grundlegende Dinge, dabei ist es schon schwer, einem Nordfriesen zu erklären, warum der Kölner ein paar Tage lang die Sau und eine große Zahl weiterer Tiere von der Kette lässt. An Weiberfastnacht kürzen Frauen den Männern die Schlipse, im vergangenen Jahr leiteten Kabarettisten daraus einen Hinweis an die Schlächter des IS ab, sich im Karneval zu mäßigen: "Nur die Krawatte, nicht den Kopf!"

Nach Köln kommen, einerseits, ist immer schön. Wie ein Haus zu betreten, das ziemlich runtergewohnt ist, aber deswegen auch sehr gemütlich. Andererseits kann sich natürlich über Nacht das Panorama komplett verändern. Immerhin ist Köln die einzige Stadt der Welt, in der sich das Stadtarchiv von heute auf morgen ins Erdinnere verabschiedet hat.

Helge Malchow hat den besten Blick auf Köln, nicht nur geografisch. Der Verleger sitzt in seinem Büro bei Kiepenheuer & Witsch direkt am Bahnhofsvorplatz, durch ein Fenster schaut der Dom rein, "der schickt die katholische Strahlung, 24 Stunden am Tag". Vom anderen Fenster aus sieht man "die Agora", sagt Malchow, die Domplatte, den Hauptbahnhof, und immer Menschen, Menschen. Gerade sind kleine Tribünen dort aufgebaut worden, für den Rosenmontagszug, der führt ganz dicht hier am Haus vorbei.

Malchow, 65, ist als Kind mit seiner Familie aus der DDR geflohen, in Düsseldorf aufgewachsen, 1983 hat er bei Kiepenheuer in Köln angefangen. Er lebt gern in Köln, sein Grundgefühl für seine Stadt ist Sympathie. Aber eine kritische, erwachsene Sympathie, nichts Verklärendes.

Malchow, ein ziemlich lässiger Intellektueller, erzählt über Köln und Karneval, wie eines mit dem anderen zusammenhängt. "Für mich leidet Köln mental manchmal daran, Angst vor der Welt zu haben. Das ist eine Stadt, die sich nicht gern vergleicht mit anderen Städten, sondern in der man sich gern suggeriert: Hier ist es am besten. Aber die Suggestion funktioniert nur so lange, wie man über die Stadtmauern nicht hinausschaut. Und diese Ambivalenz prägt auch den Karneval."

Vor ein paar Jahren ist er in Rio gewesen, beim sogenannten Weltkarneval. Normalerweise würde man erwarten, dass er sagt: Rio ist besser. Es war aber anders. "Verglichen mit Köln, fällt Rio total ab, was den Grad betrifft, in dem die gesamte Stadt affiziert ist." Im Sambadrom ist die Hölle los, "aber wenn Sie zwei Stunden später am Strand sind, kriegen Sie vom Karneval gar nicht mehr viel mit. Während hier in Köln kein Mensch auch nur annähernd das Gefühl haben könnte, das ist in diesen drei, vier Tagen eine normale Stadt." Die Erkenntnis ist eine Anerkennung für Köln, aber in der Anerkennung steckt auch die Wurzel eines Missverständnisses. "Dieses Gefühl der Kölner, die Größten zu sein, ist, auf den Karneval bezogen, total berechtigt. Aber es ist nicht immer Karneval."

Malchow mag nicht diese Sätze, die angeblich zur Kölner DNA gehören. "Et hätt noch immer jot jejange" zum Beispiel, die Ereignisse an Silvester sind ein Beispiel dafür, dass es nicht immer gut geht. "Dass sich das in Köln ereignet hat, war reiner Zufall, der Bahnhof ist ein Verkehrsknotenpunkt, wo sich das Ganze geballt hat und explodiert ist. Das ist ein bundesweites Skandalon, aber das Kölsche daran war die Reaktion, das Versagen der Polizeiführung. Nicht nur, dass nicht genügend Polizei präsent war, sondern auch, dass dann noch gelogen wird, wenn es daran geht, das Ganze zu kommunizieren."

Wenn man aus dem Fenster schaut, aus dem Fenster zum Bahnhof hin, sieht man die Polizisten. Zentrale Plätze in Köln werden ausgeleuchtet, Kamerawagen in Stellung gebracht, am Dom ist ein Security-Point für Frauen eingerichtet worden. Es gibt natürlich auch eine Bringschuld jetzt, die Polizei will und muss zeigen, dass sie gelernt hat, die Öffentlichkeit wird über einzelne Entwicklungsschritte aufgeklärt. Die Polizei wird bei ihren Ermittlungen zu Silvester unterstützt von Spezialisten des Scotland Yard, zwei Super Recognizer, was sich nach Agentenfilm anhört, aber ernst gemeint ist. Die Super Recognizer haben die sehr seltene kognitive Fähigkeit, sich das Bild einer Person besonders intensiv einzuprägen, sie sind besser als automatische Gesichtserkennungsprogramme, das kann bei der Auswertung von Videoaufzeichnungen nützlich sein.

Alles für die Sicherheit. Auch die Debatten um die Mottowagen bei Rosenmontagszügen, was man als Karnevalist bringen kann und was man besser sein lässt. Malchow sagt: "Es gibt die Legende in der Stadt: Die Kölner Karnevalisten sind immer gegen die Obrigkeit aufgestanden. Das ist die reine Lüge. Viele Kölner Karnevalswagen nach '33 waren antisemitisch. Punkt. Der Massenkarneval spiegelt alle Vorurteile einer Zeit wider, auch alle miesen Vorurteile einer Zeit, und wenn jetzt die ganze Gesellschaft Angst vor Anschlägen hat und sich in Political Correctness flüchtet, dann tut das auch der Karneval. Der Karneval ist nicht losgelöst von der Gesellschaft. Leider."

Er geht zum Fenster, schließt es. Er sagt: "Es gibt nur einen einzigen Nachteil, den dieses Büro hat: Es liegt eine Etage zu hoch, um Kamelle fangen zu können."

Die Tiefe der Beziehung zwischen Köln und Karneval lässt sich wie immer am Detail erkennen, ein Detail ist das Karnevalstrikot des 1. FC Köln, das aussieht wie ein Uniformrock. Stilisierte Quasten, Knöpfe, Kragenschmuck. Die Frage nach wahrer Schönheit stellt sich in Sportklamottenangelegenheiten eher nicht, aber wenn schon ein Karnevalstrikot, dann bitte so eins. "Mer stelle alles op der Kopp", ist das Motto in diesem Jahr, auf dem Karnevalstrikot steht das Logo des Sponsors Rewe auf dem Kopf, auch das hat es in der Geschichte der Bundesliga noch nicht gegeben.

Das Karnevalstrikot betont die anarchistische Seite der Kölner, nachdem der Verein selbst seine eigenwilligen Phasen längst überwunden hat. Dass der österreichisch-kölsche Stürmer Toni Polster mit den Fabulösen Thekenschlampen, einer Kölner Frauenband, den Song "Toni, lass es polstern" aufnahm, ist zwei Jahrzehnte her. Inzwischen wird der Klub geführt von Trainer Stöger aus Wien und Sportdirektor Schmadtke aus Düsseldorf-Eller. Zwei Fachleute, die dem Effzeh sämtliche Flausen ausgetrieben haben, aber gelegentlich selbst dafür sorgen, dass die Street Credibility nicht komplett flöten geht. Neulich hat Schmadtke, der kein Vielredner ist, bei einem Spiel die Schiedsrichter "Eierköppe" genannt. Vom DFB-Sportgericht wurde er zu 6000 Euro Strafe verurteilt dafür, von den Fans aber hart gefeiert. Eierköppe? Sagt doch eigentlich kein Mensch mehr.

Im Karneval allerdings ist das, was man sagt und tut, von großer Flüchtigkeit. Denn nach dem Karneval kommt schon die Fastenzeit bis Ostern. Der Kölner Karneval hängt mit dem Katholizismus sehr zusammen, jedenfalls mit dem rheinischen Katholizismus, der immer bereit ist, Gesetze etwas hinzubiegen, um für den Moment dem Spaß jede Gasse zu öffnen. Der Dialog zwischen Ordnung und Irrsinn wird im Rheinländer praktisch zur Person. Besonders an Karneval, der ja das Versprechen ist, dass es so etwas geben kann wie den kontrollierten Exzess. Für die Kontrolle sind die Polizisten da, 2500 an Weiberfastnacht, außerdem jede Menge als Polizisten verkleidete Menschen. Man erkennt sie als falsche Polizisten daran, dass einige sich einen Gasluftballon am Arm festgebunden haben und ihn mit sich herumtragen wie einen persönlich zuständigen kleinen Mond.

Was die nordafrikanischen Kids machen? Die heimische Jugend lässt sich jedenfalls gut volllaufen

Die echten Polizisten stehen am Dom, und auch in Köln-Nippes am Wilhelmsplatz, wo die KKG Nippeser Bürgerwehr an Weiberfastnacht ihre Sessionseröffnung feiert. Am Rand des Platzes parken kleine rote Fords, in denen sitzen die Regenten. Die Kölner Jungfrau hat das Kennzeichen K-KJ, der Kölner Prinz das Kennzeichen K-KP. So viel zur Ordnung.

Die Unordnung bricht dann am Nachmittag aus, besonders in Düsseldorf, wo die mit Kleinem Klopfer zugesoffenen Jugendlichen kotzend auf der Straße liegen. 54 Arzteinsätze schon am Nachmittag, vor zwei Jahren waren es zwei.

Wie sagte Oliver Hoff? "Im Karneval wird sichtbar, was man ohne Karneval gar nicht merken würde."

Alle schauen, was die nordafrikanischen Kids so machen, und dann fallen einem die Kinder des Rheinlands vollstramm vor die Füße. Aber Karneval erzählt immer auch eine Geschichte, die gerade im Moment natürlich die allerwenigsten hören wollen, denn sie handelt von der Unkontrollierbarkeit der Welt. Dass ein heraufziehender Sturm inzwischen den Rosenmontagszug in Düsseldorf bedroht, passt zur Gesamtsituation.

An Weiberfastnacht ist auch Oliver Hoff am Dom gewesen, als Millowitsch, er hatte seine alten Millowitsch-Autogrammkarten dabei. Eigentlich legt er es an Karneval nicht darauf an, unter Menschen zu sein, "ich brauche meinen Freiraum um mich", hatte er in seiner Wohnung gesagt, aber dann sind ein paar schöne Fotos von ihm entstanden. Hoff als Millowitsch. Im Gespräch mit falschen Pfaffen, mit rosa Kaninchen. Betend vor dem Dom. Umarmt von Punkerinnen. Hoff im Karneval.

Und auf einmal sah es aus, als hätte er alles noch vor sich.