Klimapolitik Wo bleiben die Zumutungen?

Einen Veggie-Tag pro Woche? Fünf wären besser. Denn ein größeres und drängenderes Problem als den Klimawandel gibt es nicht. Dass Politiker sich nicht ernsthaft trauen es anzugreifen, ist kein Wunder. Sie werden keine Risiken eingehen, solange die Menschen es nicht von ihnen verlangen.

Ein Kommentar von Detlef Esslinger

Angela Merkel hat sich in dieser Woche zu den Sondierungen mit der SPD geäußert, außerdem zur Arbeitslosigkeit in den neuen Ländern und zur Lage der Nation überhaupt. Alles Themen, an deren Bedeutung überhaupt kein Zweifel besteht und mit denen sich eine Bundeskanzlerin und CDU-Vorsitzende unbedingt befassen muss. Zum Bericht des Weltklimarats hat Merkel nicht gesprochen. Sie hat ihren Sprecher zwei Sätze ausrichten lassen.

In Teilen der Bürgerschaft ist über die Jahre das Vorurteil zur Gewissheit geronnen, Politiker säßen in ihren Türmen und wüssten kaum, was das Volk bekümmert, es interessiere sie auch nicht. Zu der Ansicht sind Menschen gekommen, die subjektiv allen Grund dazu haben - weil sie zum Beispiel seit Jahren Opfer von Lohndumping sind oder täglich 20 000 Autos an ihrer Haustür vorbeirauschen und für alles Geld da zu sein scheint, nur nicht für die überfällige Umgehungsstraße.

Darüber hinaus pflegen Menschen diese Ansicht, denen es zwar gut geht, die aber doch finden, dass sie es noch besser verdient hätten; und dass es nicht so komme, liege an der Politik. Das Thema Klimawandel hingegen zeigt, dass die wechselseitigen Beziehungen zwischen Politikern und Bürgern durchaus funktionieren. Allerdings auf eine Art, die man nicht unbedingt beruhigend finden muss.

Die "Energiewende" ist nicht mehr als eine Vokabel

Der Bericht, den der Weltklimarat vor einer Woche veröffentlichte, hat im Grunde nur bestätigt, was längst eine Binsenweisheit ist: dass es ein größeres Problem als den Klimawandel nicht gibt. Wenn die Gletscher des Himalaja schmelzen, geht 1,4 Milliarden Menschen in Asien das Trinkwasser aus. Wenn die Ozeane übersäuern, sterben erst Muscheln aus, dann Fische. Und wenn in Europa der Meeresspiegel steigt, müssten nicht nur 70 Millionen Küstenbewohner um ihre Heimat bangen, die Brühe würde auch Felder im heutigen Hinterland versalzen.

Jedes andere Problem ist gering dagegen. Jedes andere entscheidet nur darüber, wie Menschen ihr Zusammenleben organisieren; in einer Gemeinde, in einem Land, international. Die Klimapolitik hingegen entscheidet, wie viel an Zusammenleben eigentlich bleibt. In Umfragen erklären zwei von drei Deutschen, dass sie die Energiewende gut finden. Deshalb bekennen sich Kanzlerin und Union ja auch dazu.

Aber bisher ist Energiewende kaum mehr als eine Vokabel, bisher glauben viele Bürger, dazu brauche es nur ein paar Windräder draußen auf See und einen Umweltminister, der die dazugehörigen Stromtrassen so plant, dass keiner sie sieht. Was aber, sobald es konkret wird und die Selbstverständlichkeiten des Alltags infrage gestellt werden?

Man muss nur ein paar zufällige, willkürliche Beobachtungen zusammenfügen. Bitburg, Kleinstadt in der Eifel, 13 000 Einwohner. Die Bürger protestieren gerade gegen ihren Stadtrat, weil der fürs Zentrum einen Einbahnstraßen-Ring beschlossen hat. Sie beklagen, dass sie nun einen Kilometer fahren müssen, wenn sie zu einem Geschäft möchten, das 300 Meter entfernt ist, aber in der entgegengesetzten Richtung.

Die eigentlich naheliegende Frage fällt niemandem ein: Wieso braucht es für eine solche Strecke ein Auto? Bergisch Gladbach, östlich von Köln. Die Jungen Liberalen bauten dort im Wahlkampf einen Pavillon auf, ihre Themen waren: Freie Fahrt für freie Bürger, und Heizpilze und Plastiktüten sollen erlaubt bleiben. Borniert? Wer jetzt "Typisch FDP" denkt, geht bestimmt immer mit dem Stoffbeutel zum Einkaufen.