Kampf ums Öl Assad beendet Schonzeit für IS-Rebellen

Lange hat die syrische Armee von Machthaber Assad Kämpfe gegen die IS-Rebellen gemieden. Jetzt greift sie die Radikalen an, die sich durch den Verkauf von Öl finanzieren. Die Macht moderater Aufständischer schwindet.

Von Tomas Avenarius, Kairo

Die Zeiten des unerklärten Waffenstillstandes sind vorbei. In Syrien kämpfen die Truppen von Präsident Baschar al- Assad verbissen gegen die Militanten des Islamischen Staats (IS). Schon mehr als 1100 Soldaten des Regimes sollen im Juli bei Gefechten mit der radikalislamischen Miliz getötet worden sein. Offenbar fühlen sich die Islamisten seit der Eroberung der Sunniten-Gebiete im Irak und der Ausrufung ihres grenzüberschreitenden "Kalifat-Staats" so stark, dass sie sich wieder auf den Bürgerkrieg in Syrien konzentrieren.

So kämpft Assads Armee derzeit in den Öl- und Gasgebieten gegen die IS-Truppen. Und die radikal-islamischen Militanten sind noch stärker als früher. IS hat im Irak modernste Waffen erobert, welche die USA der irakischen Armee geliefert hatten.

Bisher hatten syrische Regierungstruppen und IS angeblich jedes Gefecht in auffälliger Weise gemieden. Mit IS verfeindete Rebellen hatten daher Absprachen des Assad-Regimes mit den Islamisten vermutet. Dieser nie belegte Verdacht war zumindest naheliegend. IS hatte schon im vergangenen Jahr vor allem andere Rebellengruppen wie die Freie Syrische Armee bekriegt oder war erfolgreich gegen die Konkurrenz von der al-Qaida zu Felde gezogen. IS ging Kämpfen mit der Armee aus dem Weg, IS-Stützpunkte rund um die syrische Stadt Raqqa wurden angeblich selten von Assads gefürchteter Luftwaffe bombardiert.

Jetzt ist es anders. Assads Armee eroberte nun offenbar das Schaar-Gasfeld östlich von Homs zurück, das IS-Kämpfer eingenommen hatten. Ein lokaler Aktivist sagte zu Al Jazeera, dies sei ein Schlag für die radikalen Islamisten: "Auf dem Gasfeld liegt ein wichtiger Militärstützpunkt, von dem aus die Armee auch die umliegenden, Assad-treuen Orte schützt." Rund um die ostsyrische Stadt Deir al-Sur kämpfen Assads Truppen ebenfalls gegen IS. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte in London, dank ihres Informanten-Netzes zuverlässig, sprach von einer großen Zahl getöteter Assad-Soldaten.

Deir al-Sur ist wichtig für den Islamischen Staat und seinen "Kalifen Ibrahim", wie sich der irakische Islamist Abu Bakr al- Bagdadi nennen lässt. Der Rohstoff aus Syrien wird zusammen mit geplündertem irakischen Öl auf primitive Art raffiniert und auf dem Schwarzmarkt zu Dumpingpreisen verkauft. Mit dem Geld finanziert IS seine Herrschaft. Gleichzeitig zahlt die Gruppe so für den Krieg gegen die syrische und die irakische Armee. Das Ölgeschäft ist so umfangreich, dass der UN-Sicherheitsrat jetzt mit Sanktionen gegen jeden drohte, "der sich direkt oder indirekt am Handel der Terrorgruppen mit syrischem oder irakischen Öl beteiligt". Mit den Einnahmen finanzierten die Militanten "ausländische Kämpfer und stärken ihre Fähigkeit, Terrorangriffe zu organisieren und auszuführen", warnte das Gremium.

Syriens Machthaber Assad scheint sich stark zu fühlen

Assad selbst lässt sich bei all dem selten blicken. Anlässlich des islamischen Eid-Feiertags - begangen wird das Ende des Fastenmonats Ramadan - erschien der Herrscher zum Beten in einer Moschee in Damaskus. An seiner Seite hatte er Syriens Mufti, den obersten staatlichen Religionsgelehrten der rebellischen Sunniten. Assads öffentliches Gebet kann zweierlei bedeuten: Der bei einer fragwürdigen Wahl für eine dritte Amtszeit bestätigte Staatschef fühlt sich sicher. Oder er sieht sich im Gegenteil von dem Sunniten-Aufstand noch immer so bedroht, dass er vor Kameras Selbstsicherheit vorschützen muss.

Naheliegend ist aber eher, dass er sich stark fühlt. Unbestreitbar hat sich das Blatt in dem mehr als dreijährigen Bürgerkrieg zu seinen Gunsten gewendet. Die Armee hat die Aufständischen mit Hilfe libanesischer und irakischer Schiiten-Milizen zurückgedrängt. Rebellen-Hochburgen wie Homs sind wieder unter Kontrolle des Regimes. Militärisch machen es die Aufständischen Assad leicht, solange sie sich gegenseitig bekämpfen. Die Kämpfer der Freien Syrischen Armee und moderat-islamischen Gruppen geraten nun auch in der hart umkämpften Großstadt Aleppo ins Hintertreffen gegenüber der Armee, weil sie gleichzeitig von IS-Militanten beschossen werden.

Politisch bewegt sich nichts. Die Exil-Opposition rund um die "Nationale Koalition" bleibt zerstritten. Den Druck der USA, der EU und der Golfstaaten kann Assad ignorieren, solange Teheran, Moskau, Bagdad und die libanesische Hisbollah ihn stützen. So hatte Großbritannien den syrischen Präsidenten jüngst aufgefordert, "mit gutem Willen zu verhandeln". Dies sind Appelle, die der Mann in Damaskus trotz der inzwischen 170 000 Kriegstoten getrost ignoriert. Alle internationalen Friedensbemühungen sind gescheitert nach der erfolglosen Genfer Konferenz zu Jahresanfang. Zwei erfahrene UN-Vermittler haben frustriert das Handtuch geworfen. Auch unter dem dritten Mittler, dem italienisch-schwedischen Diplomat Staffan de Mistura, wird sich Assad kaum bewegen. Er begrüßte de Mistura nur als "objektiv und ehrlich". Was so viel heißen dürfte wie: Auch vor dem neuen UN-Mann hat Assad keine Angst.