Kampf um Grenzstadt Kobanê Türkei will nur mit Partnern am Boden eingreifen

Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg beim Treffen mit dem türkischen Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu.

(Foto: AFP)
  • Die Türkei ist nicht bereit, eine Bodenoffensive gegen den IS im Alleingang zu starten. Das internationale Bündnis gegen die Terrormiliz müsse eine gemeinsame Strategie finden.
  • Der Vormarsch des IS in Kobanê ist nach Einschätzung des Pentagons allein mit Luftschlägen nicht zu stoppen. Es brauche einen Partner am Boden.
  • Nach Angaben von kurdischer und US-amerikanischer Seite halten die Kurden momentan noch die größten Teile von Kobanê.

Keine einseitige Bodenoffensive gegen den IS

Die Türkei wird nach den Worten von Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu nicht allein mit Bodentruppen in den Kampf um die von der IS-Miliz bedrohte syrische Grenzstadt Kobanê eingreifen. Çavuşoğlu bezeichnete es als unrealistisch, dort eine einseitige Bodenoffensive seines Landes zu erwarten. Während eines Besuchs von Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg sagte er, sollte es dagegen eine gemeinsame Entscheidung des internationalen Bündnisses gegen den IS geben, "wird die Türkei nicht zögern, ihre Rolle zu spielen".

Stoltenberg gab bekannt, in der Allianz gebe es keine Diskussion über eine Flugverbotszone über Syrien oder eine Pufferzone zum Schutz der Flüchtlinge in dem Bürgerkriegsland. Beides hatte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan zuvor gefordert.

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Suche nach einem "effektiven Partner"

Nach Ansicht der USA reichen die momentanen Luftschläge nicht, um die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) in die Flucht zu schlagen und die umkämpfte kurdische Stadt Kobanê (Ain al-Arab) zu retten. Die Angriffe hätten in und um die an der syrisch-türkischen Grenze gelegene Stadt zwar durchaus gewirkt, sagte Pentagonsprecher John Kirby am Mittwoch. "IS besitzt Kobanê derzeit nicht." Möglicherweise habe sich ein Drittel der Kämpfer zurückgezogen, auch wegen des militärischen Drucks, den die USA und ihre Verbündeten aus der Luft ausgeübt hätten. Dennoch sei die Belagerung Kobanês Kirby zufolge allein mit Luftangriffen nicht zu stoppen.

Am wichtigsten seien Truppen am Boden und hier die Truppen von Einheimischen, sagte er weiter. Doch das internationale Bündnis hätte im Moment keinen "gewillten, fähigen, effektiven Partner", der es innerhalb Syriens am Boden unterstützen würde. Deshalb drängten die USA darauf, die Trainings- und Ausrüstungsmission für die als gemäßigt geltenden syrischen Rebellen in Saudi-Arabien zu starten. Dies dürfte allerdings Monate dauern.

"Unsere Strategie beruht auf etwas, das es noch nicht gibt, (...) einer syrischen Opposition, die den Kampf gegen Isil (= den IS, Anm. d. Red.) aufnehmen kann", hatte zuvor auch ein Sprecher von US-Präsident Barack Obama gesagt

Obama: "Nichts, was über Nacht gelöst werden wird"

US-Präsident Obama selbst gestand bei einem Besuch im Verteidigungsministerium ein, dass der Kampf gegen den IS weiterhin schwierig sei. "Es bleibt eine schwierige Mission. Wie ich von Anfang an angedeutet habe, ist dies nichts, was über Nacht gelöst werden wird."

Angesichts der schweren Kämpfe in Kobanê war am Mittwoch auch erneut die Einrichtung einer Pufferzone im Gespräch. Die mehr als eine Million Flüchtlinge, die bereits die Grenzen überquert hätten, seien ein Problem für die Türkei, den Libanon und Jordanien, sagte US-Außenminister John Kerry. Auch der britische Außenminister Philip Hammond sagte bei dem Treffen mit Kerry, die Idee einer Pufferzone sei noch nicht vom Tisch.

Kobanê weiter umkämpft

Für den Moment scheinen die Kurden Kobanê noch halten zu können: Die US-Streikräfte haben Angaben von kurdischer Seite im Norden Syriens bestätigt, nach denen die umkämpfte Stadt weiterhin in der Kontrolle der kurdischen Einheiten ist. Die Kämpfer hielten den Attacken der Terrormiliz IS stand, schrieb das US-Zentralkommando in Tampa (Florida) am Mittwochabend in einer Mitteilung. Das US-Militär würde die Lage in Kobanê genau verfolgen, hieß es.

Bei acht Angriffen der USA und der jordanischen Luftwaffe nahe Kobanê seien unter anderem gepanzerte Fahrzeuge, ein Nachschubdepot sowie ein Kommandozentrum und Unterkünfte des IS zerstört worden. Insgesamt seien am Mittwoch in Syrien neun Luftangriffe gegen den IS geflogen worden. Die USA hätten zudem drei Luftschläge im Irak ausgeführt.

Der Bürgermeister von Erbil, der Hauptstadt der autonomen Kurdenregion im Nordirak, fordert entschlossenere Hilfe für Kobanê. "Es scheint, als wird Kobanê bewusst geopfert", sagte Nihat Latif Kodscha der Welt. "Ich kann verstehen, dass die Türkei nicht gerne mit der syrisch-kurdischen PYD zusammenarbeitet, schließlich steht sie der kurdischen Arbeiterpartei PKK nahe, die seit Jahren in der Türkei zum Teil militant aktiv ist. Aber diesen Streit sollte man jetzt beilegen und den IS gemeinsam besiegen." Auch die westliche Luftunterstützung für die Verteidiger der kurdischen Stadt sei nicht effektiv.

Mehrere Tote bei Protesten in der Türkei

Der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoğlu sagte am Mittwochabend nach Angaben der Nachrichtenagentur DHA, 19 Menschen seien bei den Protesten in der Türkei ums Leben gekommen und 145 Menschen seien verletzt worden. Zudem habe es 368 Festnahmen gegeben.

Der "Islamische Staat" versucht seit mehr als drei Wochen, Kobanê an der türkischen Grenze zu erobern. Zwischenzeitlich war er bereits in die Stadt vorgedrungen, nach kurdischen Angaben aber zunächst zurückgedrängt worden.