Joachim Gaucks Russland-Schelte Der unbesonnene Präsident

Bundespräsident Joachim Gauck während der Gedenkfeier zum 75. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkriegs auf der Westerplatte in Danzig

(Foto: dpa)

Bundespräsident Joachim Gauck rüstet verbal auf - gegen Russland. Dabei hat Gauck vor kurzem - in Frankreich - die Partnerschaft mit ehemaligen Feinden angemahnt. Die 30 Millionen sowjetischen Kriegsopfer erwähnt er mit keinem Wort. Das ist nicht klug.

Kommentar von Heribert Prantl

Der Bundespräsident setzt sich in Widerspruch zu seinen eigenen Worten. Kürzlich, als er in Frankreich des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs gedachte, mahnte er, "den politischen Willen nicht zu verlieren, der aus alten Feinden Partner und Freunde macht".

Joachim Gauck gibt, wie sich zeigt, schnell auf; wenig später hält er sich selbst nicht an seine Mahnung. Soeben, in Polen des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs gedenkend, verlor er den politischen Willen, Russland als Partner sehen zu wollen; er schob allein Russland die Schuld dafür zu - und sprach nur noch in der Vergangenheitsform von einem europäischen Russland. Das ist nicht klug, das ist unbesonnen.

Am 1. September 1939 hat Nazi-Deutschland Polen überfallen. Der Bundespräsident spricht von der Scham über die deutschen Verbrechen und benennt die Nazi-Gräuel; das ist wichtig. Dabei darf er aber an der russischen Grenze keine Vollbremsung machen.

Versöhner sein, nicht Spalter

Polen war Aufmarschgebiet für den Überfall des Nazi-Reichs auf die UdSSR. Um "Lebensraum im Osten" zu erobern und "jüdischen Bolschewismus" zu vernichten hausten die Nazis grauenvoll: Es gab dreißig Millionen sowjetische Kriegsopfer. Gauck sagte aber kein einziges Wort darüber, welche Traumata der Krieg in Russland hinterlassen hat.

Wie sollte Deutschland sein politisches Gewicht in der Welt einsetzen?

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Ein Bundespräsident hat eine andere Rolle als der Nato-Generalsekretär. Es ist nicht seines Amtes, verbal aufzurüsten. Er soll, um ein Wort eines Vorgängers zu zitieren, Versöhner sein, nicht Spalter. Das gilt nicht nur für die nationale, sondern auch für die internationale Ebene.

"Wandel durch Annäherung" war einmal ein erfolgreiches Konzept in den großen Zeiten deutscher Außenpolitik, von 1969 bis 1989. Diese Politik hat die Grundlage gelegt für die deutsche Wiedervereinigung. Man kann sie nicht einfach kopieren, man muss sie neu konzipieren. Aber gewiss ist: Wandel durch Ausgrenzung funktioniert nicht.

Putin wird nicht berechenbarer

Wenn das Miteinander reden nicht mehr gut funktioniert oder kaum noch einen Erfolg hat, dann hilft es nichts, gar nicht mehr miteinander zu reden. Es ist nicht gut, den Gegner aus Gesprächskreisen hinauszuwerfen. Erst hat man Putin aus dem Kreis der G 8, also der acht wichtigsten Industrienationen der Welt, ausgeschlossen.

Gegenwart holt Vergangenheit ein

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Jetzt wird darüber diskutiert, Russland auch bei den G 20, dem Kreis der zwanzig wichtigsten Industrie- und Schwellenländer, nicht mehr zuzulassen. Das ist töricht, das ist kontraproduktiv, das ist Kindergarten-Diplomatie. Im Kindergarten ist der Sandkasten das Spielfeld für Kinder. Der Sandkasten ist auch Übungsfeld für die Militärs. Für die Diplomatie eignen sich Sandkastenspiele nicht. Ein unberechenbarer Putin wird nicht dadurch berechenbar, dass man ihn schneidet.

Bundespräsident Joachim Gauck ist evangelischer Theologe. Er kennt den berühmten alttestamentarischen Text des Propheten Jesaja - in dem es heißt, dass die Völker ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. "Und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen." Dieses Lernen ist höchste Aufgabe der Diplomatie.

"Die Geschichte lehrt uns, dass ..."

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