Japan: GAU im Atomkraftwerk Fukushima-1 Atom-Experten halten Sperrzone für zu klein

Die Radioaktivität ist auch außerhalb der 20-Kilometer-Sperrzone um Fukushima-1 bedenklich hoch. US-Experten empfehlen, die Sicherheitszone auf mindestens 80 Kilometer zu erweitern - neue Luftaufnahmen zeigen jetzt das ganze Ausmaß der Katastrophe.

Von Patrick Illinger

Nicht nur in der Bevölkerung, auch international wächst der Unmut über das Katastrophenmanagement der Behörden in Japan. Besonders krass zeigte sich die unterschiedliche Einschätzung der Sicherheitslage, als Gregory Jaczko, der Vorsitzende der US-Atomregulierungsbehörde, erklärte, die Sicherheitszone rund um die Reaktoranlage Fukushima 1 sei zu klein. Nicht nur ein Radius von 20 Kilometern um die Anlage sollte evakuiert werden, wie von den japanischen Behörden verfügt, forderte Jaczko. Sondern der Sicherheitsabstand müsse mindestens 80 Kilometer betragen.

Diese Differenz hätte massive Konsequenzen für die Evakuierungspolitik Japans. In dem von US-Experten als gefährdet angesehenen Gebiet wohnen 1,9 Millionen Menschen. Aus dem bisher festgelegten Sperrgürtel mussten lediglich 77.000 Menschen umziehen. In der von der amerikanischen Behörde geforderten Evakuierungszone liegen unter anderem die Städte Fukushima, Koriyama und Iwaki. Dort wohnen so viele Menschen wie in Karlsruhe, Bonn und Wuppertal.

Angesichts der enormen Folgen einer erweiterten Schutzzone, werden die USA ihre Einschätzung nicht leichtfertig veröffentlicht haben. Die große Frage lautet nun: Leben große Teile der Bevölkerung in der Region Fukushima bereits mit gefährdender Strahlung?

Aus den wenigen öffentlich zugänglichen Daten über Strahlungswerte lässt sich kein eindeutiger Schluss ziehen. Doch die Indizien sprechen dafür, dass die Region derzeit einiges an Radioaktivität verkraften muss. Das nächstgelegene Messgerät, dessen Daten permanent im Internet abrufbar sind, steht unweit des Kernkraftwerks Tokai bei der Stadt Hitachinaka in der Präfektur Ibaraki, gut 100 Kilometer südlich von Fukushima 1. Diese Station zeigte am Donnerstag einen Wert von 0,9 Mikrosievert pro Stunde an, Tendenz leicht fallend. Dieser Wert liegt zehn- bis zwanzigmal so hoch wie in den entfernteren Präfekturen Japans.

Einen zweiten Anhaltspunkt bietet eine Messanlage am Eingangstor des havarierten Kraftwerks Fukushima 1, die allerdings nicht mit dem Internet verbunden ist. Nach Angaben des Kraftwerksbetreibers Tepco zeigte dieser Zähler am Donnerstag stabile Werte um die 1500 Mikrosievert pro Stunde an, also mehr als das 1500-Fache dessen, was 100 Kilometer südlich gemessen wird. In den vergangenen Tagen allerdings waren, vor allem nach den Explosionen der Krafwerksblöcke, die Messwerte am Tor immer mal wieder deutlich höher - sie stiegen bis auf 8000 und 12.000 Mikrosievert pro Stunde.

Am Sonntag könnte der Wind drehen und eine Millionenstadt treffen

Weitere Daten liefert eine Tabelle des japanischen Wissenschaftsministeriums vom Mittwoch. Dort sind knapp zwei Dutzend Messwerte verzeichnet, die außerhalb der Sperrzone im Abstand zwischen 20 und 60 Kilometer von der havarierten Anlage genommen wurden. Diese Strahlungswerte liegen zwischen sieben und 80 Mikrosievert pro Stunde, was eine deutliche radioaktive Belastung der Region bedeuten würde. Am Donnerstag soll eine dieser Messstationen 170 Mikrosievert pro Stunde erreicht haben. Demnach wären die Menschen dort einer stärkeren Strahlung ausgesetzt als Astronauten im Weltraum.

Für die Zukunft ist bedeutsam, woher die erhöhte Strahlenbelastung kommt. Hat die am Anfang der Woche zeitweise ungünstige Windrichtung für einen kurzzeitigen Anstieg gesorgt? Oder sind bedeutende Mengen radioaktiver Substanzen wie Cäsium, Jod, Strontium oder gar Plutonium niedergeregnet, die die Äckerböden nun auf Jahre hinaus belasten?

Positiv für die Region wirkt zurzeit lediglich die Windrichtung. Luftmassen wehten am Donnerstag direkt hinaus auf den Ozean. Diese Wetterlage soll aktuellen Vorhersagen zufolge noch bis Samstag anhalten. Am Sonntag jedoch könnte der Wind wieder drehen und von Südosten kommen. In diesem Fall wäre unter anderem die von dem Tsunami bereits hart getroffene Millionenstadt Sendai von den bis dahin wohl kaum eingedämmten radioaktiven Abgasen aus Fukushima 1 bedroht.

Ähnlich kritisch wie die Amerikaner beurteilte Yuhei Sato, der Gouverneur von Fukushima, die Arbeit der Behörden. Die Angst und Entrüstung der Menschen in Fukushima habe den Siedepunkt erreicht, sagte er. Für japanische Verhältnisse ist das ein ungewöhnlich scharfer Aufruf.

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